Leonberger Stadtkirche Was steckt hinter dem Millionen-Projekt Kirchensanierung?
Das mehr als 700 Jahre alte Gotteshaus wird grundlegend umgestaltet und bekommt eine neue Orgel. Auch am Kirchturm sind intensive Arbeiten nötig.
Das mehr als 700 Jahre alte Gotteshaus wird grundlegend umgestaltet und bekommt eine neue Orgel. Auch am Kirchturm sind intensive Arbeiten nötig.
Über Jahrhunderte haben die Engel an der Kanzel der evangelischen Stadtkirche in guten und in schweren Zeiten dem Kirchenleben der Gemeinde zugesehen. Nun sind sie zu ihrer eigenen Sicherheit, gut verpackt und gesichert ins historische Pfarrhaus in der Pfarrstraße 14, begleitet von der Hosianna-Fahne, umgezogen. Hier finden sie eine Herberge, bis die Kirche saniert und für einen neue Orgel umgebaut ist.
Der Kirchenraum selbst ist eine große Baustelle. Sie wirkt, als sei hier der Verhüllungskünstler Christo am Werk gewesen. Der Altar, die Kanzel, das historische Gestühl im Chorraum sind mit grünlichen Schutzfolien umhaust. Der 1965 gestifteten seitlichen Chororgel, deren linker Orgeltürflügel das biblische Thema „Drei Männer im Feuerofen“ schildert, während der rechte Flügel das „Lamm im brennenden Dornbusch“ zeigt, haben sich die Fachleute von der Leonberger Orgelbauwerkstatt Mühleisen angenommen. Sie haben ihr einen Schutz gegen mögliche Feuchtigkeit und Schimmel verabreicht.
„Auch die vier Tafelbilder, die an der oberen Orgelempore angebracht waren, sind von der Ludwigsburger Restauratoren-Firma Mäule und Krusch gesichert worden“, sagt die Stadtpfarrerin Heidi Essig-Hinz. Sie zeigen biblische Szenen. Auf einem Rahmen wurde die Jahreszahl 1699 gefunden. Nach Abschluss der Arbeiten werden sie einen neuen Platz an der Wand über dem Südeingang der Kirche bekommen.
1680 wurde der Innenraum der um etwa 1300 erbauten und immer wieder baulich ergänzten Kirche umgestaltet. Sie bekam einen Altar und eine Kanzel im Barock-Stil. Die pompöse Kanzel wurde an der Nordseite des Mittelschiffs aufgestellt.
Einen grundlegenden Umbau erfuhr die Kirche in den Jahren 1962 und 1963. In dieser Zeit erhielt sie eine neue Orgel. Doch die „Königin der Musikinstrumente“, eine in Ludwigsburg 1964 gebaute Walcker-Orgel, wurde seinerzeit dem Trend gemäß aus günstigen Materialien gefertigt, sodass sie bereits nach 60 Jahren marode war. Vieles in der Ausstattung, was heute üblich und künstlerisch wichtig ist, fehlte.
Trotz ihrer Mängel hat die alte Orgel einen dankbaren Abnehmer gefunden. Im Sommer war ein Trupp Orgelbauer aus Rumänien am Werk. Sie haben das Musikinstrument in Rekordzeit fachgerecht abgebaut und nach Westrumänien verfrachtet. Hier wird sie im Gotteshaus einer ungarischen katholischen Kirchengemeinde wieder aufgebaut. Sie hat die Orgel gekauft.
Inzwischen ist großteils auch die obere Empore, auf der die Orgel stand, abgebaut. Eine besondere Herausforderung hier ist, einen mehr als acht Meter langen, tonnenschweren Stahlträger so abzubauen, dass kein Schaden angerichtet wird. So gesehen, ist es eine Meisterleistung der Bauleute vor gut 60 Jahren gewesen, den Träger an einem Stück an seinen luftigen Platz zu bekommen.
Die nun mit dem Entfernen der oberen Empore hinter der abgebauten Orgel sichtbar gewordenen Putzmalereien stammen noch aus der frühen katholischen Zeit der Kirche. Nach seiner Rückkehr aus dem Exil führte Herzog Ulrich von Württemberg 1534 die Reformation in seinem Herrschaftsgebiet ein. Leonberg hatte sich zuvor gegen die neue Lehre gewehrt, musste aber widerwillig evangelisch werden. Ein Jahr später wurde hier das Franziskanerkloster aufgelöst. Gesichert und unverändert wird die Wandmalerei erhalten bleiben.
Erhalten geblieben ist die untere Empore. Sie wird die neue Orgel tragen. Dafür muss sie nun, nachdem die Kirchenbänke hier entfernt wurden, hundertprozentig begradigt werden. „Jüngst haben wir hier die Kirchenbänke zersägt und entsorgt, denn niemand wollte sie haben, selbst geschenkt“, bedauert die Stadtpfarrerin.
Nun schlägt die Stunde der Elektriker. Sie werden die gesamte Elektrik der Kirche austauschen und die Beleuchtung erneuern. „Die großen Deckenlampen kann man über eine Spende auf der Internet-Seite der Stadtkirche erwerben“, sagt Heidi Essig-Hinz. Wenn keine Überraschungen auftreten, sollte der Innenausbau, bei dem auch Induktionsschleifen verlegt werden, damit Schwerhörige den Gottesdienst verfolgen können, und die Sanierung zum Jahresende abgeschlossen sein. Die Arbeiten sollen rund eine Million Euro kosten.
Dann kann mit der Montage der neuen Orgel begonnen werden. Erbaut von der Leonberger Orgelbauwerkstatt Mühleisen, wird sie eine Universalorgel mit einer Mischung aus Barock und Deutscher Romantik sein, nachdem eine im Stil der Französischen Romantik in der katholischen Johanneskirche, ebenfalls von Mühleisen, steht. Sie wird 40 Register und rund 3000 Pfeifen haben und mit einer sogenannten Englischen Trompete ausgestattet sein. Kosten wird sie rund eine Million Euro. Davon hat die Kirchengemeinde bisher rund 600 000 Euro zusammengetragen. Anders als bei Sanierungsarbeiten am Kirchenbau gibt es dafür von keiner Seite Zuschüsse.
Die Restauratoren haben unterdessen gute Nachrichten. „Sie haben uns bescheinigt, dass Altar, Kanzel, Gemälde und Gestühl sehr gut erhalten sind“, ist Heidi Essig-Hinz froh. „Man sei im Laufe der Jahrhunderte sehr pfleglich mit ihnen umgegangen, dazu herrsche auch ein sehr gutes Raumklima in dem Kirchenbau.“
Für die Zeit der Umgestaltung der Kirche bleibt diese für Gottesdienste geschlossen. Je nach Witterung werden diese im überdachten Paradies am Haupteingang der Kirche stattfinden, oder im Kirchenhof. Auch der große Saal im Haus der Begegnung wird dafür hinzugezogen und natürlich die Versöhnungs- und die Blosenbergkirche. „Ab Sommer 2027 hoffen wir auch Gottesdienste im Chor der Stadtkirche veranstalten zu können“, ist die Pfarrerin zuversichtlich.
Eine weitere Baustelle an der Stadtkirche ist die Kirchturmsanierung. Steine waren abgebröckelt, und auch die Holzkonstruktion war marode. Im Gebälk der Turmstube verbarg sich eine böse Überraschung. Nachdem der Putz der letzten Sanierung im Jahre 1915 abgetragen wurde, zeigte sich, dass die meisten Balken bis auf wenige Zentimeter verfault waren.
Die Handwerker hatten seinerzeit auf die Balken und die Wände Bitumenbahnen genagelt und darüber einen sehr dicken Putz auf Zementbasis aufgetragen. Das schützte vor Regenwasser, verhinderte aber, dass die Feuchtigkeit aus dem Holz entweichen konnte. Zudem wurden die Gefache zwischen den Balken der Fachwerkkonstruktion mit Bimsstein ausgemauert, der leicht ist, aber Feuchtigkeit anzieht.
Doch sowohl die Steinmetze von der auf Denkmalschutz spezialisierten Firma Dengel aus Schöntal, als auch die Fachleute des Eltinger Zimmergeschäfts Jürgen Ziegler kommen aktuell gut voran. Spielt das Wetter mit, sind die Arbeiten am Turm bald abgeschlossen. Diese kosten ebenfalls rund eine Million Euro. Hier gibt es sowohl Zuschüsse vom Oberkirchenrat, aber auch eine erhebliche Summe von der Stadt Leonberg. Noch restauriert werden muss die Kirchturmzier, dabei sollen die Kugel, der Hahn und das Kreuz wieder vergoldet werden.