Leonberg Panzerplatten und Dosenwurst
Spannende Führung mit Simon Salin durch Leonbergs Parkkaverne. Diese hätte im Kriegsfall als Schutzraum gedient und das Überleben von 3200 Menschen gesichert.
Spannende Führung mit Simon Salin durch Leonbergs Parkkaverne. Diese hätte im Kriegsfall als Schutzraum gedient und das Überleben von 3200 Menschen gesichert.
Erstmals öffnet die Stadt Leonberg ihren „Zivilschutz-Mehrzweckbau Seedamm“, wie die gemeinhin als Parkkaverne bekannte Tiefgarage unter Leonbergs Altstadt im Amtsdeutsch heißt, für eine Führung. Und das Interesse der Bevölkerung ist riesengroß. Nachdem der erste Termin schnell ausgebucht war, wurde spontan ein zweiter Rundgang am gleichen Tag organisiert, um möglichst vielen Menschen die Möglichkeit zu geben, das Bauwerk aus einer anderen Sichtweise kennenzulernen. 25 Personen dürfen maximal mit in die Tiefgarage, alle mit Schutzwesten ausgestattet, denn es geht zu Fuß im laufenden Betrieb den gewendelten Ausfahrtstollen nach unten. Aber an diesem Sonntag ist im Parkhaus nicht viel Verkehr. Also keine Gefahr für die Teilnehmer.
Simon Salin vom Technischen Hilfswerk Leonberg führt die Gruppe und begeistert mit einer launigen, aber fachlich fundierten Führung. Er ist seit 30 Jahren Helfer beim THW und hat die Räumlichkeiten im Schutzraumbetriebsdienst noch mit gewartet, daher kennt er sich hier gut aus. Gekleidet ist er stilecht in seiner alten THW-Uniform aus den Achtzigern, komplett in grau. Gebaut Mitte der 1980er-Jahre und geprägt vom Kalten Krieg, sollte die Tiefgarage im Zivilschutzfall auch als Schutzraum dienen und bei einem Atomschlag 3200 Menschen ein Überleben sichern. Zu 90 Prozent war der Bau allerdings als Garage gedacht. Und als Schutzraum musste er nie genutzt werden. Nach Beschlussfassung durch den Gemeinderat 1981 wurde die Garage von österreichischen Tunnelfachleuten unter Leonbergs Altstadt gebaut. Anfang 1986 wurde sie eröffnet.
In der ursprünglichen Planung gab es nur eine Zu- beziehungsweise Ausfahrtsmöglichkeit von der Seedammstraße aus. Von hier führt je Richtung ein 130 Meter langer Stollen zu den vier Parkebenen unter der Leonberger Altstadt. Zehn Jahre später wurde die Garage erweitert und eine zweite Zufahrt am Hinteren Zwinger geschaffen.
Der Eingang in den Schutzraum wäre im Ernstfall aber ein ganz anderer gewesen, als für die Autos: Eine unscheinbare Treppe, die mittlerweile mit einem Gitter fest verschlossen ist, führt von der Grabenstraße aus, direkt neben dem Haupteingang zum Seedammcenter, in die Tiefe. Über eine mit zwei dicken Türen gesicherte Schleuse gelangt man in die Kaverne.
Heute könnte das Bauwerk nicht mehr als Schutzraum genutzt werden. 2007 hat der Bund das Schutzraumkonzept aufgegeben. Aber es sind noch einige Einrichtungen zu sehen und die Funktion ist erkennbar, wenn man sich wie Simon Salin auskennt. Das gilt vor allem für die „Wendel“, das ist der Mittelpunkt der Spirale, durch die die Autos in die Garage ein- und ausfahren können. Das Beton-Rund, das sich von der vierten bis hoch zur ersten Etage zieht, hatte eine ganz besondere Funktion, die im täglichen Vorbeifahren nicht erkennbar ist.
In der Wendel verbirgt sich die gesamte Schutzraum-Technik. Auf jeder Etage ermöglicht Simon Salin einen Blick ins Innenleben. Auf Parkebene 1 hatte der Bunkerwart in der Wendel seinen Arbeitsbereich. Hier versteckt sich in einem kleinen Raum die Elektrik für die Filter- und Lüftungstechnik. In jedem Stockwerk waren unterschiedliche Filter verbaut. Aktivkohlefilter wurden mittlerweile ausgebaut, im untersten Stockwerk verbirgt sich in der Wendel aber noch ein riesiges Meer aus Sand, der als Partikelfilter gedacht war.
Zu sehen sind an den Wänden außerdem die Erkennungszeichen eines Schutzraums: Druckventile in der Tunnelwand. Bei einem höheren Außendruck hätten diese das Bauwerk hermetisch verschlossen.
Wirklich bequem wäre es im Ernstfall in der Garage nicht geworden. Es gibt keine Wasserleitungen, Sanitäranlagen oder auch nur Wasserhähne. Wasser gibt es dennoch, über einen Brunnen ins Grundwasser. Im Ernstfall hätten die Bewohner über zwei Hebel eine Handpumpe betätigen müssen, um zu Trinkwasser zu kommen. Auf den Parkdecks wären die Wohn- und Versorgungsbereiche eingerichtet worden. Pro Person waren 1,75 Quadratmeter Platz eingeplant. Geschlafen hätten die Menschen in Stockbetten. Vorräte gab es keine, die Planer gingen davon aus, dass sich ein Atomschlag oder eine Krisensituation ankündigen würde und man Zeit hätte, den Schutzraum auszustatten.
Ein kleines Gefühl, wie es wohl gewesen wäre hier zu leben, bekommen die Teilnehmer am Ende der Führung bei einem Bunker-typischen Vesper: Für jeden Teilnehmer sind kleine Trinkwasserbeutel vorbereitet, haltbar bis März 2029, Panzerplatten genannte Hartkekse, ebenfalls jahrelang haltbar, und Dosenwurst.