Leonhard Weiss aus Göppingen Bauriese wird 125 Jahre alt

Mitarbeiter der Firma Leonhard Weiss: In 125 Jahren hat sich das Unternehmen zum europäisch ausgerichteten Komplettanbieter für Bauprojekte entwickelt.​ Foto: Hans Martin Falk​

Vom klassischen Gleisbauer zu einem der größten Bauunternehmen in Europa: Leonhard Weiss wird 125 Jahre alt. Eine Geschichte von zwei Weltkriegen, Rezession, Bauboom, knallhartem Preiskampf und Cyber-Attacken.​

125 Jahre Leonhard Weiss: Das ist auch eine Zeitreise. Es ist die Geschichte von zwei Weltkriegen, einer Weltwirtschaftskrise, fehlendem Material, Hunger, Zerstörung, Not, Rezession, Bauboom, Strukturwandel, knallhartem Preiswettbewerb, Corona, Inflation und Cyber-Attacken. Zwischen den kleinsten Anfängen mit „der Firmenzentrale“ in der Mietwohnung in der Karlstraße im Apotheken-Haus in Göppingen und der Realisierung kompletter Infrastrukturprojekte – auch außerhalb Deutschlands – liegen Welten.​

 

Am Anfang steht der junge Bauingenieur Leonhard Weiß, der mit gerade einmal 20 Jahren im Jahr 1900 von der Westdeutschen Eisenbahngesellschaft den Zuschlag für den Ausbau einer zehn Kilometer langen Teilstrecke „der Härtsfeld-Bahn“ zwischen Aalen und Ballmertshofen erhält. „Der Firmengründer überzeugt seine Auftraggeber vor allem mit technischer Kompetenz, Zuverlässigkeit und Professionalität“, blickt das Unternehmen in einer Pressemitteilung zurück.

Nach 1950 schreitet der Einsatz von Baumaschinen voran

​Sich neuen Techniken zu öffnen und Herausforderungen mit kreativen Lösungen zu begegnen, gehöre zum Markenkern des Traditionsunternehmens: So auch wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Unternehmen von der Schwäbischen Eisenbahn den Auftrag für den legendären Streckenabschnitt „Geislinger Steige“ erhält. Immer noch ist vornehmlich Handarbeit angesagt und der Einsatz von Maschinen nur bedingt zulässig – ein Überbleibsel aus der Zeit vor dem Krieg, wo der Einsatz von Baggern und Ladebändern zum Beispiel beim Autobahnbau verboten war, um die hohe Arbeitslosigkeit einzudämmen.​

1950 hält der großflächige Maschineneinsatz im ausländischen Baugewerbe nach und nach Einzug. Der Sohn des Firmengründers, Walter Weiss, bringt Ideen von einer USA-Reise mit und fasst vorausschauend den Entschluss, künftig in moderne Maschinen zu investieren: „eine wichtige Weichenstellung großer Tragweite“. Und heute? 3D-Visualisierungen mit BIM, das elektronische Bautagebuch und High-Tech-Gleisbaumaschinen zählen mittlerweile ebenso zum gängigen Rüstzeug der Beschäftigten wie eine Zweikraftlokomotive oder Drohnen zur Baugrund-Erkundung. BIM (Building Information Modeling) ist eine moderne Methode für die digitale und vernetzte Planung, den Bau und die Bewirtschaftung von Bauwerken.

​1938 wird in Crailsheim eine zweite Filiale gegründet. Leonhard Weiß, der noch im gleichen Jahr an einem Herzschlag stirbt, will dem Betrieb so die Region Nordost-Württemberg erschließen und sich gleichzeitig gegenüber seinen Auftraggebern im Raum Göppingen etwas unabhängiger machen. Im Laufe der Jahre fällt der Entschluss, die Niederlassungen strukturell zu trennen. So entstehen zwei unabhängige Leonhard-Weiss-Standorte, die auch am Markt eigenständig agieren. Aus eigenem Antrieb beschließen die Enkel Werner Schmidt-Weiss (Crailsheim) und der heute noch aktive Gesellschafter Ulrich Weiss (Göppingen), ein gemeinsames Leitbild für das Unternehmen zu entwickeln. „Ein Wertekosmos, der unter anderem den respektvollen Umgang mit Mensch, Familie und Umwelt sowie mit Partnern und Kunden weist und den Mitarbeiter in den Mittelpunkt stellt“, unterstreicht das familiengeführte Unternehmen.​

Um den Betrieb noch besser für die Zukunft aufzustellen, beschließen Ulrich Weiss und Werner Schmidt-Weiss im Jahr 1998, die über Jahrzehnte getrennten Firmensitze zu einem gemeinsamen Unternehmen zusammenzuführen und es neu auszurichten. Das Know-how der Mitarbeiter und Ressourcen sollen so gebündelt werden. „Die dezentralisierte Organisation ermöglicht es, größere und komplexere Projekte umzusetzen und die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens stärker auszubauen.“ Der Nährboden für das spätere Alleinstellungsmerkmal von Leonhard Weiss sei damit gelegt worden: die „Gelben Baustellen“. Ein Konzept, bei dem mehrere Gewerke des Unternehmens ihre Kompetenzen gebündelt einbringen. Der Wiederaufbau des Ahrtals und die Ende 2024 abgeschlossene größte Bahnbaustelle in Deutschland, die Riedbahn, hätten gezeigt, wie gut Leonhard Weiss auf aktuelle Herausforderungen vorbereitet sei. Auch die aktuelle Führungscrew um die geschäftsführenden Gesellschafter Ralf Schmidt, Stefan Schmidt-Weiss und Alexander Weiss als Urenkel des Gründers wüssten deshalb um den Wert der Kontinuität.

Der Familienbetrieb unterstützt Sport und Kultur

​Das Jubiläum ist nicht nur die Zeit zurückzublicken, sondern auch nach vorne zu schauen. Vor zwei Jahren habe die Führungsetage vier Strategiefelder festgelegt, in denen es um die Themen Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Automatisierung, moderne Führung und Marktentwicklung geht. „Wir sind gut aufgestellt, das liegt vor allem an unserer Wir-Qualität“, betont Alexander Weiss. „Alle stehen zusammen und ziehen an einem Strang.“ In den vergangenen 20 Jahren sei das Unternehmen gewachsen, und dies führe sich aktuell auch fort. Nicht jedoch wegen vorgegebener Ziele, „sondern gesund und aus dem Inneren heraus“. Die Strategie sei immer gewesen, den Gewinn im Unternehmen zu belassen. „Unser Erfolg soll aber auch in die Region fließen“, betont Weiss. Daher unterstütze der Familienbetrieb kulturelle und sportliche Vereine und Einrichtungen sowie Schulen und Hochschulen vor Ort.​

Der Markt sei aktuell sehr stark im Umbruch, „im Hochbau haben wir eine eher geringe Nachfrage, was der Konjunktur geschuldet ist“, sagt Weiss. Demgegenüber stehe ein großer Sanierungsbedarf von Brücken, öffentlichen Gebäuden, Ingenieursbauwerken und Stromtrassen. „Wir sind gut ausgelastet, die Auftragsbücher sind gut gefüllt“, fasst er zusammen. Trotz trüber Aussichten in der Wirtschaft wertet Weiss die Absichtserklärung des Bundes, in die Infrastruktur zu investieren, als „gutes Signal an die Branche“. Und auch wenn die geopolitische Lage so manche Unwägbarkeit bereithalte, biete sie auch Chancen, ist der geschäftsführende Gesellschafter des Bauunternehmens überzeugt.​

Über 2,5 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2024​

Unternehmen
Mit 7700 Beschäftigten und 32 Standorten allein in Deutschland zählt Leonhard Weiss heute zu den größten Bauunternehmen in Europa.

Geschäftsfelder
Das Unternehmen mit seinen Hauptsitzen in Göppingen und Satteldorf im Landkreis Schwäbisch Hall generierte in den drei Geschäftsbereichen Straßen- und Netzbau, Gleisinfrastrukturbau und Ingenieur- und Schlüsselfertigbau mehr als 2,5 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2024.​ 

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