Leonberg: Historischer Spaziergang Bäckersfrau wird auf dem Marktplatz lebendig

Von Ute Jenschur 

Ein Spaziergang mit der Bäckersfrau Lydia Hegele durch die historische Altstadt des 19. Jahrhunderts.

Fast 40 Besucher folgen der Bäckersfrau, die im echten Leben Ina Dielmann heißt und die diese besondere Stadtführung leitet. Foto: factum/Bach
Fast 40 Besucher folgen der Bäckersfrau, die im echten Leben Ina Dielmann heißt und die diese besondere Stadtführung leitet. Foto: factum/Bach

Leonberg - Eigens für diesen Anlass hat sich die Bäckersfrau Lydia Hegele ihr bestes Kleid angezogen. Trotz sommerlicher Temperaturen treffen wir sie auf dem Leonberger Marktplatz in ihrem hochgeschlossenen schwarzen Hochzeitskleid, auf das sie besonders stolz ist. 21 Mark hat es gekostet, viel Geld war das damals anno 1876, als sie ihren Albrecht geehelicht hat. Fast 40 Besucher folgen der Bäckersfrau, die im echten Leben Ina Dielmann heißt und die diese besondere Stadtführung leitet. Im Mittelpunkt stehen nicht die Sehenswürdigkeiten Leonbergs, sondern das Wirtschafts- und Haushaltstagebuch, das Lydia Hegele geführt hat. Es zeigt das Leben und Haushalten im 19. Jahrhundert. Sie listet darin wichtige Ereignisse in ihrem Leben genauso auf, wie die dadurch entstandenen Kosten.

Als Tochter des Adlerwirts konnte sie zur Schule gehen. Zwar nicht in die Lateinschule, die nur Buben vorbehalten war. Sie ging sieben Jahre lang in die Spitalschule. Zwar nicht gerne, aber sie hat immerhin Rechnen und Schreiben gelernt. Laut ihrer Heiratsurkunde war ihre Eheschließung eine der ersten im Leonberger Rathaus. Zuvor wurden die Ehen nur im Kirchenbuch eingetragen. Ihre Heiratsurkunde trägt die Nr. 9. Insgesamt sieben Kinder hat sie bekommen, von denen einige aber früh verstorben sind. Gelebt hat die Familie am Marktplatz, im Haus in dem heute die Bäckerei Trölsch ihr Geschäft hat. Um die Backstube von Ungeziefer frei zu halten, griff die Familie damals zu rabiaten Mitteln. Sie notiert im Buch den Tipp einer Freundin: Sie solle in der Apotheke das giftige Schweinfurter Grün kaufen, es in Milch auflösen und in die Fugen schmieren, dann gäbe es keine Schaben mehr. Es war damals auf Arsenbasis eines der ersten Pflanzenschutzmittel.

Kampf um ein neues Ladenschild

Viel Platz in ihrem Büchlein nehmen die Geschenke ein, die sie gegeben oder auch bekommen hat. So ist festgehalten, dass sie ihrer Nichte eine Puppenstube für 2,50 Mark gekauft hat. Besonders teuer war die Puppe, für die sie acht Mark aufbringen musste. Nicht viel Unterschied zu heute gibt es bei den Geschenken für ihre Eltern. Ihr Vater hat zum Geburtstag ein Hemd bekommen und einen Schlips, die Mutter zwei Schürzen.

Während ihr Mann in der Backstube stand, war Lydia für den Verkauf und die Dekoration zuständig. So ließ sie ein neues Ladenschild für stolze 13 Mark anfertigen – nach einem harten Kampf mit ihrem Mann, dem das zu teuer war.

Die Familie hatte eine kleine Landwirtschaft

Auch die Kinder mussten damals schon mithelfen und am Roßmarkt Laugenweckle verkaufen, für die die Bäckerei berühmt war. Sohn Paul hat dafür extra einen neuen Anzug bekommen. Der wurde nicht im Laden gekauft. Den Stoff gab es im Geschäft von A. Lochmüller und genäht hat ihn eine Schneiderin. Auch den sehr teuren Stoff für ihr Hochzeitskleid hat sie dort gekauft. Dazu für 6 Mark in der Leonberger Schuhfabrik noch ein paar schwarze Schuhe mit Absatz und einen Sonntagsstrohhut für 10,20 Mark. Allein die Feder am Hut kostete 2,30 Mark.

Eine kleine Landwirtschaft hatte die Familie auch, ein Schwein, Obstbäume und ein Gärtle in Richtung Solitude. Aus den Beeren wurde gerne Träubles-Most gemacht. Das Rezept hat sie festgehalten: 104 Pfund rote und schwarze Träuble, 50 Pfund Heidelbeeren, 100 Pfund Korinthen und 50 Pfund Zucker. Das war kein billiges Vergnügen, 35 Mark haben die Zutaten gekostet, herausgekommen sind zwei Eimer Most. Der „war schier zu gut“, hat sie in ihrem Büchlein festgehalten.

1886 hielt der Fortschritt Einzug in Leonberg. Die Hegeles bekamen eine Wasserleitung direkt ins Haus. Um die 150 Mark muss die gekostet haben, wie aus dem Wirtschaftsbuch ihres Mannes hervorgeht. Gespart wurde dann immerhin die Kübelgebühr, die für das Wasser am Brunnen gezahlt werden musste.




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