Von der alten Kläranlage Felsensägmühle ist bald nichts mehr zu sehen. Der Bach bekommt hier nicht nur einen naturnahen Verlauf. Die neuen Rechte garantieren auch, dass im Mutterbett selbst bei Trockenheit immer Wasser fließt.

Leonberg - Die Forellen und andere tierische Glemsbewohner im Höfinger Täle freut es – ein weiteres Hindernis in ihrem Lebensraum wird beseitigt. Derzeit renaturieren Fachleute hier nämlich das Areal der früheren städtischen Kläranlage Felsensägmühle und gestalten den Wasserkanal der gleichnamigen Mühle neu.

 

„Diese Arbeiten gelten als Ersatzmaßnahme für den 2008 abgeschlossenen sechsspurigen Ausbau der A 8 zwischen Leonberg und Heimsheim“, erläutert Katja Lumpp, die Sprecherin des Regierungspräsidiums Stuttgart. Die Behörde ist federführend für das Vorhaben, denn der Bund als Träger der Autobahn investiert hier rund 1,3 Millionen Euro. Gearbeitet wird bis Ende Juli, Anfang August.

Bereits 1997 wurde das Projekt planfestgestellt und 2003 in einem Ergänzungsverfahren präzisiert. Das Gelände gehört nämlich der Stadt Leonberg und wird als Ersatz für den Flächenverbrauch beim Ausbau der A 8 zur Verfügung gestellt.

Damit wird etwas rückgängig gemacht, das fast 50 Jahre lang hier das Ökosystem der Glems stark beeinflusst hat. Begonnen hatte alles damals Mitte der 60er-Jahre, als sich die Glems und die Jagst um den Titel des am stärksten belasteten Gewässers im Land stritten.

Genügend Wasser für die Mühlen

Die Stadt Leonberg errichtete deshalb im Jahr 1968 ihre erste Kläranlage im Bereich der Felsensägmühle. Gleichzeitig wurde an der Glems der sogenannte Mühlkanal, der das Wasser zur Felsensägmühle leitet, neu gestaltet. Dieses Wasserabzapfen aus Flüssen und Bächen beruht auf jahrhundertealten Wasserrechten. Die sollten seinerzeit garantieren, dass den Müllern genügend Wasser zur Verfügung steht, um ihre Mahlwerke zu betreiben.

Wie in den Sechzigern üblich, wurde mit Beton nicht gespart. Es wurde ein hohes Wehr errichtet, das das meiste Wasser zur Mühle leitete, wo eine Turbine auch heute noch Strom erzeugt. Das Mutterbett der Glems bekam dadurch nur wenig Wasser ab – in trockenen Zeiten häufig überhaupt keines mehr. Für die Fische und andere Lebewesen entstand so ein schier unüberwindbares Hindernis. Nach dem hohen Wehr wurde der Kanal verdolt, also das Wasser in ein Betonrohr gezwungen. So wurden Teile des Glemsbettes auf einer Länge von rund 350 Metern zubetoniert. Doch der Bau der großen Kläranlage Mittleres Glemstal 1991, an die die gesamte Stadt angeschlossen ist, machte das Klärwerk Felsensägmühle überflüssig, es wurde 1998 abgerissen. Das Gelände bezog man in die Pläne für den Ausbau der Autobahn mit ein.

Inzwischen gilt die Glems als ein nur noch mäßig belastetes Gewässer. Doch das Problem ist weiterhin, dass sie an vielen Stellen „verbaut“ ist. „Jetzt werden die Verdolung und das Wehr abgebrochen“, erläutert die Sprecherin des Regierungspräsidiums. „Insgesamt wird die Glems in diesem Bereich wieder in einen naturnahen, durchgängigen Zustand gebracht und das Umfeld entsprechend gestaltet.“ Zwei Amphibientümpel sind vorab in den ehemaligen Becken der Kläranlage bereits angelegt worden, die derzeit reich bevölkert sind.

160 Liter Wasser pro Sekunde – mindestens

„Mit einer Gesetzesnovellierung vor 20 Jahren wurde festgelegt, dass bei der Renaturierung von Gewässern – auch dort, wo nach den alten Rechten Wasser abgezapft wird – eine errechnete Mindestwassermenge im Mutterbett verbleiben muss“, erläutert Manfred Schmickl, der Leiter der Stadtentwässrung, zu der auch die Kläranlage Mittleres Glemstal gehört. „Diese Menge beträgt im Fall der Glems bei der Felsensägmühle 160 Liter Wasser in der Sekunde, die durch das Mutterbett des Baches fließen müssen“, sagt Schmickl.

Eine sogenannte raue Rampe leitet das Wasser in Zukunft über ein Streichwehr sowohl in den jetzt offen liegenden Mühlkanal als auch in das umgestaltete Bachbett. Dieses ist so angelegt, dass es durch seine neue Breite auch mehr Wasser speichern kann, was unter anderem auch dem Hochwasserschutz dient. In der Felsensägmühle wird wie in der Clausenmühle und der Fleischmühle nach dem Umbau weiterhin Strom erzeugt – in der Scheffelmühle dagegen läuft die Turbine nicht mehr.

In diesem Jahr soll auch mit der Renaturierung der Glems an der Wehranlage der Lahrensmühle begonnen werden. Damit verläuft dann die Glems bei Leonberg in einem weiteren Abschnitt in einem naturnahen Bett. Bereits seit Längeren tut sie das beim Aldi-Kreisverkehr und seit zwei Jahren im Bereich der Fleischmühle.