Leonberg „Mein Überleben sollte kein Zufall sein“

Von Holger Viereck 

Samuel Pisar war in sieben Konzentrationslagern. In Leonberg war er der jüngste Häftling, später beriet er Präsidenten und wurde Diplomat. Am Dienstag wird er 85 Jahre alt.

Samuel Pisar hat die NS-Zeit überlebt. Foto: EPA
Samuel Pisar hat die NS-Zeit überlebt. Foto: EPA

Leonberg – Herbst 1944: Mehrere große Häftlingstransporte aus Polen kommen in Leonberg an. Mindestens 4000 Häftlinge arbeiten hier Tag und Nacht im Autobahntunnel am Engelberg an einer der „Wunderwaffen“ Hitlers. Weil die Front durch die Rote Armee immer weiter in Richtung Westen verschoben wird, lässt die NS-Regierung auch die Rüstungsindustrie nach und nach in Richtung Westen verlegen. Vor allem Bergwerke, Schächte und, wie in Leonberg, Tunnel sind nun wegen der ständigen Gefahr der alliierten Bombardierungen gefragt.

Die erbärmlichen Gestalten, die am Leonberger Bahnhof ankommen und zu ihren Unterkünften in der heutigen Seestraße marschieren, haben teilweise wochenlange Fahrten hinter sich und hoffen, dass es hier im Schwäbischen nicht so furchtbar werden wird, wie in den Vernichtungslagern im Osten. Unter diesen Männern befindet sich auch ein Junge: Samuel Pisar. Er ist mit seinen 14 Jahren eigentlich noch zu jung, hätte daher nicht zur Arbeit eingesetzt werden dürfen. Die meisten Polen seines Alters, des Jahrgangs 1929, sind schon vor Monaten in den deutschen Gaskammern umgebracht worden.

Eltern und Schwester werden umgebracht

Samuel Pisar, der aus Bialystok stammt, hat es, anders als die meisten der 90 000 Juden seiner Heimatstadt, bis hierher geschafft. Im Sommer 1941 haben die Deutschen in seinem Heimatort 2000 Juden in der Synagoge eingepfercht. Nachdem die Türen von außen verschlossen waren, zündeten die Deutschen sie an. Niemand in der Synagoge überlebte. Später wurden Samuel Pisars Eltern und die Schwester umgebracht, er selbst deportiert.

Samuel Pisar ist groß und kräftig. Er sieht aus wie ein 18-jähriger Handwerker. In den beiden Jahren, bevor er nach Leonberg kommt, durchläuft er die Konzentrationslager Majdanek, Blizyn, Auschwitz, Sachsenhausen, Oranienburg und Dachau – und überlebt. Er ist nicht daran zerbrochen und nun in der nächsten Hölle angekommen. „Auch in Leonberg starben die Menschen wie die Fliegen, es war nicht besser hier – es war anders“. Wer heute mit ihm spricht, der merkt, wie wichtig ihm der Überlebenswille dieser Tage ist. „Ich wusste ja, dass meine Familie nicht überlebt hatte. Auch aus meiner Schulklasse habe nur ich überlebt. Ich wollte um keinen Preis aufgeben, ich wollte leben.“

Hunger, Hunger, Hunger

Neben der schweren Arbeit im Tunnel werden Pisar und seine Mithäftlinge mehrfach nach Bombenangriffen nach Stuttgart gebracht. Zwischen den Trümmern sollen sie nach Überlebenden suchen und helfen, wieder Ordnung zu schaffen. „Mein einziger Gedanke war dabei stets, woher ich etwas zu essen bekommen könnte. Nach monatelanger Unterernährung war ich geschwächt und so hungrig, dass ich sogar Halluzinationen hatte.“

Frühjahr 1945: Als der Tunnel in Leonberg endgültig geschlossen wird, müssen die Häftlinge zu Fuß nach Bayern. Viele überlebten die Strapazen nicht, wurden erschlagen, erschossen oder brachen einfach tot am Straßenrand zusammen. Auf dem letzten Teilstück des Weges gelingt es Pisar zusammen mit zwei Freunden, sich von der Häftlingsgruppe abzusetzen. Die drei Freunde riskieren die Flucht mit zwölf weiteren Häftlingen während eines nächtlichen Luftangriffes. Neun wurden von der SS direkt wieder gefunden und erschossen. Pisar und seine beiden Freunde überleben. Am nächsten Tag verstecken sie sich in einer Scheune und blieben dort, bis sie von amerikanischen Truppen gerettet wurden.

Samuel Pisars zweites Leben beginnt. Er fängt an, auf dem Schwarzmarkt zu handeln. Mit seinen Freunden stiehlt er Militärmotorräder. Gemeinsam brettern sie über die vollkommen leeren Reichsautobahnen. „Eine BMW 500 – das war für uns damals die Freiheit pur.“

Mit der BMW 500 über die Straßen heizen

Einige Wochen vorher waren sie noch mit Hunderten Häftlingen auf einem Todesmarsch und wurden als Arbeitssklaven ausgepresst. Nun genießen sie es, niemandem zu gehorchen, vollkommen frei zu sein. Die Jugendlichen lassen sich den Wind um die Ohren pfeifen. Sie wollen sich und anderen zeigen, dass ihnen niemand mehr etwas zu sagen hatte. Niemand.

Neben dem Schwarzmarkt, der jetzt für genügend Essen sorgte, lernt Pisar auch schon für die Schule. Mit einem Offizier hatte er einen Handel abgemacht: Zigaretten gegen Mathematikstunden. Es war ihm klar, dass er sechs Jahre Schule verloren hatte. Diese galt es nun aufzuholen. „Ich habe mich damals immer gefragt, was meine Mutter von mir erwartet hätte. Außerdem konnte ich es kaum aushalten, dass nur ich überlebt hatte. Deshalb habe ich meine ganze Kraft dafür eingesetzt mir zu beweisen, dass mein Überleben kein Zufall war.“ Er habe eine Verantwortung gehabt.

Rettung: Die Tante in Paris

„Ich weiß nicht, wie das mit mir weiter gegangen wäre, wenn ich länger in Bayern hätte bleiben müssen. Aber, es kam ja zum Glück alles anders. Meine Tante lebte damals in Paris. Sie entdeckte mich auf einer Liste von ehemaligen KZ-Häftlingen. Sie kannte mich noch als kleinen Jungen aus Białystok. Deshalb konnte sie es gar nicht glauben, als sie meinen Namen las. Ich war ja viel zu jung, um zu überleben. Kinder hatten keine Chance in den NS-Lagern.“

Sam, wie er nun genannt wird, kommt zu einem Onkel nach Australien und studiert Jura in Melbourne. Danach wechselt er nach Boston an die Harvard University und hiernach an die Sorbonne in Paris. Er erarbeitet sich zwei Doktortitel mit Auszeichnung und ist mittlerweile auch Professor mit einer Reihe von Ehrendoktorwürden.

Schon in den 50er-Jahren beginnt Pisar seine Tätigkeit bei den Vereinten Nationen. John F. Kennedy beruft ihn, als er 1961 Präsident wird, als Berater ins Weiße Haus. Während der nächsten zwei Jahre steigt er innerhalb der Riege der präsidialen Berater schnell zu höheren Aufgaben auf. Auch heute noch ist er einer der ganz Großen im internationalen Beratergeschäft. Seine Meinung und sein Rat sind gefragt. So traf er im vergangenen Jahr Bronislaw Komorowski aus Polen und Viktor Orbán aus Ungarn. Er hatte Meetings mit Sarkozy und Präsident François Hollande, sprach im Deutschen Bundestag, im Europaparlament und auf dem Wirtschaftsgipfel in Davos. Seit 2012 ist er zudem Unesco-Botschafter für Holocaust Education.

Vergessen kann er nicht

Die Aufklärung über den Holocaust ist seine Botschaft geblieben. Samuel Pisar hat längst Frieden mit seiner Geschichte geschlossen. Er hat nichts vergessen, aber er hat sich von den Erlebnissen auch nicht niederschmettern lassen. Er ist nach all den furchtbaren Erlebnissen wieder aufgestanden und hat sein Schicksal fest in die Hand genommen. „Mein Rückgrat war nicht gebrochen – es war durch all die Erfahrungen nur verbogen“, sagt er im Rückblick. Doch seine Sicht der Dinge ist nicht nur nach hinten gewandt. „Die Asche von Auschwitz sagt viel über die verbrecherische Vergangenheit aus! Sie sagt aber auch viel über Gegenwart und Zukunft aus. Sie ist Mahnung und Aufforderung zugleich.“

Seine Botschaft: „Wir müssen der Jugend sagen, was damals passiert ist. Wir müssen ihnen zeigen, welche furchtbaren Dinge sich ereignet haben. Wir müssen ihnen belegen, wie Menschen so werden konnten, dass sie so gehandelt haben, wie sie gehandelt haben. Wir müssen Jugendlichen aber auch Alternativen anbieten! Ihnen zeigen, dass unsere Freiheit schützenswert ist und wir uns dafür einsetzen wollen. Wir müssen ihnen zeigen, dass unsere Welt heute nicht von selbst so eingerichtet wurde. Viele Menschen haben dafür gekämpft und sogar ihr Leben gelassen! Deshalb müssen den Reden an Gedenktagen auch Taten folgen. Taten, die bezeugen, dass wir es heute und in Zukunft anders machen werden. Dass wir friedlich miteinander leben und uns respektieren und tolerieren wollen.“




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