Job, Wohnung, Freunde – nach seiner Flucht aus Syrien baut sich Hussam D. ein neues Leben im Altkreis auf. Jetzt ist er in die Türkei zurückgekehrt.

Leonberg - Die Nachricht ereilte seinen Be­treuer Wolfgang Kreibohm völlig ­überraschend. Vor einigen Tagen bekam der Malmsheimer eine Sprach­nachricht von seinem syrischen Schützling ­zugeschickt. In dieser teilt Hussam D. mit, dass er zurück in die Türkei gereist sei, er bedankt sich für die ganze Hilfe und wünscht alles Gute. „Wir hatten erst neulich zusammen in einem Restaurant unter Einhaltung der Fastenzeit zu Abend gegessen, und er wollte mir demnächst bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung helfen“, erzählt der Malmsheimer, der sich auch im Lions-Club Leonberg engagiert und kann es noch immer nicht so recht glauben.

Der Grund für die    Rückkehr waren ­offenbar Sticheleien eines Arbeitskollegen, dies führt der 30-Jährige zumindest in der Sprachnachricht an. Auch Kreibohm hatte mitbekommen, dass es Probleme bei der Arbeit gab. „Er hatte mir erzählt, dass sich ein Kollege über ihn lustig macht, weil er während des Ramadans fastet und er empfahl ihm, nach Syrien zurückzugehen.“ Leider habe sich D. nicht bei seinem Meister beschwert. Kreibohm vermutet aber auch, dass Sprachprobleme zu seinem Umdenken geführt haben könnten. Aufgrund mangelnder schriftlicher Deutschkenntnisse konnte er bisher noch keine Aus­bildung als Fachkraft für Metalltechnik ­beginnen. „Er hatte neulich die B1-Sprachprüfung abgelegt und ich weiß nicht, ob er sie bestanden hat“, sagt er. Nicht zuletzt litt D. unter der Trennung von seiner Familie, die in der Türkei lebt.

Nach der Flucht aus seiner vom Krieg gebeutelten Heimat Syrien hatte sich der 30-Jährige ein neues Leben in Deutschland aufgebaut. Wir von der Leonberger Kreiszeitung hatten uns erst kürzlich mit ihm an seinem Arbeitsplatz getroffen, und es war eine ganz andere Geschichte über ihn geplant. D. lebte in einer Wohngemeinschaft in Malmsheim und war als Hilfsarbeiter bei dem Textilmaschinenhersteller Brückner in Leonberg tätig – auch dort hatte er sich übrigens nicht abgemeldet, heißt es. Katrin Kessoudis vom Verein für Deutsche Sprachvermittlung (VDV) hatte ihm zu einem Praktikumsplatz verholfen.

Unterstützung von Chefs und Kollegen

Der 30-Jährige, der in Syrien schon in jungen Jahren in der Firma seines Vaters an einer Webstuhlmaschine gearbeitet­ ­hatte, schwärmte von seinen Kollegen und Vorgesetzten, die ihm auch beim Deutsch lernen und beim Asylverfahren geholfen hatten. Sein Meister fuhr ihn sogar zum BAMF nach Karlsruhe, und selbst die Firmenleiter Regina Brückner und ihr Ehemann Axel Pieper unterstützten ihn, wo sie nur konnten. So zeigte die Firma auch viel Verständnis nach seinem folgenreichen Abstecher nach Griechenland Anfang April – an den Ort, an dem er erstmals europäischen Boden betreten hatte.

Damals flog er nach Thessaloniki und wollte in der griechisch-türkischen Grenzstadt Alexandroupolis eine Bekannte treffen, die er nach dem Wunsch seiner Eltern heiraten sollte. Die Frau, die ebenfalls aus seiner Heimatstadt Aleppo stammte, hatte wie viele andere Geflüchtete den naheliegenden Fluss Evros überquert, um weiter gen Mittel- und Nordeuropa aufzubrechen, da griechische und türkische Polizisten die Route über die Ägäis inzwischen strenger bewachen als die Landgrenze. Doch er ­sollte sie nicht zu sehen bekommen.

Denn kaum war er mit dem Bus in der Hafenstadt angekommen, wurde er bei einer Polizeikontrolle festgenommen. „Ich hatte der Polizei meinen Reiseausweis und auch die für drei Jahre gültige Aufenthaltsgenehmigung gezeigt, aber sie meinten, dass die Papiere gefälscht seien“, erzählte der Mann, der in den Verdacht geraten war, soeben illegal eingereist zu sein. Die ­griechischen Beamten zerrissen sein Flugticket, beschlagnahmten sein Mobiltelefon, und auch seiner Bitte, einen Dolmetscher hinzuzuziehen, da er kein Englisch sprach, wurde nicht entsprochen. Immerhin ­bekam er später eine Anwältin zur Seite ­gestellt.

Er musste einiges durchmachen

Nach der Fahrt in einem „fensterlosen Transporter“ wurde D. für drei Tage ins ­Gefängnis gesteckt, dann in ein zweites ­verlegt, wo er noch eine Woche ausharren musste. Am Ende kam er in ein Flüchtlingslager nahe Alexandroupolis. „Ich hatte mir   dort ein gebrauchtes Handy gekauft und  über Facebook Kontakt mit einer Be­kannten aus Malmsheim aufgenommen“, erzählte er. Die in der Flüchtlingshilfe ­engagierte Frau informierte daraufhin seinen Arbeitgeber und auch seinen Betreuer Wolfgang Kreibohm.

Die beiden setzten alle Hebel in Bewegung und wandten sich an die Ausländer­behörde des Landratsamtes, die sich mit der deutschen Botschaft in Athen in Verbindung setzte. Diese bestätigte den griechischen Behörden die Echtheit der Ausweispapiere und dass D. ein anerkannter Flüchtling war. Nach drei Wochen ging es für ihn zurück nach Deutschland. Eine ­Entschuldigung gab es nicht, und auch sein Handy bekam er nicht mehr zurück. „Ich hatte schon das Schlimmste befürchtet!“, sagte der 30-Jährige, der einsah, dass die Idee hochriskant war. „“Ich dachte, ich werde in die Türkei abgeschoben und von dort wieder zurück nach Syrien.“ Dies wäre praktisch ein Todesurteil für ihn gewesen.

Denn D. war in Syrien Soldat, und in den Augen des Assad-Regimes damit ein Fahnenflüchtiger. „Ich wurde nach dem zweijährigen Wehrdienst eingezogen, ich hatte keine Wahl“, erklärte er und meinte: „Ich wollte aber nicht auf meine Nachbarn schießen!“ Deshalb ergriff er mit einem Neffen und zwei Cousins die Flucht. Die Gruppe kam über die Türkei, Griechenland und die Balkanroute 2015 nach Deutschland. Seine Eltern und die drei Brüder ­setzten sich später in die Türkei ab, die vier Schwestern leben noch in Syrien.

„Deutschland ist tolerant“

D. erzählte, dass er sich angekommen fühlte, wenngleich er seine Heimat vermisste. „Die Menschen in Deutschland sind tolerant, das schätze ich am meisten“, sagte er. Verstehen konnte er aber auch diejenigen, die die Flüchtlingspolitik kritisierten. „Ich kenne Geflüchtete, die sind genauso lange wie ich hier, aber sie arbeiten noch immer nicht und bekommen Geld vom Staat – das geht nicht“, sagte der Mann, der früher zeitweise zwei Jobs hatte, damit er seiner Familie Geld schicken konnte, bei unserem Treffen.

Laut Wolfgang Kreibohm hat der 30-Jährige in der Türkei einen Job in einer Firma gefunden, in der auch seine Brüder arbeiten, jetzt sucht er noch ein kleines Zimmer. „Es war eine schöne Zeit mit ihm, und ich hätte ihm gerne weitergeholfen“, sagt der Malmsheimer betrübt. „Er war ein hochanständiger und engagierter Mensch. Jeder, der ihn kannte, meinte: Genau solche Leute brauchen wir hier!“ Dass sich D. nicht persönlich bei ihm verabschiedet hatte, kann Kreibohm verstehen. „Er wusste genau, dass ich es ihm ausreden würde!“

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