Leonberg Schmerz, Ärger, Trauer – und ganz viel Dank

Von Florian Mader 

Retten und Helfen ist eine alte Tugend, der Beruf des „Notfallsanitäters“ dagegen ist relativ neu. Johannes Eder gehört erst zum zweiten Jahrgang, der ihn auf der Rettungswache lernt. Ein Beruf voller Emotionen.

Seine Uniform ist rot und weiß, seine Motivation ist das Helfen – Johannes Eder lernt den Beruf des Notfallsanitäters. Foto: factum/Granville
Seine Uniform ist rot und weiß, seine Motivation ist das Helfen – Johannes Eder lernt den Beruf des Notfallsanitäters. Foto: factum/Granville

Leonberg - Unfall auf Schienen! Setzt ein Zugführer diesen Notruf ab, dann müssen nicht nur Polizei und Feuerwehr ausrücken, sondern auch Johannes Eder und seine Kollegen. Der junge Mann im weißen Rot-Kreuz-Poloshirt und der roten Rettungshose will Notfallsanitäter werden. Einmal hat er diese Art von Einsatz auf den S-Bahn-Gleisen in Leonberg schon mitmachen müssen, seit er im Oktober die Ausbildung begonnen hat. Mit Stirnlampen rücken die Retter dann aus, marschieren erst mal etliche Kilometer Gleis ­entlang. „Wir müssen das Opfer ja erst mal finden“, sagt Johannes Eder.

Nachdem er seine Liebe zur Medizin entdeckt hatte, war für den jungen Mann genau das der Grund, warum er sich für den Beruf des Notfallsanitäters entschieden hat, und nicht für den Krankenpfleger im Krankenhaus.

Seit in den 50er-Jahren der Autoverkehr immer mehr geworden ist, bauen das Rote Kreuz, die Malteser, die Johanniter, der Arbeiter-Samariter-Bund und andere Hilfsorganisationen den Rettungsdienst immer weiter aus. Auch derzeit befindet sich die Branche im Umbruch, den Beruf des „Notfallsanitäters“, wie Johannes Eder ihn in drei Jahren lernt, gibt es erst seit 2014. Davor waren „Rettungssanitäter“ im Rettungswagen unterwegs, sie hatten eine zweijährige Ausbildung gemacht.

Wie kam er zu dem Beruf?

Als solcher hat auch Johannes Eder begonnen. „Mein Bruder hatte beim DRK ein Freiwilliges soziales Jahr gemacht“, berichtet er. So kam er nach der mittleren Reife auf die Idee, das auch zu absolvieren. Also hat er schon während der FSJ-Zeit Rettungswagen gefahren, und wollte dabei bleiben.

Sechs Azubis zum Notfallsanitäter stellt das Rote Kreuz im Kreis Böblingen in jedem Jahr ein. „Wir achten darauf, dass die Leute Sozialkompetenz haben“, sagt Rainer Müller, der Leiter der Leonberger Rettungswache. Bewerber sollten also zum Beispiel in einem Verein gelernt haben, im Team zu arbeiten. „Wir suchen auch Leute, die bisher noch nichts mit dem Roten Kreuz zu tun hatten, da wollen wir eine gesunde Mischung.“

Denn Notfallrettung ist Teamarbeit. Spätestens wenn es hektisch wird, müssen die Einsatzkräfte vor Ort Hand in Hand zusammenarbeiten. Johannes Eder erinnert sich da zum Beispiel an einen Unfall beim Ihinger Hof, als ein Autofahrer überholen wollte und in den Gegenverkehr gekracht ist und drei Menschen in Lebensgefahr schwebten. „Das war schon kritisch für die Patienten“, sagt er. „Das bleibt im Kopf.“

Der Alltag kann hart sein

Blut, Leid, Schmerz – auch das gehört zum Beruf von Johannes Eder. „Es hilft, mit Kollegen zu reden“, hat er festgestellt. Denn ein Team bleiben die Retter auch dann, wenn die Patienten versorgt und im Krankenhaus sicher angekommen sind. Der Patiententransport ist die Hauptaufgabe von Notfallsanitätern. „Wir lernen zu erkennen, welche Gefahren auf die Patienten zukommen können“, berichtet der 21-jährige Azubi. „Dabei versorgen wir die Menschen so, dass sie den Transport gut überstehen.“ Unfälle, auch auf der Autobahn, führen zu den meisten Einsätzen, aber auch Kollapse, Herz-Kreislauf-Probleme, Schlaganfälle, Kindernotfälle und Geburten – die ganze ­Palette eben.

Aber was dürfen die Sanitäter überhaupt, was darf nur der Notarzt? Für Rainer Müller, den Chef der Leonberger Retter, ist das eine Frage, die der Gesetzgeber präzisieren muss, gerade auch im Zuge der Reform des Berufsbildes. „Momentan lernen wir sehr, sehr viel, dürfen rechtlich aber eigentlich nichts tun“, sagt er.

Müller ist optimistisch, dass sich da die Kompetenzen der Notfallsanitäter noch erweitern. Dennoch, viel zu tun haben sie auch jetzt schon. Für die Notfallrettung im ganzen Kreis Böblingen ist das Deutsche Rote Kreuz im Auftrag des Landes zuständig, dafür betreibt der Verein Rettungs­wachen in Sindelfingen, Herrenberg, Leonberg und Malmsheim. Rund um die Uhr warten die Mitarbeiter hier auf die Einsätze, im Zwei-Schicht-Betrieb, um 7 und 19 Uhr ist Schichtwechsel. Das ist anstrengend, gibt der Chef zu. „Aber wir brauchen eben nachts so viel Personal wie tagsüber“, erklärt Rainer Müller.

Schichtarbeit und seine Vorteile

Azubi Johannes Eder hat sich an die Schichtarbeit gewöhnt. „Dafür hat man auch relativ viel frei“, sagt er. Aber dann ruft wieder die Pflicht, der Dienst. Die Leitstelle in der Böblinger Feuerwache koordiniert die Notrufe, für die Teams in Leonberg sind es mal vier, mal auch zehn Einsätze pro Schicht. „Stress bedeutet für uns vor allem der Verkehr“, sagt Johannes Eder, der die Rettungswagen schon zu FSJ-Zeiten gefahren hat. Stau überall – sie kennen alle Schleichwege. Wichtig, das ist Eders Bitte, sind Rettungsgassen im Stau.

„Autofahrer sollten auch mal über eine rote Ampel fahren, damit wir durchkommen“, sagt er. „Das darf man, auch wenn man dabei geblitzt wird.“ Stress, Ärger, Freude – der Beruf von Johannes Eder hält das komplette Spektrum der Emotionen bereit, auch Schmerz und Trauer. Und ­natürlich der Dank. „Wenn man da einen Brief bekommt, ist das natürlich toll.“