Leonberg Wenn der Sarg der Urne weichen muss

Von Ulrike Otto 

Nicht immer gibt das Geld dafür den Ausschlag, erklären Bestattungsunternehmer aus dem Altkreis.

Viele Mitarbeiter kümmern sich um die Pflege der Leonberger Friedhöfe, wie hier Thilo Schmidt, der eine Hecke auf dem Waldfriedhof schneidet. Foto: factum/Granville
Viele Mitarbeiter kümmern sich um die Pflege der Leonberger Friedhöfe, wie hier Thilo Schmidt, der eine Hecke auf dem Waldfriedhof schneidet. Foto: factum/Granville

Leonberg - Asche zu Asche, Staub zu Staub – am Ende des Lebens steht der schwerste Gang vor allem den Angehörigen bevor: der auf den Friedhof. Über die vergangenen Jahrzehnte hat sich bei den Bestattungssitten ein Wechsel vollzogen. Wurde früher in der Regel einem Sarg das letzte Geleit gegeben und eher weniger einer Urne, so hat sich dieses Verhältnis seit 2006 in Leonberg umgekehrt. Vor genau zehn Jahren gab es genauso viele Urnen- wie Erdbestattungen – jeweils 102. Im vergangenen Jahr fand nur noch jede dritte Beerdigung in einem Sarg statt. Auch die Zahl der Bestattungen, die anonym oder auf pflegeleichten Grabfeldern erfolgen, ist gestiegen.

Woher kommt dieser Umschwung? „Das ist der gesellschaftliche Wandel. Heute lebt man nicht mehr da, wo man geboren wurde. Doch die Eltern sind noch dort“, sagt Anita Märtin, die ein Bestattungsunternehmen mit mehren Filialen im Altkreis führt. Wenn also die Eltern weit weg wohnen, überlegen sich die Kinder sehr genau, wie pflegeintensiv die Grabstelle werden darf. Auch umgekehrt legten immer mehr ältere Menschen vor ihrem Tod eine Beerdigung in einem Grabfeld fest, um nach dem Ableben niemandem mehr zur Last zu fallen.

Katholiken bevorzugen Särge, Pietisten Feuerbestattung

In ihrer täglichen Arbeit hat Anita Märtin mehrere Faktoren dafür ausgemacht, dass der Trend zur Urne zunimmt. Entfernung ist einer davon. Auch dass die Menschen immer älter werden, spielt eine Rolle. „Wenn die Mutter 90 ist und die Tochter schon 70, dann überlegt sie sich, wie oft sie noch auf den Friedhof gehen kann“, sagt Märtin. Auch Geld spielt eine Rolle. „Die Zahl der Menschen, die sagt, wir können uns nur so und so viel leisten, wird immer größer“, so die Bestatterin. Gleichzeitig hätten sich aber auch bei denen mit gutem Einkommen die Prioritäten verschoben. „Manchen ist jedes Jahr ein großer Urlaub wichtiger als eine teure Beerdigung.“ Dann werde nichts zurückgelegt, um die Angehörigen im Fall der Fälle zu entlasten.

Sabine Sauter von Albert Sauter Bestattungen sieht das etwas anders. „Der monetäre Hintergrund ist der allerletzte Punkt in einer Reihe von Gründen für eine Urnenbestattung“, sagt sie. „Viele Menschen leben allein, der Familienverbund wird weniger. Da ist die Urne dann der kleinste gemeinsame Nenner“, meint sie. An zweiter Stelle stehe der religiöse Hintergrund: „Katholiken bevorzugen Erdbestattungen, Pietisten die Feuerbestattung.“ Auch gebe es ein Stadt-Land-Gefälle.

Es ist eine emotionalbelastende Situation, in der die Hinterbliebenen diese Entscheidung treffen müssen. Die noch dazu erschwert wird, dass vor dem Ableben selten darüber gesprochen wurde. „Es ist schwer, das Thema vor dem Tod anzusprechen, gerade bei schweren Krankheiten“, sagt Anita Märtin. Und wenn sich die Menschen bester Gesundheit erfreuen, bestehe für viele kein Anlass, darüber zu reden. Die Erfahrung hat sie selbst bei ihrer eigenen Mutter gemacht. „Ich habe eine Vorsorgemappe für mich und für sie zusammengestellt. Zuerst habe ich ihr erzählt, was ich mir wünsche. Und sie dann gefragt, was sie gern möchte. Von selbst hätte sie nichts gesagt“, erzählt Märtin. Auch Sabine Sauter empfiehlt, sich frühzeitig damit auseinanderzusetzen und eine Sterbevorsorgeversicherung abzuschließen.

Wenn die Behörden einspringen müssen

Besonders traurig wird es, wenn Angehörige fehlen. Dann müssen sich die Behörden kümmern. „Das kommt oft vor, wenn Menschen lange in Pflegeeinrichtungen waren und alles an Rücklagen aufgebraucht ist“, erklärt Anita Märtin. Dann wird der Verstorbene in der Regel anonym bestattet, ohne Feier. „Die Kommunen wollen keine Extra-Kosten zahlen“, sagt die Bestatterin.

Dabei müssen Urnenbestattungen nicht zwangsläufig günstiger sein. Bei der neuen Form Bestattung unter Bäumen, die es seit dem vergangenen Jahr auf dem Waldfriedhof gibt, koste etwa die Stele zum Grab doppelt so viel wie der Grabplatz. Auch die neueste Form, teil-anonyme Gräber in einem von Steinmetzen gestalteten Rondell, findet sie richtig teuer. Dazu kommen die Kosten für die Pflege der Grabfelder. „In Ditzingen dagegen gibt es pflegefreie Erdgräber, die nur unwesentlich teurer als Urnengräber sind“, erzählt Anita Märtin.

Doch egal, was sich Verstorbene oder Angehörige leisten können und wollen – „es ist eine Sache, bei der Trauerfeier vor einem Sarg zu stehen, eine andere, vor einer Urne zu sitzen“. Manche könnten damit umgehen, andere überhaupt nicht.