Leonberg Wenn zweitausend Biker aufs Christkind warten

Von Florian Mader 

Aus dem gemütlichen Glühweintrinken am traditionsreichen Motorradtreff Glemseck an Heiligabend hat sich mittlerweile eine richtige Großveranstaltung mit zahlreichen Stammgästen entwickelt. Manche kommen sogar von der Alb.

In Reih und Glied stehen  hunderte Maschinen, manche  passend geschmückt. Foto: factum/Weise
In Reih und Glied stehen hunderte Maschinen, manche passend geschmückt. Foto: factum/Weise

Leonberg -

Eigentlich wollte er sich an Heiligabend nur mal kurz mit Freunden auf einen gemütlichen Glühwein treffen. Der Treffpunkt war schnell gefunden, beim Glemseck, dem zweiten und eigentlichen Wohnzimmer eines richtigen Biker-Herzens. „Ich war heute Morgen schon mal mit dem Auto hier“, berichtet Andi aus Leonberg. „Als ich das dann hier aber gesehen hab, bin ich schnell nochmal heim und bin mit meinem Moped hierhergebrettert.“

Was der Andi da gesehen hat? Biker, viele Biker. „Oh, tausend Motorräder wird nicht übertrieben sein“, schätzt der Bernd. Er ist heute Morgen aus Vaihingen an der Enz angebraust gekommen. „Das ist hier eine schöne Auszeit vom Weihnachtsstress. Hier trifft man seine ganzen Kumpels vom Sommer nochmal“, sagt er und schaut verträumt auf die andere Straßenseite, wo Blechteil an Blechteil steht und in der durchblinzelnden Heiligabendsonne glänzt.

Niemand weiß, wie lange es das Treffen schon gibt

„Traditionelles Heiligabendtreffen“ ist auf einem blauen Schild zu lesen. Wie weit die Tradition zurückreicht, kann aber niemand so genau sagen. Und auch, wer die Idee dazu hatte, muss wohl ungeklärt bleiben. „Das muss so ungefähr 20 oder 25 Jahre her sein“, überlegt der Biker Sigi (männlich) und schaut zu seiner Freundin Sigi (weiblich). Die weiß mehr. „Wir sind damals schon oft an Heiligabend zum Glems­eck gekommen“, erinnert sie sich. „Und weil es so kalt war, haben wir uns beim Wirt beschwert, dass es keinen Kaffee und keinen Glühwein gibt.“

Glemseck-Wirt Joe Scheytt steht in seiner Holzhütte und kommt mit dem Bratwurst-Anbraten und Glühwein-Ausschenken kaum nach. 2000 hungrige Mäuler bevölkern den Biergarten, und die wollen verköstigt werden. Über den Ursprung hat er aber eine andere Geschichte parat. „Früher haben wir diesen Heiligabendtreff veranstaltet, damit die Väter herkommen und die Mütter zuhause den Christbaum schmücken können“, berichtet er. „Aber mittlerweile schmücken alle den Baum schon einen Tag vorher und auch die Frauen und Kinder kommen mit zum Bikertreff.“

Immerhin um nichts weniger als den einzigen Biker-Treff im Winter in ganz Baden-Württemberg handle es sich bei diesem Heiligabendtreffen, schätzt Wirt Joe Scheytt. „Die Leute wollen hier dem Weihnachtstrubel ein paar Stunden entrinnen“, sagt er. Aber Motorradfahren im Winter? Ist das nicht bitterkalt? „Die tolle, moderne Kleidung macht’s möglich“, sagt der Bernd, „und meine Heizgriffe, also die beheizten Griffe am Motorradlenker.“

Ein paar Meter weiter steht Holger Sendler. Er trägt ganz spezielle, kälteabweisende Kleidung. „Das ist mein Weihnachtsmann-Kostüm“, erklärt er, „das hat hier am Heiligen Abend schon Tradition.“ Ebenso wie sein Ziel, das er zusammen mit seinen Kumpels von den „South-West-Wheelers“ an diesem Tag immer von ihrem Heimatort Fellbach aus ansteuert. „Heiligabend am Glemseck, das ist Kult, das machen wir schon ewig“, erklärt Andi Mock, der Chef der South-West-Wheelers. „Das Christbaumschmücken kann nämlich warten.“

Mancher wärmt sich die kalten Finger am Glühwein

Das dürften sich auch noch andere gedacht haben, als sie heute Morgen ihr Kraftrad gesattelt und sich zum Glemseck aufgemacht haben, oder? Drei Damen wärmen sich am Glühwein. Das sieht aber nicht wirklich nach Motorradfahrerinnenkluft aus! „Ja, ja, heute lassen wir die Männer alleine fahren. Wir sind mit dem Auto hergekommen“, gesteht die Martina aus Aidlingen, eine der drei. Jedes Jahr treffen sie sich hier am Heiligabend-Mittag, nehmen aber das bequeme Auto. Und wie lautet die Ausrede dafür? „Ich hab’ nachher keine Zeit, mein Moped zu putzen“, sagt Martina. „Ich muss nachher auf dem Heimweg meine Eltern abholen“, erklärt die Siggi aus Ochsenwang auf der Alb. „Mein Moped liegt leider schon im Winterschlaf“, sagt die Andrea aus Sindelfingen.

Nach Hause, zum Christbaum, geht es dann später. Der ist doch schon perfekt geschmückt, oder? „Nö, das kommt auch noch“, gesteht die Martina und auch An­drea schmunzelt: „Alles, was wir nachher nicht schaffen, wird dieses Jahr gar nicht gemacht“, heißt ihr Rezept für eine entspannte Weihnacht.

Schon jetzt auf den Heimweg macht sich gerade die Familie Kalich. Die hat auch einen langen Weg vor sich, bis aus Karlsruhe sind sie heute Morgen gekommen. Vater Ralph und Tochter Eve schwingen sich jeweils auf ihre Motorräder und Mutter Ute kuschelt sich zusammen mit dem Hund Ice in den Beiwagen. „Der Hund dient mir als Heizung im Beiwagen“, erklärt Ute, „der fährt nämlich lieber in dem zugigen Beiwagen mit, als dass er daheim bleibt.“ Und auch Glemseck-Wirt Joe Scheytt denkt so langsam ans Aufräumen. „Gegen drei Uhr gehen dann alle“, hat er in den vergangenen Jahren festgestellt, „ich musste noch nie jemanden heimschicken.“ Und dann, dann kann es auch am Glemseck endlich kommen, das Christkind.




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