Eine Seite fürchtet, es könne schon zu spät sein. Die andere Seite denkt, es ginge alles viel zu schnell. Mittelpunkt im Streit der Schulpolitik ist der Antrag aus dem Gemeinderat, die August-Lämmle-Schule (ALS) zu einer Gemeinschaftsschule umzubauen.

Leonberg - Eine Seite fürchtet, es könne schon zu spät sein. Die andere Seite denkt, es ginge alles viel zu schnell. Mittelpunkt im Streit der Leonberger Schulpolitik ist der Antrag aus dem Gemeinderat, die August-Lämmle-Schule (ALS) schon im kommenden Schuljahr zu einer Gemeinschaftsschule umzubauen. Dass die neue Schulform in naher Zukunft eine dominante Rolle in der Bildungslandschaft einnehmen wird, darüber besteht Einigkeit. Darüber, wann und wo sie in Leonberg eingerichtet werden soll, wird zum Teil heftig gestritten – wie am späten Mittwochabend im Kultusausschuss des Gemeinderats.

 

Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Schon vor beginn der Sitzung sind im Publikum heftige Diskussionen entbrannt. „Wenn Rutesheim so eine Schule aufmacht, heißt es wieder wir hätten geschlafen“, ist zu hören oder auch: „Wenn die ALS zur Gemeinschaftsschule wird, stirbt die Schellingschule, weil diese dann als einzige Werkrealschule übrig bleibt.“ Die Stadtverwaltung hat sich für die Debatte Verstärkung eingeladen. Angela Huber, die Leiterin des Staatlichen Schulamts Böblingen, hat bereits etliche dieser Diskussionen erlebt. Zwei Gemeinschaftsschulen wurden im Landkreis bislang eingerichtet.

In einer Gemeinschaftsschule werden alle Schulabschlüsse unter einem Dach angeboten. Am Ende sollen die Kinder zwar gemeinsam zur Schule gehen, dabei jedoch individuell nach ihren Fähigkeiten gefördert werden. Wer stärkere Leistungen erzielt, soll zum Abitur oder zur Mittleren Reife geführt werden. Wer schwächere Leistungen abliefert, wird zum Hauptschulabschluss geführt. Auch Kinder mit Behinderung werden in der Gemeinschaftsschule unterrichtet – Inklusion nennt sich das im Bildungsdeutsch.

SPD, Grüne und SALZ sind für den Antrag

Die SPD-Fraktionschefin Christa Weiss, eine Unterstützerin des Antrags, stellt klar: „Das Konzept der August-Lämmle-Schule überzeugt. Doch die Verwaltungsspitze ist davon geschockt und nimmt eine Blockadehaltung ein.“ Der Rektor der ALS, Philipp Steinle, aus dessen Feder das Konzept stammt, hat einen einfachen Grund, warum er die neue Schulform in Leonberg einführen will: „Wir stehen unter Druck. Ich habe Angst, künftig keine fünften Klassen mehr bilden zu können.“ Die Anmeldezahlen an den ehemaligen Hauptschulen sind in diesem Jahr extrem zurück gegangen.

Auch der Grünen-Vertreter Martin Riethmüller und SALZ-Stadtrat Frank Albrecht sprechen sich für den interfraktionellen Antrag aus. „Es gibt keinerlei Gründe, sich dagegen zu entscheiden“, sagt Albrecht. Anders sieht das Margarete Joch (FDP): „Wer den Antrag nicht unterschrieben hat, ist deswegen nicht gegen die Gemeinschaftsschule.“ Man müsse erst die Bürger besser einbinden.

„Ich habe keine Blockadehaltung“, wirft Oberbürgermeister Bernhard Schuler der SPD-Sprecherin entgegen, „ich will lediglich die Folgen dieser Entscheidung bedenken.“ Aus Sicht des Stadtoberhaupts wäre es ein Fehler, den Antrag beim Schulamt einzureichen. „Ziel der Gemeinschaftsschule soll es sein, dass auch Kinder mit Gymnasialempfehlung die Schule besuchen. Doch wenn die Basis eine ehemalige Hauptschule ist, wird das in einer Stadt wie Leonberg nicht der Fall sein“, warnt Schuler. Allerdings geht auch der OB davon aus, dass binnen zehn Jahren das zweigliedrige Schulsystem Wirklichkeit sein wird.

Die Verwaltung hat sich Verstärkung besorgt

„In Leonberg besteht kein Zeitdruck“, sagt die Amtsleiterin Angela Huber, „kein Schulstandort ist in Gefahr, denn die Zahlen der Grundschüler sind stabil.“ Es gebe zudem noch keinen Bildungsplan für diese Schulform. Den wird es erst in zwei bis drei Jahren geben.“ Von diesem Plan hänge viel ab. „Je nach Angebot der Schule werden die Kosten steigen, zum Beispiel wenn ein Abitur an einer Gemeinschaftsschule angeboten wird“, sagt Huber. OB Schuler ergänzt: „Wir sagen zum ersten Mal in der Stadtgeschichte: Wir bezahlen die Rechnung, und wissen dabei noch nicht, wie hoch sie sein wird.“

Die Stadtverwaltung schätzt die Investitionen auf 1,2 Millionen Euro., geht allerdings davon aus, dass diese Summe wohl nicht ausreichen wird. Amtsleiterin Angela Huber will sich am Mittwochabend in Leonberg nicht auf konkrete Zahlen festlegen lassen: „Wir können erst genau sagen, was eine Gemeinschaftsschule an der ALS kosten wird, wenn der Bildungsplan ausgearbeitet wurde.“

Der Kultusausschuss kann sich nicht zu einer Empfehlung an den Gemeinderat durchringen. Nach zweistündiger Diskussion wird die Entscheidung auf die Gemeinderatssitzung am Dienstag vertagt, die Fraktionen haben viel zu beraten..