Leonberg Oppositionsgruppe spaltet sich von THW ab

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Eine ehemalige Fachgruppe des Technischen Hilfswerkes hat den Ortsverband 2012 unter Protest verlassen, und wirft der Führung mangelnde Organisation vor. Der Ortsbeauftragte Matthias Schultheiß meint jedoch, ohne die Gruppe laufe es besser.

  Foto: factum/Archiv
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Leonberg - Nicht nur die Leonberger Feuerwehr hat zurzeit mit internen Diskussionen zu kämpfen. Das Technische Hilfswerk (THW) hat ein noch größeres Problem. Eine Gruppe von sechs Personen wirft dem Ortsbeauftragten Matthias Schultheiß vor, sie aus dem Ortsverein gedrängt und die Organisation nicht im Griff zu haben. Sie kritisieren seinen Stil – und haben den Verband verlassen. Schultheiß kontert, die Gruppe habe sich abgesondert und nicht an die Regeln gehalten. „Seit sie weg sind, geht es mit dem THW wieder aufwärts, weil wir neue Mitglieder gewinnen können“, sagt der Vorsitzende.

Der Konflikt zwischen der ehemaligen Fachgruppe „Infrastruktur“ und der Vereinsführung hat eine längere Vorgeschichte – er begann bereits im Jahr 2010. Der langjährige Vorsitzende Otto Kretschmar wurde damals von seinem Stellvertreter Matthias Schultheiß abgelöst. Die Chemie zwischen ihm und dem 28-jährigen Gruppenführer der „Infra“, wie sie intern hieß, stimmte schon bald nicht mehr. Der junge Mann will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen.

„Die THW-Führung hat nicht mit uns kommuniziert“, erklärt der 28-jährige. „Und der Zugführer war organisatorisch überfordert“, ergänzt er. Das Team um den 28-Jährigen, das seit mehr als 16 Jahren – also seit der Jugend – eine geschlossene Einheit bildet, fühlte sich ausgeschlossen. Immer wieder habe man auf Probleme und Fehler hingewiesen, wenn Einsätze nicht richtig koordiniert waren. „Ich habe das mehrfach bei Ausschusssitzungen zur Sprache gebracht“, erklärt der 28 Jahre alte Daimler-Arbeiter, der immer noch inoffizieller Sprecher der Gruppe ist.

Das sieht Schultheiß indes ganz anders. „Die Gruppe hat sich immer mehr abgeschottet, es gab immer wieder Probleme“, erklärt der Ortsbeauftragte gegenüber unserer Zeitung. Der Gruppenführer habe seine Funktion nicht mehr richtig ausgefüllt, Dienste seien boykottiert worden, ohne Vorankündigung sei der Fachbereich nicht erschienen. „Das war für uns nicht mehr tragbar“, erklärt Schultheiß.

Gewisse Aufgaben wie die jährliche Materialüberprüfung, eine Art Generalinventur, müssten einfach erledigt werden. „Das ist zeitaufwendig, und findet immer an einem bestimmten Termin statt“, sagt der Vorsitzende. Die Infrastruktur-Helfer seien aber nicht gekommen, andere seien eingesprungen. Man habe wiederholt das Gespräch mit dem Gruppenführer gesucht. „Dann hat er stets erklärt, es werde sich etwas ändern, was aber nie eingetreten ist.“

Zwei Vorfälle stehen im Mittelpunkt. Einmal ging es um einen Autobahnunfall im Jahr 2011 auf der A 81 bei Zuffenhausen. Ein Lastwagen musste geborgen werden. „Ich bin extra aus Sindelfingen angereist“, erzählt der ehemalige Gruppenführer. Doch als er mit seinem Team vor der Autobahn stand, sei nichts passiert. „Wir sind eine dreiviertel Stunde lang nutzlos herumgestanden“, berichtet die abtrünnige Mannschaft, „dann haben wir die Feuerwehr an uns vorbeifahren sehen.“ Das nehmen sie als Beleg für die fehlerhafte Organisation, die er auch an anderen Person beim THW festmacht.

Der Ortsbeauftragte Matthias Schultheiß bewertet den Vorfall anders: „Wir haben darauf gewartet, dass die Autobahnpolizei die Fahrbahn freigibt.“ Denn man habe entgegen der Fahrtrichtung auf die Autobahn fahren müssen, was lebensgefährlich sei ohne Polizeieskorte. „Die Führungsgruppe vor Ort hat dann entschieden, dass die Feuerwehr als Erste zum Unfall fahren soll“, berichtet Schultheiß. Dies müsse man als THW dann akzeptieren.

Der zweite umstrittene Einsatz: im September 2011 wurde das Leonberger THW zu den Kollegen nach Backnang gerufen. Dort herrschte Hochwasser. Die Leonberger mussten helfen, Keller leer zu pumpen – unter anderem das Backnanger Gebäude des THW. „Wir waren die einzigen, die vor Ort waren“, sagen die Kritiker. „Der Zugführer ist nicht gekommen. Wir haben es wieder richten müssen, wie immer“, behaupten sie. Die Zusammenarbeit habe nicht geklappt.

Der Vorsitzende Schultheiß bestätigt, dass der Zugführer nicht vor Ort war. „Das habe ich entschieden“, sagt er. Es sei einsatztaktisch richtig, nicht mit einem großen Zug oder einer Staffel anzurücken, sondern erst mit den kleineren Gruppen. „Ich kann nicht entscheiden, was in Backnang gebraucht wird“, sagt Schultheiß. Dass die „Infra“-Gruppe dann einen anstrengenden Job gehabt habe, räumt er ein, trotzdem sei die Entscheidung korrekt.

Ende des Jahres 2011 spitzte sich die Situation zu. Schließlich kam es am 10. Januar 2012 zu einem Runden Tisch. Dort ging es um eine Umorganisation: Die noch aus dem Kalten Krieg stammende Aufgabe der Gruppe Infrastruktur sollte umgestaltet werden. „Dabei wurde mir mitgeteilt, dass ich nicht mehr Gruppenführer sei. Ich war völlig fertig“, sagt der 28-Jährige. Seit seiner Jugend sei er beim THW aktiv gewesen. Alle haben sich zusammen gesetzt, und schließlich beschlossen, das THW zu verlassen. „Wir sind ins Hauptquartier gegangen und haben unsere Ausrüstung abgelegt“, erzählen sie. Anschließend gab es eine heftige Auseinandersetzung per E-Mail über den gesamten THW-Verteiler. „Führungsstil sieht anders aus“, sagt einer der Abtrünnigen. Auch der THW-Landegeschäftsführer Hans-Peter Riehtmüller wurde eingeschaltet. Seither ist die Gruppe aus fünf ehemaligen Helfern und einem „Althelfer“ (dem Vater eines der Mitglieder) nicht mehr im THW aktiv. „Wir treffen uns noch einmal im Monat zum Stammtisch“, erzählen sie, „wir fühlen uns dem THW noch verbunden.“

Matthias Schultheiß sagt: „Die Tür für Gespräche ist offen.“ Die Art des Abgangs mache aber eine erneute Zusammenarbeit schwierig. Ohnehin sei das THW mit jetzt 54 Helfern besser aufgestellt als zuvor. „Es sind wieder Leute zu uns gekommen, die sich vorher abgewandt hatten“, sagt Schultheiß. Deswegen laufe es ohne die Abtrünnigen sogar besser, konfliktfreier: „Wir haben einen richtigen Aufschwung genommen.“