Leonberg Poetisch durch die Historie spazieren

Von Ute Jenschur 

Stadtgeschichte mal ganz anders: Das gibt es bei einem Spaziergang mit Schauspielern.

  Foto: factum/Bach
  Foto: factum/Bach

Leonberg - Das gibt es in Leonberg wohl so schnell nicht wieder: Aus dem obersten Stockwerk des knapp 35 Meter hohen Engelbergturms blickt der Türmer, alias Stefan Österle, und lädt mit Posaunenklängen die rund 50 Teilnehmer zum musikalischen und literarischen Spaziergang über die Leonberger Heide ein. Nur einmal im Jahr gibt es diesen besonderen Rundgang, bei dem die Schauspieler des „Dein Theaters“ die eine oder andere Geschichte rund um Leonberg erzählen und singend und musizierend in Szene setzen. Recht stürmisch ist es an diesem Tag, aber immerhin bleibt es trocken.

Und von ganz oben hat der Türmer auch einen guten Rundumblick und versichert, dass die dunklen Wolken noch in weiter Ferne sind. So kann der etwas andere Herbstspaziergang beginnen, hier am Engelbergturm, zu dessen Fuß 1514 die aufständischen Bauern des „Armen Konrad“ lagerten und Herzog Ulrich von Württemberg an den Verhandlungstisch zwangen.

Plätze mit viel Geschichte

Ein historischer Ort, wenn auch am Ende die Bauern leer ausgingen. 1878 wurde an der gleichen Stelle der Strohgäu-Sängerbund gegründet, der heutige Johannes-Kepler-Chorverband, und damals erklangen hier Chorgesänge, während heute unter dem Turm im Engelbergtunnel unhörbar der Verkehr fließt.

Politik, Technik und Musik vereinen sich also an dieser geschichtsträchtigen Stelle. Und die Poesie dieser Orte erlebbar zu machen, hat sich das Stuttgarter „Dein Theater“ im Auftrag der Stadt Leonberg zur Aufgabe gemacht. Mit musikalischer Begleitung und Geschichten rund um Leonbergs Geschichte führt der Weg direkt auf die große Wiese. Drei Grazien mit Frühlingsblumen und Früchten im Haar tragen Zweige mit Herbstlaub und singen Lieder über die vier Jahreszeiten. Das herbstliche Blätterrauschen begleitet die Sängerinnen. „Wir wollen die Lyrik in der Natur zeigen, und die Natur der Lyrik“, erklärt Andreas Frey, der künstlerische Koordinator.

An der nächsten Station in Richtung alter Golfplatz erklingt ein Jagdhorn. In der Ferne ist von diesem Aussichtspunkt aus der neue Robert-Bosch-Forschungscampus in Renningen zu erkennen. In Leonberg hat sich Robert Bosch mit dem Golfplatz verewigt. 1927 wurde der Golfclub gegründet. Robert Bosch wurde sein erster Präsident und hatte dieses Amt bis zu seinem Tod 1942 inne. 1968 ging die Golfplatz-Ära in Leonberg mit dem Bau einer 18-Loch-Anlage in Mönsheim zu Ende.

Nur wenige Meter weiter erklingt das Lied „Weißt du wie viel Sternlein stehen“. Der Legende nach soll dies die Stelle sein, an der einst der junge Leonberger Bürger Johannes Kepler mit seiner Mutter 1577 einen Kometen beobachtete. Sein Interesse für die Astronomie war damit geweckt und dank des guten evangelischen Bildungswesens schaffte es Kepler zum kaiserlichen Hofmathematiker, der die Keplerschen Gesetze postulierte, auf deren Basis auch heute noch Raumsonden ins All geschossen werden.

Christian Wagner am Wegesrand

In einem Baum am Wegesrand sitzt ein anderer einheimischer Bürger. Genauer gesagt stammt er aus Warmbronn. Es ist Christian Wagner. Der Schauspieler Stefan Österle ist in diese Rolle geschlüpft. Ob Wagner jemals tatsächlich in einem Baum saß und dichtete, ist nicht überliefert. „Aber es hätte schon sein können“, erzählt der Schauspieler. Immerhin war er wohl der einzige Kleinbauer, der es in die Weltliteratur geschafft hat.

Über eine weitere Station mit einem flötenden Gartenzwerg, der humorvoll über den Sinn des Schönen sinniert, erreicht die Gruppe schließlich die große Wiese auf dem ehemaligen Golfplatz. Zum großen Finale setzen hier Schüler der Professional Dance Academy aus Stuttgart die Sprache der Natur in gekonnte Bewegungen um.




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