Eine abgelegene Baustelle auf 2220 Metern Höhe birgt so einige Herausforderungen. Davon können die Verantwortlichen des Deutschen Alpenvereins (DAV) in der Sektion Stuttgart ein Lied singen. In den Lechtaler Alpen starteten sie im vergangenen Sommer ein großes Projekt. Das Württemberger Haus, 1924/1925 erbaut, umgeben von einigen Dreitausendern und aus dem Tal nur mit einem mindestens vier Stunden langen Fußmarsch zu erreichen, war bislang die älteste Hütte der DAV-Sektion Stuttgart. Die Patenschaft für diese einfache Berghütte mit 55 Schlafplätzen für Wanderer und Bergsteiger hat vor vielen Jahren die DAV-Bezirksgruppe Leonberg übernommen.
Momentan ist das Württemberger Haus geschlossen. Denn der DAV Stuttgart erstellt in hochalpiner Lage einen neuen und modernen Ersatzbau. Mit der Prämisse, die Grundmauern der ursprünglichen Hütte inklusive der historischen Gaststube zu erhalten. Bei 100 Jahren Hüttengeschichte wurde das Württemberger Haus in der Vergangenheit immer wieder um- und angebaut, wuchs zu einem Flickwerk heran und erfüllte irgendwann nicht mehr die Anforderungen der beaufsichtigenden Behörden.
Neubau statt Stückwerk
Die eher provisorische Unterkunft für die Pächter wurde bemängelt, genauso die in die Jahre gekommene Küche, die weiten Laufwege des Personals oder auch die nicht mehr zeitgemäße Stromversorgung. „Der übergeordnete DAV-Bundesverband bezuschusst keine Sanierungen mehr, also mussten wir neu überlegen“, sagt Karlheinz „Charly“ Müller. Der 66-jährige Bauingenieur aus Korntal-Münchingen ist seit Ende des Jahres 2023 als stellvertretender und ehrenamtlicher Vorsitzender der DAV-Sektion Stuttgart für die vier Hütten, die der Alpenverein in Österreich besitzt, zuständig. Diese Aufgabe hat er von dem Weissacher Jürgen Krumrein übernommen, der ebenfalls schon einige Jahre mit dem Projekt „Württemberger Haus“ betraut war. „In meiner Funktion versuche ich, die Hüttenwirte so gut es geht zu unterstützen. Ich bin politisch verantwortlich für das Thema und schaffe die notwendigen Ressourcen und finanziellen Mittel“, sagt Müller.
Nach langer Vorbereitungsphase mit Genehmigungsverfahren, vielen Planungsentwürfen und Diskussionen engagierte man schließlich den Innsbrucker Architekten Armin Neurauter, der Erfahrungen von der Sanierung der Dortmunder Hütte in den Stubaier Alpen mitbrachte. Bergerfahrung hat er obendrein. „Er hat den Weg von Zams zum Württemberger Haus schon mal in einer Rekordzeit von etwas mehr als zwei Stunden zurückgelegt – was natürlich nicht den Ausschlag für seine Wahl gab“, sagt Müller mit einem Augenzwinkern.
300 bis 400 Helikopterflüge für den Transport geplant
Die Kosten des Projektes belaufen sich auf mehr als drei Millionen Euro. Der DAV-Bundesverband mit Sitz in München unterstützt den Bau mit etwa 1,7 Millionen Euro, das Land Baden-Württemberg steuert 400 000 Euro bei. Die Stuttgarter Sektion des DAV muss 957 000 Euro tragen. „Dieser immense Betrag ist auch der geografischen Lage des Projekts geschuldet“, sagt Karlheinz Müller. Der Transport der Handwerker und des Materials erfolgen ausschließlich per Hubschrauber, treiben die Kosten in die Höhe. „Geplant sind in etwa 300 bis 400 Flüge, davon kostet einer allein 500 Euro“, so der Korntal-Münchinger. Damit sich die Zahl der Flüge in diesen Grenzen hielten, lasse man stets Leistungen zusammenkommen, ehe der Helikopter abhebt.
Die ursprüngliche Hütte bekommt einen modernen Anbau in Massivholzbauweise. Für ein ruhiges Erscheinungsbild sorgt eine einheitliche Schindeldeckung. Das Projekt fügt sich damit optisch in die Berglandschaft ein. Die neuen Zimmer und Lager befinden sich dann im Obergeschoss, ebenso der Pächter- und Personalbereich. Der kompakte Baukörper ermöglicht eine energetische und konstruktiv wirtschaftliche Umsetzung. „Die Energieversorgung der Hütte wird künftig durch eine Photovoltaikanlage und Batteriespeicher optimiert“, erklärt Christian Ludwig, beim DAV Stuttgart für die Kommunikation zuständig. Das bestehende Wasserkraftwerk könne unterstützend zugeschaltet werden. Mit dieser Kombination könne künftig mehr Strom für die Küche zur Verfügung gestellt werden und gleichzeitig werde weniger Wasser aus dem Hüttensee für die Stromgewinnung benötigt. „Trotz allen Neuerungen setzen wir weiterhin auf Einfachheit“, sagt Ludwig. Auf Duschen müssen die Wanderer auch künftig verzichten. Dafür gibt es Waschräume – oder die Möglichkeit, sich unter einen Wasserfall zu stellen.
Die Launen des Wetters machen einen konkreten Zeitplan unmöglich
Für Brisanz sorgt immer wieder das Wetter. Dessen Launen machen einen konkreten Zeitplan so gut wie unmöglich und erfordern eine große Flexibilität von allen am Bau Beteiligten. So überraschte sie beispielsweise nach dem Baustart im vergangenen Sommer ein heftiger Schneeeinbruch im September und erzwang eine Pause. Das Gerüst wurde vorsichtshalber entfernt. Dennoch soll der Zeitplan eingehalten und das Württemberger Haus in diesem Herbst eröffnet werden.
Bevor am Württemberger Haus die Baufirma anrückte, war in Kooperation mit dem Hüttenwirt – das ist der Stuttgarter Odo König - die Hilfe der DAV-Vereinsmitglieder gefragt. Zu tun gab es einiges: entrümpeln, Mobiliar ausräumen, Wandverkleidung abmontieren, Abbruchmaterial transportfertig machen. Auch einige Leonberger waren beim Arbeitseinsatz dabei. Karlheinz Müller ist mit dem Projekt bestens betraut, hatte allerdings noch keine Möglichkeit, sich vor Ort ein Bild vom aktuellen Stand zu machen. „Ich habe mit den anderen Hütten viel Arbeit.“ Beispielsweise gab es in der ebenfalls im Lechtal gelegenen Frederick-Simms-Hütte einen Pächterwechsel. Zudem muss auch dieses Gebäude zukunftsfähig gemacht werden. „Dort haben wir noch Matratzenlager für 28 Personen, das ist nicht mehr zeitgemäß. Der Trend geht zu kleineren Zimmern.“ Und in Riezlern im Kleinwalsertal – dort steht das Mahdtalhaus – machte er neben anderen Aufgaben auch den Vertrag mit dem neuen Pächter im Württemberger Haus klar.
Der Deutsche Alpenverein und seine Hütten
Mitglieder
Der Bundesverband des Deutschen Alpenvereins mit Sitz in München wurde im Jahr 1950 wiedergegründet und hat momentan 1,57 Millionen Mitglieder. In der Sektion Stuttgart – hier zählt auch die Bezirksgruppe Leonberg hinzu – sind es derzeit 30 670 Bergsportbegeisterte. Der DAV ist im Jahr 2024 um 3,30 Prozent gewachsen. Gestiegen ist auch der Anteil der weiblichen Mitglieder, der aktuell 44,2 Prozent beträgt.
Hütten
Insgesamt sind es über 2000 Alpenvereinshütten in allen Ländern des Alpenbogens, in denen die DAV-Mitglieder Vergünstigungen bei den Übernachtungspreisen und teils weitere Privilegien erhalten. In der Obhut der DAV Sektion Stuttgart liegen insgesamt fünf eigene Hütten: das Edelweißhaus, die Frederick-Simms-Hütte, das Württemberger Haus, das Mahdtalhaus, das Albhaus sowie die Donautalhütte. Weitere Informationen unter www.alpenverein-stuttgart.de im Internet.