Leonberg Seehaus: Flucht aus Frust?

Von  

Vier Insassen sind aus der offenen Haftanstalt Seehaus am Glemseck geflohen. Die Polizei sucht teilweise mit Hubschraubern nach den Jugendlichen. Gefunden wurden sie noch nicht. Einer der vier Ausreißer wurde wegen Raubes und Körperverletzung verurteilt.

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger mit Seehaus-Chef Tobias Merckle. Foto: factum
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger mit Seehaus-Chef Tobias Merckle. Foto: factum

Leonberg - Durchschnittlich einmal im Jahr fliehen Jugendliche aus der ­offenen Vollzugsanstalt Seehaus am Leonberger Glemseck. Doch die vier jungen Männer, die in der Nacht zum ­Montag gegen 1.15 Uhr aus ihrem Zimmer abgehauen sind (wir berichteten), hätten sich aus Sicht von Seehaus-Chef Tobias Merckle keinen ungünstigeren Zeitpunkt aussuchen können. Die Flucht wurde beim gestrigen Besuch von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zum Thema.

Bei den Flüchtigen handelt es sich um vier jugendliche Straftäter, die gemeinsam in einer der drei Wohngemeinschaften im Seehaus gelebt haben. „Einer von ihnen wurde Anfang 2012 vom Amtsgericht ­Nürtingen zu zwei Jahren Jugendstrafe wegen Raubes und Körperverletzung verurteilt. Es war ­seine erste Haftstrafe“, erklärt Claudia Krauth, die Sprecherin der Stuttgarter Staatsanwaltschaft auf Anfrage ­dieser Zeitung. Zur Vorgeschichte der drei weiteren Ausbrecher kann die Staatsanwaltschaft keine Angaben machen.

Auslöser für den Ausbruch könnte ein ­interner Streit gewesen sein. „Es war eine sehr schwache Gruppe. ­Einige der Jugendlichen dieser Wohngemeinschaft wurden in unserer Hierarchie zurückgestuft und haben dadurch Privilegien verloren“, ­erklärt der Leiter der ­Einrichtung, Tobias Merckle. „Somit war die Stimmung nicht gut, aber jeder der ­Jugendlichen wollte wieder durchstarten. Sie haben sich dann in der Gruppe offenbar gegenseitig negativ befruchtet“, erklärt der Sohn von Ratiopharm-Gründer Adolf Merckle ­weiter.

Die Polizei ist noch immer auf der Suche nach den vier Jugendlichen. „Bei der ­Fahndung nach den Flüchtigen wurde am Montag auch ein Hubschrauber eingesetzt“, sagt der Böblinger Polizeisprecher Uwe Vicon. „Erfahrungsgemäß dauern ­solche Aufenthalte in vermeintlicher Freiheit nicht lange, da die Ausbrecher nichts dabei haben und sie sich so durchschlagen müssen“, erklärt der Beamte weiter.

„Die jetzt geflohenen Jungs sind ­zwischen November 2012 und Juli 2013 ins Seehaus gekommen“, sagt der Leiter der Einrichtung Tobias Merckle, „sie wären ­alle bis zum Ende des Schuljahres im ­Sommer 2014 hier geblieben, um das Lehrjahr abzuschließen.“ Die jugendlichen Straftäter haben im Seehaus die Möglichkeit, ihre Haftstrafe zu verkürzen und gleichzeitig eine Ausbildung zu absolvieren. Sie werden in dort lebende Familien integriert und müssen sich in einem straff organisierten Tagesablauf bewähren.

Für die vier Ausbrecher ist der Weg im offenen Vollzug durch ihre Flucht ­jedenfalls beendet. „Die Jugendlichen ­haben ihre Chance vertan und dürfen nicht wieder zurück ins Seehaus“, erklärt ­Merckle, „sie kommen zurück in den ­geschlossenen Vollzug und haben ihre Chancen auf eine vorzeitige Entlassung ­damit verspielt.“ Über die genauen Gründe für die Flucht kann auch Tobias Merckle nur mutmaßen: „Zumeist ist das eine ­Kurzschlussreaktion“, sagt er.




Unsere Empfehlung für Sie