Nach 26 Jahren hat Wolfgang Schönleber Abschied vom Leonberger Rathaus genommen. Foto: Simon Granville
Wolfgang Schönleber hat die Fälscher der berühmten Giacometti-Skulpturen auffliegen lassen, was verfilmt wurde. Nun verabschiedet er sich nach 26 Jahren aus dem Leonberger Gemeinderat.
Wer die Romane von Martin Suter liest, der kennt sie: die Welt der Reichen und der Schönen. Sie beschäftigen sich mit ihren Geschäften, gerne aber auch mit der Kunst. Hochwertiger Kunst, versteht sich. Und diese, das weiß nicht nur die Leserschaft des Schweizer Bestsellerautors, steht oft im Visier jener Zeitgenossen, für die Gesetze nicht einmal empfehlenden Charakter haben. Zwar gelten Diebstahl und Fälschung künstlerischer Exponate für manche als Kavaliersdelikte – doch sehr oft geht es dabei um mehrstellige Millionenbeträge.
Um solchen Leuten das Geschäft zu vereiteln, gibt es bei der Polizei spezielle Ermittler. Einer von ihnen war Wolfgang Schönleber. 20 Jahre lang war der Leonberger als Fahnder auf der dunklen Seite der internationalen Kunstszene unterwegs. Sein spektakulärster Fall waren die millionenschweren Fälschungen von Skulpturen des Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti. Ein Geschichte, die erst unlängst in der WDR-Dokumentation „Millionen-Fake – Jagd auf die Kunstfälscher“ (zu sehen in der ARD-Mediathek) nachgezeichnet wurde. Aber der Reihe nach.
In „Millionen Fake“ ist zu sehen, wie die Fälscher der Giacometti-Skulpturen gefasst wurden
Dass er es einmal mit dieser mehr als außergewöhnlichen Art der Kriminalitätsbekämpfung zu tun haben wird, das konnte der junge Wolfgang Schönleber Anfang der siebziger Jahre nicht ahnen. „Eigentlich wollte ich Handelslehrer werden“, sagt der jetzt 76-Jährige. „Aber da war die Warteliste sehr lang.“ Da fügte es sich gut, dass die Polizei damals händeringend Mitarbeiter für den gehobenen Dienst suchte. Es war die Zeit des RAF-Terrorismus, und Ermittler waren Mangelware.
„Ich wollte nicht gerade bei der Finanzverwaltung landen, deshalb bewarb ich mich.“ Schönleber wurde genommen, absolvierte die Polizeiakademie in Freiburg erfolgreich und war danach beim Landeskriminalamt international operierenden Autoschieber-Banden auf der Spur. Dann wurde eine Stelle bei der Abteilung für Kunstkriminalität frei. „Das ist exotisch“, sagte sich der junge Beamte und griff zu.
Konrad Kujau, Fälscher der Hitler-Tagebücher, zählte zu seinen „Kunden“
Um Kunstkriminellen auf die Spur kommen, muss man als Polizist nicht selbst Experte sein. „Man braucht aber gute Kontakte zu Fachleuten“, sagt Schönleber. Die hatten er und seine drei Kollegen. Eine kleine Abteilung, die gerade in der Nachwendezeit reichlich zu tun hatte. Kunstdiebstähle aus Kirchen und Burgen in der früheren DDR und anderen Ostblockländern kamen ans Licht.
Konrad Kujau, der Fälscher der Hitler-Tagebücher Foto: dpa
Auch Konrad Kujau, der Fälscher der Hitler-Tagebücher, war im Visier von Wolfgang Schönleber: „Er war ein Militaria-Händler und hatte einen kleinen Laden in Stuttgart. Dort haben wir ihn immer mal wieder besucht.“ Ein gefährlicher Krimineller sei Kujau nicht gewesen, sagt der frühere Kommissar. „Er war ein kleiner Betrüger, hatte es aber faustdick hinter den Ohren.“
Da war der Fall der Giacometti-Skulpturen schon eine andere Hausnummer. Im Jahr 2001 erhielten die Kriminalbeamten einen Hinweis auf 13 gefälschte Werke des berühmten Bildhauers aus der Schweiz. Das Team aus Stuttgart ermittelte in Frankreich, Griechenland und der Schweiz. Die Spur führte schließlich nach Holland, wo es eine Gießerei gab, in der die Fälschungen hergestellt wurden. Den Weiterverkauf übernahm ein Kunsthändler aus Mainz.
Ein LKA-Beamter zeigt eine der gefälschten Giacometti-Skulpturen. Foto: dpa
Beim späteren Prozess bot die Verteidigung als vermeintlichen Sachverständigen einen „Reichsgraf von Waldstein“ als Zeugen auf, der die Echtheit der sichergestellten Exponate bestätigen sollte. In Wirklichkeit war er zu DDR-Zeiten Lokführer. Die Täter erhielten allesamt mehrjährige Haftstrafen. „Das war schon recht viel“, erinnert sich Schönleber. „Damals galten solche Leute als Weiße-Kragen-Täter.“ Und tatsächlich sei nie Gewalt von ihnen ausgegangen: „Sie haben keine Probleme gemacht.“
Der Giacometti-Fall war zwar spektakulär und medienwirksam. Das schönste Erlebnis für den LKA-Mann war allerdings, als er den Menschen in Ridnau in Südtirol ihre Madonna nach 35 Jahren zurückbringen konnte. Die Heiligenfigur war gegen Militärfahrzeuge ausgetauscht worden und in der DDR gelandet. „Plötzlich war sie wieder auf dem Markt“, erinnert sich Schönleber. „Die Identifizierung war besonders schwierig, weil sie komplett abgebeizt war.“
Das ist die eine Seite des Wolfgang Schönleber. Die andere spiegelt sich im Jahrzehnte währenden ehrenamtlichen Engagement wider. Etwa beim damaligen TSV Eltingen als langjähriger Chef der Jugendarbeit der Fußballabteilung, die in den 1970er Jahren zur Spitze in ganz Württemberg zählte. 1977 gab es an einem Tag einen doppelten Erfolg: Am Morgen wurde Ottmar Pfitzenmaier mit der E-Jugend württembergischer Meister, am Nachmittag schaffte Wolfgang Schönleber mit der D-Jugend den Spitzenplatz. Einen Etat hatten die Eltinger Nachwuchskicker im Gegensatz zu den Vereinen aus der benachbarten Landeshauptstadt Stuttgart übrigens nicht.
„Mach’s einfach“: der Sprung in den Leonberger Gemeinderat 1999
Und dann war da noch die Kommunalpolitik. Schönleber war in der SPD. „Ich hatte nichts gegen die“, erklärt er seinen Parteieintritt. 1999 wurde der langjährige Stadtrat Peter Pfitzenmaier Leiter der städtischen Volkshochschule, konnte also nicht mehr dem Gemeinderat angehören. „Er sagte mir: ‚Kandidier du doch.‘ Ich wollte nicht so recht, und er sagte mir: ‚Mach’s einfach‘“, erinnert sich Schönleber.
Es war offenkundig ein weiser Rat: Der Kandidat schaffte vom ungünstigen Listenplatz 11 direkt den Einzug in den Gemeinderat und fügte sich in eine Reihe von illustren Neuzugängen wie Dieter Maurmaier (FDP), Wolfgang Schaal (Freie Wähler) und Elke Staubach (CDU) ein. Der jetzige Esslinger Oberbürgermeister Matthias Klopfer leitete damals die Geschäftsstelle der Leonberger SPD-Fraktion.
Der Abschied aus dem Gemeinderat von Leonberg ist kein Ende des Ehrenamts
Schönleber kümmerte sich um die Stadtentwicklung, hatte seine dezidierten Meinungen, war aber immer zu Kompromissen bereit: „Als es damals um Leo West ging, habe ich mich oft mit Wolfgang Schaal duelliert.“ Der Freie Wähler war ein entschiedener Verfechter des Gewerbegebiets, der Sozialdemokrat war dagegen. Aber: „Aus heutiger Sicht hatte Schaal recht.“ Das ist eine symptomatische Aussage für den Kripomann, der sowohl im Beruf als auch im Ehrenamt immer die nötige Gelassenheit mitbrachte.
Kurz vor dem Jahreswechsel wurde Wolfgang Schönleber nach 26 Jahren aus dem Leonberger Gemeinderat verabschiedet. Ihm folgt Christian Buch. „Es war mir eine Ehre“, sagte er nur kurz. Aber ganz vorbei ist es mit dem Ehrenamt für ihn noch nicht. Seit mehr als zehn Jahren ist Schönleber Vizepräsident des Sportkreises. Und das bleibt er auch.