Leonberg Zwischen Nazi-Ideologie und schwäbischem Pietismus

Von Renate Stäbler 

Bei der KZ-Gedenkstätteninitiative erinnern sich zwei Kriegskinder an traumatische Situationen.

Pitt Adler (links) erzählt von seinen Erlebnissen während des Kriegs. Foto: privat
Pitt Adler (links) erzählt von seinen Erlebnissen während des Kriegs. Foto: privat

Leonberg - Ich erzähle Euch meine Wege“ – unter diese Worte des 119. Psalms hatten Linde Beer und Pitt Adler ihre Zeitzeugenberichte über die letzten Kriegsjahre sowohl in Leonberg als auch im damals von den Deutschen besetzten Polen gestellt. Gut 30 Zuhörer, darunter zehn, die den Krieg auch noch selbst erleben mussten, interessierten sich für die mehr als 70 Jahre alten Erinnerungen.

Die beiden Kriegskinder, 84 und 81 Jahre alt, berichten bei einer Veranstaltung der KZ-Gedenkstätteninitiative von ihren Erlebnissen, die sie heute noch umtreiben. Bei Linde Beer sind es vor allem nächtliche Bombenangriffe. Während zunächst nur Stuttgart betroffen schien, rückte gegen Kriegsende auch Leonberg ins Radarfeld der Angreifer. „Wir saßen zitternd im Bunker und warteten auf Bombeneinschläge. Noch lange nach Kriegsende versetzte mich Sirenengeheul in Panik“, sagt sie. Das mittelständische bürgerliche Leben in der Kleinstadt Leonberg sei seinerzeit sowohl von der Nazi-Ideologie als auch von der evangelischen Ethik geprägt gewesen. Gut erinnert sie sich noch, dass eine pietistische Tante sie als 13-Jährige nach dem missglückten Attentat am 20. Juli 1944 beiseite nahm mit den Worten: „Wir wollen ein Dankgebet sprechen, Gott hat unseren Führer verschont.“

Die Propaganda-Lüge von der Wunderwaffe

Im Frühjahr 1945 begannen die amerikanischen Flugzeuge dann mit Tieffliegerangriffen – vor allem auf radfahrende Kinder, Bauern auf den Feldern und Lokomotivführer in Zügen. Dennoch glaubten die meisten weiter an die Propaganda-Lüge von der Wunderwaffe, die das Kriegsglück noch wenden werde. Schließlich kam es zu dem folgenschweren Luftangriff auf Leonberg am 1. März 1945. „Kleine schwarze Punkte sausten durch die Luft. Bomben. Wir stürzten, vom Luftdruck erfasst, die Treppe hinab. Als wir wieder herauf kamen, war das Nachbarhaus zerbombt, es lag zur Hälfte auf unserem.“

„Unglaubliche Gleichgültigkeit“

Nach dem Angriff erlebte sie die Leonberger KZ-Häftlinge in ihren gestreiften Anzügen beim Aufräumen der Trümmer und der Reparatur des Elternhauses. Im Nachbargarten mussten manche Blindgänger entschärfen. Ein Häftling wurde dabei getötet und – so beobachtete es das Kind – „mit einer Geste unglaublicher Gleichgültigkeit zur Seite geworfen. Das, sagte meine Mutter, ist nicht recht, er ist ein Mensch“.

Wenig später trauerte die Mutter um den gefallenen Vater – ein Ereignis, dessen Tragweite die Heranwachsende noch nicht in ihrer Tragweite erfassen konnte.




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