Leonberger Blickwinkel Randseitendes Lebens

Von Michael Schmidt 

Blicken wir heute mal auf die Außenspalten der Zeitung. Dort steht der Polizeibericht. Was alltäglich klingt, ist für die Opfer eine Katastrophe. Ist die Justiz zu lasch?

Gewalt im Alltag kommt oft harmloser, aber nicht weniger bedrohlich daher. Foto: Sigrist
Gewalt im Alltag kommt oft harmloser, aber nicht weniger bedrohlich daher. Foto: Sigrist

Leonberg - Von Sommerloch kann in diesen Tagen keine Rede sein. Außer vielleicht in der Kommunalpolitik. Aber in der weiten Welt verschärft sich das Leid in Syrien immer mehr – und in der lokalen Welt kann man beim Lesen der Außenspalten unseres Lokalteils nur den Kopf schütteln. Hier stehen meist unsere Polizeimeldungen. Und es waren in dieser Woche jene Fälle von Gewalt, bei denen es (zum Glück) nicht gleich um Mord und Totschlag ging, aber eruptive Brutalität auf arglose Opfer traf. Da sind jene Menschen in Höfingen, die offen ihre Angst artikulieren vor einem Mann, der immer wieder ausfällig wird – aber eben noch nie so , dass es nach Ansicht der Justiz für eine härtere Strafe ausreicht. Oder eine Therapie?

Oder ist gar die Angst vor jemandem überzogen, der wegen einer Nichtigkeit handgreiflich wird? Wir haben in der Redaktion darüber diskutiert, wie wir es werten sollen, wenn ein Autofahrer sich wegen der Straßensperre eines Feuerwehreinsatzes dermaßen aufregt, dass er geradewegs auf die Einsatzstelle zurast, die Absperrung durchbricht und dabei auch noch einen ehrenamtlichen Feuerwehrmann anfährt – um hernach anzuhalten und nochmals zu beschimpfen. Nur eine „Überreaktion“ – oder die Vorstufe zum Totschlag? In journalistische Schubladen lässt sich diese Gewalt kaum greifen. Sie findet in den Außenspalten dieser Zeitung statt, aber eben auch am Rande unserer Gesellschaft. Es mag im anonymen Strafrecht kein großes Ding sein, wenn zwei polizeibekannte Brüder in einem überschaubaren Stadtgemeinschaft wie Renningen im Suff junge Mädchen unflätig beleidigen und begrapschen. Für die Opfer, junge Teenager, kann es verheerend sein, weil das Trauma vor allem eines ist: Dort wo ich daheim bin, kann ich nicht mehr unbehelligt und sicher von der S-Bahn nach Hause laufen.

Es ist die Fallhöhe, die in den genannten Fällen verstört: In einem Landstrich, in dem man auch mal zwei Tage sein Auto unverschlossen herum stehen lassen kann, in dem Tausende vier Tage lang friedlich in einem Weinberg miteinander zu feiern verstehen, verstört Gewalt umso mehr.

Und da mag der Kriminologe Christian Pfeiffer noch so recht haben, wenn er davor warnt, aus subjektiven Wahrnehmungen von neuer Gewaltlust unter Jugendlichen zu sprechen und wegen prominenter S-Bahn-Schläger das Jugendstrafrecht zu verschärfen. Die Zahl der Verbrechen, also schwerer Straftaten sinkt seit Jahren. Bei Jungen noch stärker als bei Älteren.

Aber es gibt eben eine Form von Bösartigkeit, die ist niederschwelliger als Polizeistatistiken, dafür umso nachhaltiger. Es geht in unseren Polizeiberichten – gottseidank – selten um Mord oder Totschlag. Aber es geht uns allen darum, gut in unseren Gemeinden, in unseren Stadtquartieren zu leben. Ein Schlüssel dazu ist, sich frei von Angst zu bewegen. Mit einer Rechtsprechung, die immer noch stark auf den Täter zentriert ist, gelingt das nicht immer.

Ein kleines Signal hat es in dieser Woche aus der (Landes-)Polizeiführung allerdings gegeben: Die Einrichtung einer „Kriminalwache“ im zentral gelegenen Mittelzentrum Leonberg hilft, die ärgsten Konstruktionsprobleme der jüngsten Polizeireform zu beheben. Kriminalbeamte können ein Stück weit schneller sowie rund um die Uhr bei denen sein, die nach einer Straftat sofort Hilfe brauchen: den Opfern.




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