Leonberger Wirtschaft Bosch bebaut nicht nur das Möbelhaus-Areal

Von Thomas K. Slotwinski 

Fuchs, der benachbarte Spezialist für Oberflächen, verlegt die Lackiererei ins Stammhaus. Das bringt Platz.

Dieses Bild wird es in wenigen Monaten nicht mehr geben. Das Möbelhaus wird im kommenden Jahr abgerissen. Foto: factum/Granville
Dieses Bild wird es in wenigen Monaten nicht mehr geben. Das Möbelhaus wird im kommenden Jahr abgerissen. Foto: factum/Granville

Leonberg - Spätestens in drei Jahren wird in der Poststraße zwischen der Römerstraße und der Brennerstraße nichts mehr so sein, wie es einmal war. Denn 2021 will die Firma Bosch ihre neuen Gebäude beziehen. Das ehemalige Möbelhaus Hofmeister, im Volksmund noch als Möbel- Mutschler bekannt, wird dann schon lange nicht mehr stehen.

Doch auch auf der anderen Straßenseite stehen gravierende Änderungen an. Bosch wird das einstige Kundenparkhaus von Hofmeister abreißen, welches das Unternehmen nach dem Rückzug des Möbelhauses vor anderthalb Jahren übernommen hatte. Auch hier wird neu gebaut.

Insgesamt 28 000 Quadratmeter

Damit nicht genug: Nebenan, in Richtung Brennerstraße, kann der Technologiekonzern ebenfalls erweitern. „Wir haben im Februar das Grundstück erworben, auf dem jetzt noch die Firma Fuchs produziert“, berichtete Rainer Müller von Bosch jüngst vor Kommunalpolitikern. Das bringt 8000 Quadratmeter. Zusammen mit den Hofmeister-Flächen kann das Leonberger Entwicklungszentrum, in dem an der autonomen Mobilität gearbeitet wird, um insgesamt 28 000 Quadratmeter wachsen.

Die Ausdehnung auf das Fuchs-Gelände ist die Folge einer strategischen Entscheidung des international operierenden Herstellers von Oberflächentechnik. Am Stammsitz in Meinerzhagen im Sauerland wird neu gebaut, dafür wird das Lackieren von Rädern von Leonberg zum Jahresende in die westfälische Kleinstadt verlagert.

Kapazitäten reichen nicht

„Diese Entscheidung ist vor drei Jahren gefallen“, erklärt Gerhard Hinzmann, der Leiter des Werkes in Leonberg auf Anfrage unserer Zeitung. Die Kapazitäten in der Poststraße hätten einfach nicht mehr ausgereicht. „Vor acht Jahren haben wir noch 200 000 Räder lackiert“, sagt Hinzmann. „Jetzt sind es mehr als 750 000.“ Entsprechend stoße der permanente Transport der Räder auf großen Lastwagen in der engen Poststraße an seine Grenzen.

Die Räder selbst sind viel größer und hätten zur weiteren Bearbeitung nach Meinerzhagen gebracht werden müssen, um sie danach wieder zu Kunden wie Daimler in den Stuttgarter Raum zu liefern.

„Außerdem ist unsere Lackieranlage nicht auf dem neuesten Stand, die Räumlichkeiten sind beengt“, schildert Hinzmann. All das hätte dazu geführt, die Lackiererei an den neu gebauten Hauptsitz in Meinerzhagen zu verlagern.

Noch bis zum 31. Dezember arbeiten bei Fuchs in Leonberg rund 200 Menschen, 80 davon als Leihkräfte. Das Angebot der Geschäftsleitung, ins Stammwerk im Sauerland zu wechseln, hat lediglich ein Teil der Belegschaft angenommen.

Hoffnung auf neue Jobs

„Die anderen gehen in eine Auffanggesellschaft, in der sie für ein Jahr 80 Prozent ihrer bisherigen Bezüge bekommen“, berichtet der Werkleiter. „Wir haben mit dem Betriebsrat und der IG Metall sozialverträgliche Regelungen und Abfindungsmodelle vereinbart, die sich an der Betriebszugehörigkeit orientieren.“ Angesichts der guten Konjunktur ist Hinzmann optimistisch, dass alle einen neuen Job bekommen.

Was manch altgedientem Fuchs-Mitarbeiter schmerzen wird, ist für Bosch ein Glücksfall. „Jetzt können wir unserem Standort ein neues Gesicht und eine neue Struktur geben“, freut sich Rainer Müller, der die Erweiterung mitbetreut. „Unser bisheriges Gelände, wo früher Motometer war, ist von der Anlage her ein Fertigungsstandort, der zum Entwicklungsstandort transferiert wurde.“

Ausgelagerte Bereiche kommen zurück

In der ersten Baustufe, die im kommenden Jahr mit dem Abriss des Möbelhauses und der Fuchs-Hallen beginnen wird, sind 27 500 Quadratmeter zur Überbauung vorgesehen. Mit den neuen Gebäuden geht ein Personalzuwachs einher. Bisher forschen 1750 Mitarbeiter am automatisierten Fahren. In der Leonberger Politik geht man von zusätzlichen 1000 Arbeitsplätzen aus. Bosch hat diese Zahl nicht bestätigt.

Klar aber ist, dass Bereiche, die „temporär ausgelagert“ wurden, nach Leonberg zurückkommen. Entsprechend werden Mitarbeiter von anderen Bosch-Niederlassungen ihren Arbeitsplatz künftig wieder in der Poststraße haben. Neueinstellungen sind zudem auf jeden Fall geplant.

Bedenken, dass nun ein massives Werksgebäude mitten in der Stadt entsteht, will Rainer Müller zerstreuen. „Wir werden beide Grundstücke nicht komplett füllen“, verspricht der Bosch-Planer. „Wir möchten einen offenen Standort, der nicht mit einem Zaun umgeben ist.“

Die Mitarbeiter werden von einem modernen Betriebsgelände profitieren. In Kooperation mit der Stadt soll sogar eine Kinderbetreuung eingerichtet werden.

Kinderbetreuung geplant

Der Befürchtung, dass durch das zusätzliche Personal die Verkehrsbelastung im Zentrum noch größer werde, will das Unternehmen mit einem internen Mobilitätskonzept begegnen. „Darin werden alle Verkehrsträger enthalten sein.“ Auch ein langfristiges Energiekonzept ist geplant.

Wie mehrfach berichtet, will Bosch sein Entwicklungszentrum für autonomes Fahren in Leonberg deutlich vergrößern. Dafür wurde vor einem Monat das seit knapp zwei Jahren brachliegende Gelände des einstigen Möbelhauses von einem Immobilienfonds gekauft. Im Gemeinderat wird das Bosch-Engagement parteiübergreifend begrüßt.Dafür gab es sogar Applaus.