Leonberg Wer ins Seehaus will, muss Deutsch können

Von Bartek Langer 

Vorerst gibt es keine straffälligen Flüchtlinge am Glemseck: Der Leiter Tobias Merckle schließt eine Aufnahme in den offenen Jugendstrafvollzug in freier Form aus, weil diese ausreichende Sprachkenntnisse voraussetzt.

Das Seehaus engagiert sich  in vielfacher Weise und betreut eine Wohngemeinschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Sie werden an  Gastfamilien vermittelt. Foto: factum/Archiv
Das Seehaus engagiert sich in vielfacher Weise und betreut eine Wohngemeinschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Sie werden an Gastfamilien vermittelt. Foto: factum/Archiv

Leonberg - Beim Tag der offenen Tür am Wochenende hat der baden-württembergische Justizminister Guido Wolf das Seehaus als ein „Kulturhaus“ bezeichnet, in dem „die Jugendlichen in ihren Familien eine ganz neue Form von Leben und Zusammenleben erfahren“. Dieses Angebot des Strafvollzugs in freien Formen als Alternative zum Gefängnis wird aber kriminellen Flüchtlingen vorerst verwehrt bleiben. Das erklärte der Leiter Tobias Merckle am Rande des Fachtags „Strafvollzug und Straffälligenhilfe“, der in der Leonberger Einrichtung veranstaltet wurde. „Die meisten straffälligen Flüchtlinge sprechen nicht ausreichend Deutsch“, sagte er. „Deutschkenntnisse sind aber Voraussetzung für eine Aufnahme bei uns.“

Bei der gemeinsamen Veranstaltung des Fachverbands für Soziale Arbeit, Strafrecht und Kriminalpolitik (DBH), der Justizvollzugsschule und der Dualen Hochschule Baden-Württemberg gemeinsam mit dem Verein Seehaus tauschten sich Fachleute aus den Bereichen Straffälligenhilfe, Justizvollzug, Jugendgerichtshilfe und Jugendhilfe über ihre Erfahrungen mit straffälligen Flüchtlingen aus. „Flüchtlinge sind nicht krimineller als andere, aber es gibt sie dennoch, was uns vor eine neue Herausforderung stellt“, gab Tobias Merckle den Tenor des Fachtags wieder.

Informationen aus erster Hand aus Adelsheim

Dies konnte Katja Fritsche als Anstaltsleiterin der Justizvollzugsanstalt Adelsheim aus erster Hand bestätigen – die meisten jungen Männer, die ihre Haftstrafe im Seehaus verbringen, kommen aus dem Jugendgefängnis in Nordbaden. „Die bei uns inhaftierten Flüchtlinge sind keine ‚schweren Jungs’, wie es oft heißt“, sagte die ehemalige Heilbronner Jugendrichterin. „Sie fallen weniger durch Gewalttaten auf, sondern vielmehr durch Straftaten im Bereich der Eigentumsdelikte oder Leistungserschleichung.“

Auch konnte sie das Gerücht entkräften, wonach sich diese hinter Gittern radikalisieren würden. „Es gibt zwar vereinzelt Insassen, die irgendein Bildchen mit IS-Bezug malen oder darüber sprechen, aber es gibt keine Tendenzen zu einer Brutstätte“, berichtete Fritsche. Genauso wenig bilde sich eine Subkultur in dem Jugendgefängnis, weil die Häftlinge aus verschiedenen Ländern stammten. „Wir sprechen von Maghreb-Staaten, aber für die Insassen ist es ein riesiger Unterscheid, ob man aus Tunesien oder Marokko kommt“, erklärte sie.

Die Flüchtlinge hätten auch keine Probleme damit, den Anordnungen des weiblichen Anstaltspersonals Folge zu leisten. „Anfangs war das anders, aber inzwischen gibt es kein Gender-Problem mehr“, so Fritsche. Damit sich das nicht ändert, bietet die Anstalt Migrationskurse an, die neben Deutschunterricht auch die Vermittlung der hiesigen Grundwerte und Lebensregeln beinhalten. Zudem gibt es auch eine religiöse Betreuung für die Insassen.

350 junge Männer sitzen in Adelsheim ein

Rund 350 junge Männer verbüßen derzeit ihre Haftstrafe in Adelsheim. Etwa 200 von ihnen haben die deutsche Staatsbürgerschaft, gefolgt von der türkischen und algerischen. Insgesamt stammen die Häftlinge aus mehr als 40 Ländern. 20 Prozent von ihnen sind Flüchtlinge. Die tägliche Arbeit gestaltet sich laut der Anstaltsleiterin schwierig. „Aufgrund der fehlenden Deutschkenntnisse ist die Verständigung schwer, manche sind sogar Analphabeten“, berichtete sie. Manchmal sei es nicht einmal klar, ob der Name und das angegebene Alter stimmten. „Kontakt zu den Angehörigen gibt es nur in den allerwenigsten Fällen“, sagte sie. Allerdings seien die inhaftierten Flüchtlinge sehr arbeitswillig.

Zumindest in dieser Hinsicht wären die jungen Männer quasi prädestiniert für das Seehaus, ist doch der Tag in der Leonberger Einrichtung voll durchgetaktet. Und so möchte Leiter Tobias Merckle eine mögliche Betreuung straffälliger Flüchtlinge auch nicht kategorisch ausschließen. „Wenn wir aber so etwas tatsächlich machen würden, dann müsste natürlich die Sprache im Vordergrund stehen“, betont der Leiter, der dabei allerdings von reiner Zukunftsmusik spricht.

Auch wenn die Aufnahme von straffälligen Flüchtlingen derzeit kein Thema ist, engagiert sich das Seehaus in vielfacher Weise und betreut eine Wohngemeinschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und vermittelt diese an Gastfamilien.




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