Mit der Verlängerung des Lockdowns wird die Situation in den heimischen Betrieben immer kritischer. OB Cohn erwägt unorthodoxe Wege, um den Unternehmen zu helfen.
Leonberg - Der Freitag war für Petra Heiser kein schlechter Tag. Die Leonberger Floristin lieferte die Blumen für gleich zwei Trauerfeiern: eine auf dem Waldfriedhof, eine direkt nebenan auf dem Eltinger Friedhof. In diesen Zeiten ist das buchstäblich besser als nichts. Ansonsten laufen die Geschäfte schlecht. Daran ändert auch der Valentinstag am Sonntag nichts. „Ich habe ein paar Vorbestellungen zum Abholen“, sagt sie. „Aber das ist nur ein Bruchteil des sonstigen Umsatzes bei solchen Anlässen.“
Vor anderthalb Jahren hatte Petra Heiser den kleinen Laden an der Ecke Bismarckstraße/Poststraße übernommen. Sie hatte schon bei der Vorbesitzerin gearbeitet und war bei den Kunden wegen ihrer Kompetenz und ihrer unaufdringlichen Freundlichkeit beliebt. Der Schritt in die Selbstständigkeit schien der richtige zu sein. Die junge Frau hatte ihr Stammpublikum und konnte sogar eine Halbtagskraft und zwei Aushilfen beschäftigen. Dann kam Corona.
Das Ersparte fürs Überleben
„All das, was ich mir in den vergangenen Monaten angespart habe, brauche ich jetzt zum Überleben“, berichtet Heiser. Ihre Angestellte holt sie stundenweise, damit diese nicht ganz leer ausgeht. „Ich kann sie doch nicht hängen lassen“, sagt die Chefin. „Sie hat zwei kleine Kinder und ist auf jeden Euro angewiesen.“
In ihr Schaufenster hat Petra Heiser ein großes Transparent mit der Telefonnummer zum Bestellen geklebt. Nun kommt sie jeden Tag ins Geschäft und hofft auf Anrufe. Nicht nur an Valentin.
Sein Geschäft ist der Schlaf
Nicht viel anders geht es Frieder Sigloch. Montags bis freitags ist er von 10 bis 15 Uhr in seinem Geschäft in der Römergalerie und wartet auf das Läuten des Telefons. Der Lockdown hat ihn besonders gebeutelt, denn sein Geschäft ist der gute Schlaf. Sigloch verkauft hochwertige Betten, Matratzen und alles andere, was mit erholsamem Ruhen zu tun hat.
Die Kunden wissen die Expertise bei Betten-Leo zu schätzen. Der Chef und seine beiden Mitarbeiterinnen suchen für jedes Schlafbedürfnis nach der passenden Lösung. „Der Herbst und das Weihnachtsgeschäft liefen richtig gut“, sagt Sigloch.
Doch jetzt sind die beiden Angestellten zu 100 Prozent in Kurzarbeit, er selbst bietet Hausbesuche an, um dort die Kunden zu beraten. Dass nach dem 7. März alles wieder normal läuft, glaubt er nicht: „Die Unsicherheit geht an die Substanz.“
Elektronischer Bierdeckel
Überhaupt keinen Kundenkontakt hat Heiko Voges. Dabei ist sein Sportcafé in der Leonberger Römerstraße gerade am Wochenende immer gut gefüllt. Denn im „Victory“ werden nicht nur die VfB-Spiele übertragen. Das Lokal ist zudem ein beliebter Treffpunkt für Billard-Freunde und Darts-Spieler. „An einem Freitag oder einem Samstag haben wir normalerweise einen Durchlauf von rund 500 Leuten gesamt“, sagt der Gastronom. Die meisten seiner Gäste wissen die Vielfältigkeit des Lokals zu schätzen: Nach einem Bundesliga-Kick noch eine Runde Billard und dann ein schöner Burger, alles an einem Ort. Das kommt gerade bei den Jungen an.
Kontaktformulare muss im „Victory“ niemand ausfüllen. „Wir haben eine Art elektronischen Bierdeckel“, sagt Voges’ Geschäftspartner Eugen Rosenau, der das Lokal vor 25 Jahren aufgebaut hat und mittlerweile ein Sportcafé in Stuttgart betreibt. Anhand der elektronischen Erfassung seien Anzahl, Alter und Identität der Gäste jederzeit nachvollziehbar.
900 Mails an Politiker
In seiner Not hat Heiko Voges an sämtliche Abgeordneten des Bundestages, des baden-württembergischen Landtags und an die Leonberger Stadträte geschrieben, fast 900 E-Mails insgesamt. „Reagiert haben nur wenige“, berichtet der Wirt.
Darunter sind die CDU-Landtagsabgeordnete Sabine Kurtz und der Landeschef der CDU-Mittelstandsvereinigung Oliver Zander. Die beiden Leonberger Politiker haben sich persönlich mit Voges und Rosenbauer getroffen und ihre Unterstützung zugesagt. Ihren Wunsch nach einem günstigeren Steuermodell haben die Gastronomen den Politikern besonders ans Herz gelegt. Das allerdings kann nur auf Bundesebene geändert werden.
Stadt entwickelt Offensivstrategie
Das Schicksal der heimischen Unternehmen treibt auch den Chef im Leonberger Rathaus um. „Es passt nicht zusammen, dass sich in den Supermärkten die Menschen drängen, die kleineren Geschäfte oder Restaurants, in denen die Kundenzahl viel besser steuerbar ist, aber nicht aufmachen dürfen“, ärgert sich Oberbürgermeister Martin Georg Cohn (SPD). „So sterben die Innenstädte.“
Um auf die Angebote der heimischen Geschäfte, Dienstleister und Lokale hinzuweisen, unterstützt die Stadt die Sonderseiten „Leonberg bringt’s“, die in der Leonberger Kreiszeitung, im Wochenblatt und im Internet erscheinen. Die Citymanagerin Nadja Reichert arbeitet zudem gemeinsam mit den örtlichen Betrieben und unserer Zeitung an einer Offensivstrategie für die Zeit der Wiedereröffnung.
Öffnung einzelner Betriebe?
Der Oberbürgermeister denkt unterdessen über unorthodoxe Wege nach: „Sollte die Inzidenz bei uns über sieben Tage unter 35 liegen, so können einzelne Unternehmen eine Öffnung beantragen“, hat Cohn herausgefunden. Allerdings handele es sich immer um Einzelfallentscheidungen. Die Stadt könne nicht pauschal eine Öffnung sämtlicher geschlossener Betriebe in ihrem Gebiet veranlassen. Der OB verhehlt nicht, dass er Öffnungsanträge positiv sieht: „Wir müssen die Einzelschicksale betrachten und nicht nur auf die Infektionsrate schauen.“