Leonberg Junge Frau muss Flüchtlingen weichen

Von Hans Jörg Ernst 

Der Landkreis will 170 Asylbewerber in einem Wohnheim am Krankenhaus unterbringen. Den jetzigen Mietern wird dafür gekündigt, etwa der 20-jährigen Zina. Sie und ihr Freund stehen zu Weihnachten auf der Straße.

Flüchtlinge haben  ein schweres Schicksal Foto: dpa
Flüchtlinge haben ein schweres Schicksal Foto: dpa

Leonberg - Zina ist derzeit ohne Arbeit. Eine Berufsausbildung konnte die 20-Jährige bisher noch nicht abschließen. Wie auch ihr Freund Kevin wohnt sie seit längerer Zeit in einem Jugendgästehaus, das vom Internationalen Bund (IB) über einen gesonderten Verein verwaltet wird.

Jetzt haben Zina, ihr Freund und eine weitere Bewohnerin kurzfristig die Kündigung bekommen und sollen innerhalb von sechs Wochen ausziehen. Ihre Zimmer sollen bis zum Jahresende leer sein. Begründung: das Landratsamt Böblingen, von dem der Jugendgästehausverein des IB die Häuser angemietet hat, benötigt im nächsten Jahr dringend Wohnraum für Flüchtlinge. Eine neue Bleibe haben die jungen Leute noch nicht gefunden. Selbst wie Flüchtlinge, sitzen sie jetzt auf ihren gepackten Koffern und Kisten.

Wohnlich sieht anders aus. In dem etwa 15 Quadratmeter kleinen Zimmer von Zina stapeln sich die Umzugskartons. Die Kündigung ihres Beherbergungsvertrages hatte sie Mitte November erhalten. Es sind noch zwei Wochen, dann sitzt Zina auf der Straße. Eine bezahlbare Wohnung konnte sie bislang nicht finden. Sie will wenn möglich in Leonberg bleiben, einen Führerschein hat sie nicht.

Im Jugendgästehaus wohnt sie für 250 Euro warm, da ist alles dabei. Zwar gibt es nur eine Etagendusche, eine Toilette und eine Küche für das ganze Stockwerk, aber dafür in der Kantine eine günstige Verpflegung.

Zina hatte im vergangenen Jahr eine Ausbildung zur technischen Produktdesignerin in Neckar-gmünd begonnen, hat diese aber abbrechen müssen und kam wieder zurück nach Leonberg ins Jugendgästehaus. „Die Ausbildung musste ich aus gesundheitlichen Gründen beenden“, erklärt sie.

Der Internationale Bund wurde 1949 in Tübingen gegründet, um jungen Menschen den Zugang zur Arbeitswelt zu ermöglichen. Heute ist der IB deutschlandweit in den Bereichen soziale Arbeit, Bildung und berufliche Ausbildung aktiv und unterhält bundesweit Hunderte von Einrichtungen. Ein Zweig des IB sei das Wohnen, erklärt Inez Schmidt, die Leiterin des Jugendgästehauses in Leonberg.

Hierzu hat der IB zwei Häuser am´ Krankenhaus vom Landratsamt angemietet. Eines für Stuckateure, die sich zum Meister fortbilden, das zweite als Wohnraum für Leute in der Erstausbildung.

Genau das ist der Punkt: Zina macht derzeit keine Ausbildung, ihr Freund arbeitet bei der Post. So gehören sie nun zu den ersten, die sofort rausfliegen.

Betroffen sind aber eigentlich alle, sagt Zina, deren Beherbergungsvertrag eigentlich bis Dezember 2016 geschlossen wurde. „Die sitzen auf Kohlen, müssen sich etwas anderes suchen, denn bis spätestens April soll hier alles leer sein, damit die Flüchtlinge einziehen können“, verdeutlicht sie.

„Letztendlich kam der Wunsch vom Landratsamt“, erklärt die Jugendgästehausleiterin Schmidt. Der Verein rechnet selbst damit, dass er bis Mitte kommenden Jahres aus Böblingen die Kündigung für die Häuser bekommt.

In der Tat steckt die Kreisbehörde in einer schwierigen Lage. Das Unterbringen von Flüchtlingen ist eine staatliche Aufgabe. Der Kreis bekommt sie zugewiesen und verteilt sie wiederum auf die Kommunen in seinem Gebiet.

Nach ersten Einschätzungen soll der Landkreis im nächsten Jahr mindestens 200 weitere Plätze zur Unterbringung der Flüchtlinge einrichten. „Wir sind mit unserer Kapazität am Ende und suchen händeringend nach geeigneten Unterkünften“, erklärt Landrat Roland Bernhard. Daher sollen nun auch in den beiden kreiseigenen Wohngebäuden in Leonberg Zimmer und Apartments für 65 und 105 Personen zur Verfügung gestellt werden.

Das Gasthaus Sonne am Rande der Altstadt, das zuletzt als Notunterkunft im Gespräch war, scheint hingegen vorerst vom Tisch. Auch im Hotel Sonne und im Hotel Kirchner gibt es keine Kapazitäten.

Die Jugendgästehäuser sind keine kurzfristige Lösung, sagt Richard Sigel, der beim Kreis für die Gebäudewirtschaft zuständige Dezernent. „Unter Einhaltung der vertraglichen Kündigungsfristen können die Räume frühestens ab August 2014 zur Verfügung gestellt werden.“

Die Wohnung von Zina ist auch dabei. Mit dem Beherbergungsvertrag hat sie nur eine Kündigungsfrist von wenigen Wochen. Zum Jahresende könnte sie auf der Straße sitzen. Da bekommt der Appell von Landrat Roland Bernhard an die Bevölkerung, dem Landkreis geeignete Objekte oder Liegenschaften zu melden, doch einen etwas faden Beigeschmack: „Wir sind unseren Bürgerinnen und Bürgern für jeden Hinweis herzlich dankbar, um Menschen helfen und ihnen eine angemessene Umgebung bieten zu können“, sagt der Kreischef. „Gerade in der Adventszeit hat die Hilfe für Menschen in Not einen großen Stellenwert.“ Vielleicht sorgt sich der Landkreis auch für Zina und ihre Freunde doch noch um eine gute Lösung. Gerade jetzt, in der Weihnachtszeit.