Leonberg Tausche Karl May gegen 50 Shades of Grey

Von Jana Stäbener 

Gerade jetzt in den Sommerferien sind die sogenannten „Büchertauschschränke“ eine gute Möglichkeit, frischen Lesestoff für den Urlaub zu finden. Wer einen Band beendet hat, wechselt einfach den Schmöker. Ein Selbstversuch.

Zu jeder Zeit zugänglich und dennoch wettergeschützt: Am Samariterstift befindet sich eine besondere Tauschmöglichkeit in einer alten Telefonzelle. Foto:  
Zu jeder Zeit zugänglich und dennoch wettergeschützt: Am Samariterstift befindet sich eine besondere Tauschmöglichkeit in einer alten Telefonzelle. Foto:  

Leonberg - Karl May. Der Schatz im Silbersee. Schon zigmal gelesen, wird es nun einfach Zeit für etwas ohne Winnetou und ohne großes Blutvergießen. Gerade jetzt, wo die Sommerferien begonnen haben, bleibt meist viel Zeit, um sich in ein neues Leseabenteuer zu stürzen. Gibt es dafür auch eine preisgünstige, wenn nicht gar kostenlose Variante? Die gibt es: Büchertauschregale.

Sie sind gar nicht leicht zu finden und den meisten wahrscheinlich eher unbekannt. Wird ein Buch hineingestellt, so darf im Gegenzug auch wieder eines herausgenommen werden. Dieses System sorgt dafür, dass immer wieder andere Werke zur Auswahl stehen und jeder das bekommt, was ihn interessiert. Natürlich können in die Schränke, die sich meist an öffentlichen Orten befinden, auch mehrere Bücher gestellt werden. Das Regal ist aber keine Müllhalde. Das Buchangebot soll schließlich nicht nur durch Quantität, sondern auch durch Qualität überzeugen.

Zum Beispiel im Krankenhaus

In Leonberg gibt es einige Möglichkeiten, sich mal eben ein anderes Buch zu schnappen. Eine davon befindet sich im Krankenhaus. Das Regal befindet sich auf der rechten Seite des Foyers, einige Meter hinter der Rezeption. Getauscht wird hier schon seit etwa zwei Jahren. Auch die Schwestern im Krankenhaus leihen sich hier ab und an ein Buch aus, weiß die freundliche Mitarbeiterin hinter dem Empfang. Sie deutet auf die kleine Kasse, die auf dem Tresen steht. „Hier werfen manche Leute Geld hinein, wenn sie sich ein Buch mitnehmen“, erzählt sie. Wenn sie etwa keines zum Eintauschen haben.

Angelockt wird der Besucher mit einem bunten Angebot von Nicolas Sparks, über Rosamunde Pilcher bis zu Stephen King. Auch der Klassiker „Vom Winde verweht“ kann den aufmerksamen Augen eines Bücherkenners nicht entgehen. Wenn hier nun noch nichts dabei ist, dann wird einfach mal mutig auf gut Glück getauscht und gehofft, dass die Auswahl am nächsten Bücherregal überzeugender ist.

Entschieden hat sich der Büchertausch-Anfänger für den Meister der Gruselliteratur: den berüchtigten Horror-Schriftsteller Stephen King. Eines seiner weniger bekannten Werke. An lauen Sommerabenden dennoch ein schauriges Lesevergnügen.

Kein Regal, sondern ein Büchertisch

Eine gute Wahl also – aber geht es noch besser? Der nächste Weg führt ins Haus der Begegnung, in dem sich kein Regal, sondern vielmehr ein Büchertisch präsentiert. Zu bieten hat er ein dickes Wirtschaftsbuch auf Spanisch und einen Bildband über das schöne Ostfriesland. Alles nichts für den anspruchsvollen Belletristik-Freund. Die Suche geht also gleich weiter. In der Volkshochschule hinter dem Leo-Center befindet sich die dritte Tauschmöglichkeit. Eine ältere Dame sitzt neben dem Regal und kramt in einer Bücherkiste. „Die Leute stellen hier manchmal einfach Bücher rein, die sie sonst wegwerfen würden“, schimpft sie. „Dabei steht dort auf dem Schild doch: Keine Bücher, die vor 1980 geschrieben wurden!“ Das stimmt. Am Bücherschrank hängt ein großer Hinweiszettel, an den sich aber niemand zu halten scheint. Schlägt man ein beliebiges Buch auf, so springt einem sofort die Jahreszahl 1958 ins Auge.

Trotzdem überzeugt das Regal in der Volkshochschule durch historische Werke von Noah Gordon, dem Autor des berühmten „Medicus“, sowie durch Bücher mit den Titeln „Die Hörigen“ und „Die Familie Bonaparte“. Der Tauschwillige muss nicht lange überlegen und entscheidet sich prompt für das gute Stück von Noah Gordon, das den Titel „Der Diamant des Salomon“ trägt.

Nach 480 Seiten Leseabenteuer wird mit dem roten Taschenbuch in der Hand nun also der Weg zur letzten Station beschritten: dem Samariterstift in der Seestraße. Direkt vor der Einrichtung befindet sich eine Telefonzelle, die in ein Outdoor-Bücherregal verwandelt wurde.

Das stolze Stück strotzt nur so vor modernen Werken und Autoren. So offenbart es dem Besucher beispielsweise „Die Päpstin“, „Wüstenblume“ oder das berüchtigte „50 Shades of Grey“. Besteht Interesse an Fesselspielen und erotischen Gedanken, nimmt man sich das Teil aus dem Schrank und kann sich in aller Ruhe mit dem neuen Zeitvertreib auf den Heimweg machen.

Wenn das mal kein Spannungsbogen ist: vom Meister des ausgedachten Abenteuer-Romans Karl May zum Prachtstück der sinnlichen Trivialliteratur. Der Inhalt von Büchertauschschränken mag vielleicht nicht immer taufrisch sein – interessante Geschichten liefert er dem Bücherwurm jedoch in jedem Fall.




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