Leonhardsviertel in Stuttgart-Mitte Was die Prostituierten zu den Plänen der Stadt sagen

Zimmer im Laufhaus sind der Arbeitsplatz von Liana und ihren Kolleginnen. Foto: Mario Esposito

Hilfseinrichtungen distanzieren sich vom Bebauungsplan für das Leonhardsviertel und der Verbannung des Rotlichtmilieus.

Die Abschiede sind für Liana (31) die Hölle. Jedes Mal, wenn sie in Rumänien ihr Köfferchen packt, um zur Arbeit nach Stuttgart zu reisen, kullern die Tränen. Die innere und äußere Zerreißprobe beginnt erneut. Alle zwei Wochen dasselbe Spiel. Mama geht arbeiten, die Kinder, zehn und 13 Jahre, bleiben bei Oma. Liana muss alle versorgen. Die Familie hängt an ihrem Tropf. Woher das Geld kommt, weiß keiner in Rumänien. Vielleicht will es auch keiner wissen. Denn Liana arbeitet im ältesten Gewerbe der Welt. Sie verkauft ihren Körper.

 

Sie habe keine andere Wahl, sagt sie. Hatte sie noch nie. Schulbildung? „Nach acht Jahren war Schluss“, sagt sie und lässt offen, mit welchem Abschluss. Dann aber heitert sich ihre Miene auf: „Sobald ich genug Geld habe, mache ich mich zu Hause selbstständig. Im Tourismus oder in der Gastronomie. Vielleicht zwei Jahre noch.“ Bis dahin hat sie sich in einem Laufhaus, wie man im Milieu sagt, eingemietet.

Das Milieu soll aus dem Viertel verbannt werden

Doch Lianas Situation könnte sich früher als geplant ändern. Dann nämlich, wenn der neue Bebauungsplan von Baubürgermeister Peter Pätzold in Kraft tritt. Nach dem Willen der Stadt soll das Vergnügungsgewerbe raus aus dem Viertel. Im Bebauungsplan heißt es: „Zukünftig soll (...) im Plangebiet das urbane Wohnen deutlich stärker gefördert werden. Dies bedingt, dass sämtliche Vergnügungsstätten sowie Bordelle, bordellartige Betriebe und Wettbüros ausgeschlossen werden sollen.“

Für Liana und ihre Kolleginnen könnte das bedeuten, dass sie in einer Privatwohnung oder schlicht auf der Straße anschaffen müssen. Dieses Schicksal träfe auch Anna aus Budapest. „Auf der Straße machen es Frauen für 20 Euro – ohne Kondom. Eine Katastrophe“, sagt sie und verzieht das Gesicht, als habe sie auf eine Zitrone gebissen. Eine weitere Kollegin aus Ungarn, Krisztina, ergänzt: „Hier im Bordell würde allein die Frage nach ungeschütztem Verkehr mit Hausverbot geahndet.“ Damit wird deutlich: In der Prostitution gibt es große Klassenunterschiede. Der wenige Meter entfernte Straßenstrich ist noch einmal eine andere Welt.

Das Haus, in dem Liana, Anna und Krisztina arbeiten, zählt zu den besseren im Viertel. Mit besser ist gemeint: hier ist es hygienischer, sicher, und es ist zentral gelegen. Mietverträge erhalten Sexarbeiterinnen in ihrer jeweiligen Muttersprache. Die Miete beträgt 150 Euro pro Tag. Dafür gibt es ein gereinigtes Zimmer mit frischer Bettwäsche und einen Sicherheitsdienst. „Früher habe ich in einem Bordell in der Düsseldorfer Straße in Waiblingen gearbeitet. Die Miete war genau so hoch, aber es war nicht so sauber“, erzählt Krisztina. Auch Krisztina hat keinen Schulabschluss. „Zwei Jahre noch“, sagt auch sie. Fast alle in diesem Haus träumen vom Ausstieg. Von einem geregelten Leben mit sozialer Anerkennung. „Wir sind Menschen, und wir wollen als Menschen gesehen und behandelt werden“, sagt Anna, die wie Liana im Zwei-Wochen-Rhythmus arbeitet: zwei Wochen anschaffen, zwei Wochen Heimat. „Wenn wir für zwei Wochen in unsere Heimat reisen, müssen wir für diese Zeit keine Miete bezahlen. Unser Zimmer behalten wir“, sagt Krisztina, das sei fair. Die Inkaufnahme eines vorübergehenden Mietausfalls scheint das Bordellmanagement der Suche nach einer neuen Mieterin vorzuziehen. Kein Wunder, denn jede Sexarbeiterin bezahlt schätzungsweise 3500 bis 4500 Euro Miete pro Monat.

Alle Sexarbeiterinnen im Haus arbeiten freiberuflich. Dennoch gelten Einheitspreise, abhängig von Art und der Dauer der erbrachten Dienstleistung: 50 Euro für eine einfache Nummer; 150 Euro für eine Stunde Sex. „Pro Tag schaffe ich fünf bis sechs Freier“, sagt Krisztina. 3000 Euro Gewinn pro Monat nach Steuern kann eine Sexarbeiterin im Haus machen. Vielleicht auch mehr. Alle Sexarbeiterinnen bezahlen pro Arbeitstag 25 Euro Steuern. Die Finanzbeamten kommen ins Laufhaus und kassieren bar. Krankenversichert sind die Frauen allerdings nicht. Immerhin, gleich um die Ecke, im Café „La Strada“, das die Caritas betreibt, werden Prostituierte kostenfrei ärztlich untersucht und behandelt.

3000 Euro und verdienen Prostituierte im Leonhardsviertel

In den Hilfseinrichtungen hat man einen Blick für die Not der Prostituierten. Wilbirg Rossrucker leitet das „Hoffnungshaus“ der Altpietisten (Apis). Sie sagt gerne: „Ich sehe jede der Frauen als Ebenbild Gottes.“ Wie die meisten, die in den Hilfseinrichtungen arbeiten, befürwortet Rossrucker das sogenannte „nordische Modell“, das nicht den Verkauf, wohl aber den Einkauf und die professionelle Organisation sexueller Dienste kriminalisiert. So werden also nicht Sexarbeiter, sondern Freier und geschäftsmäßige Profiteure strafrechtlich belangt. Doch Wilbirg Rossrucker sagt auch: „Die Prostitution einfach nur aus dem Viertel zu drängen, bedeutet ja nicht, dass es sie nicht mehr gibt. Sie wird stattdessen in der gesamten Stadt verteilt. Wir kommen dann nicht mehr an die Frauen heran, und sie finden auch nicht mehr zu uns. Wenn Prostitution in Privatwohnungen stattfindet, wird es für uns unmöglich, zu helfen.“ Rossrucker ist sehr nah an den Frauen dran, und sie kennt die Realität im Milieu.

Bei Bedarf soll es neue Beratungsangebote geben

Susanne Kaufmann, Sprecherin von OB Frank Nopper (CDU), sieht im Bebauungsplan dagegen keinen Nachteil für die Prostituierten. „Das städtebauliche Ziel war immer eine Steuerung und Verteilung der Prostitution auf andere Bereiche der Stadt“, erklärt sie: „Die Situation der Prostituierten in der Stadt würde sich durch eine Änderung des Bebauungsplans nach unserer Einschätzung nicht verschlechtern. Das Wohl und die Gesundheit der Menschen, die in der Prostitution beschäftigt sind, sind uns sehr wichtig. Deshalb achten wir darauf, dass rechtliche Rahmenbedingungen eingehalten werden und dass wir über unsere sozialen Einrichtungen auch die notwendige Unterstützung geben. Bei Bedarf wird die Stadt sicher mit neuen Beratungsangeboten reagieren.“

Im Bebauungsplan selbst liest sich das allerdings anders: „Das Referat Soziales und gesellschaftliche Integration rechnet damit, dass sich durch die geplanten Änderungen die gesundheitliche und soziale Lage der männlichen und weiblichen Prostituierten zeitweise verschlechtert, da die Niederschwelligkeit und Erreichbarkeit der sozialen Angebote (. . .) erschwert ist.“ Weiter heißt es dann auch hier, man müsse „den Übergang insgesamt gut begleiten“. Im Leonhardsviertel liegen die Hilfseinrichtungen wenige Meter vom Arbeitsplatz der Prostituierten entfernt. Dass Prostituierte, oft kaum des Deutschen mächtig, Hilfsangebote in einem anderen Stadtteil aufsuchen würden, erscheint den Experten der Hilfsorganisationen eher fraglich. Zudem stelle sich die Frage nach der Sicherheit, namentlich da, wo Prostitution in Privatwohnungen oder auf dem Straßenstrich stattfindet. Andrea Bodon vom Café „La Strada“ kritisiert daher den Plan der Stadt: „Was ist Sinn und Zweck des Vorhabens? Die Prostitution wird weitergehen – in noch größerer Not. Nur wird diese Not nicht mehr sichtbar sein.“ Sexarbeiterin Anna erzählt: „Während Corona habe ich in einer Privatwohnung gearbeitet. Einmal legte ein Freier ein Messer auf den Tisch und sagte, ich soll ihn nicht enttäuschen. Ich habe unter Todesangst gearbeitet – ohne Bezahlung.“ Einen Alarmknopf, wie im Laufhaus, gab es nicht.

Sicherheit in Privatwohnungen gefährdet

Solcher Probleme scheinbar enthoben schwebt über allem das Prestigeprojekt IBA’27, bei dem es um die Umgestaltung der Leonhardsvorstadt geht. Bei einer Online-Bürgerveranstaltung dazu vor ziemlich genau einem Jahr forderte die Kunst- und Kulturvermittlerin Sara Dahme, es dürfe nicht aufgeräumt werden; nicht nur das Angenehme gehöre zur Stadtgesellschaft; eine Gesellschaft könne nur wachsen, wenn es Raum für Diversität gäbe. In derselben Versammlung mahnte Gabriele Ehrmann, Pfarrerin der Leonhardsgemeinde: „Das Viertel soll weiterhin ein Platz für alle sein.“

OB-Sprecherin Kaufmann dazu: „Die Änderung der Nutzungen im Bebauungsplan Leonhardsviertel steht in keinem Zusammenhang mit der Entwicklung des Züblin-Areals.“ Fakt ist: Die Stadt will aufräumen. Und das findet im Leonhardsviertel kaum jemand gut.

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