Auf der kleinen und schmalen Weberstraße des Leonhardviertels befindet sich einer der ältesten Gullys der Stadt. „1889“ ist auf dem Deckel zu lesen. Die unterirdische Kanalisation ist an diesem historisch bedeutsamen Ort – die gepflasterte Gasse zeichnet den Verlauf der einstigen Stadtmauer nach – über 130 Jahre alt. Das Viertel atmet geballte Geschichte – und trifft nun auf dem Charme eines modernen Nachtlokals. Gleichzeitig sieht es auf der Gasse aus, als würde die Stuttgarter Müllabfuhr streiken.
Die Cocktailbar Easy Street hat am Wochenende Eröffnung gefeiert mit geladenen Gäste, die sehr begeistert waren von kreativ erdachten Drinks, von entspannter Musik, vom Ambiente zum Wohlfühlen, das Innenarchitektin Bettina Kampe konzipiert hat, und von der Leidenschaft, mit der das Team rangeht an Mixer, Jigger und Spoon.
Das Easy Street, hört man bei der Feier immer wieder, spielt in der Liga der Stuttgarter Bars ganz oben mit. Lob kommt auch von der Konkurrenz. Allein an der überschaubaren Weberstraße befinden sich nun drei Bars, neben dem Easy Street auch noch der Holzmaler und die Fou Fou, wo man sich über den Neuzugang freut, weil dieser helfe, das Viertel attraktiver zu machen.
Zwei Stunden lang säubern die Anwohner die Weberstraße selbst
Bei all der Freude über die kreative Ausgestaltung des Viertels sind die Wirte im höchsten Maß verärgert. Die Stadt, sagen die Betreiber der drei Weberstraßen-Bars unisono, lasse ihr Quartier links liegen. Die Reinigungsfahrzeuge der städtischen Abfallwirtschaft kämen viel zu selten. „Stuttgart will das Leonhardsviertel verkommen lassen“, heißt es bei den aufgebrachten Wirten. Vor der Eröffnung seines Easy Streets hat der Chef Ingo Hampf mit seinen Nachbarn John Heer, dem Vermieter von Laufhauszimmern, die Gasse erst einmal durchgekärchert sowie den Müll, der vor den Häusern seit Tagen liegen bliebt, vorübergehend in die Hauseingänge nach innen oder in die Innenhöfe befördert. Zwei Stunden, sagen sie, habe das gedauert.
Keine Antwort bisher aus dem Rathaus
„Wir haben die städtische AWS in den letzten Wochen mehrmals kontaktiert, damit die Reinigungsfahrzeuge endlich kommen, wie das im Innenstadtbezirk vorgeschrieben ist“, sagen die Anwohner der Weberstraße. Doch nichts sei geschehen. Die AWS habe nicht mal geantwortet. Auch das Altpapier werde nicht abgeholt und Müllsäcke blieben liegen, „Wir haben die Polizei verständigt, dass brennbare Abfälle an den Gehwegen liegen“, sagt John Heer, „aber niemand ist für den Brandschutz gekommen.“
„Der Flickenteppich des Gehwegbelags ist grob fahrlässig“
Patrick Witz von der Fou Fou Bar klagt: „Unfassbar dreckig ist es in unserer Gasse, die Stadt kommt ihrer Reinigungspflicht einfach nicht nach.“ Jörg Kappler von der Bar Holzmaler weist auf ein weiteres Problem hin. „Die Straße und der Gehweg wurden in letzter Zeit mehrfach aufgerissen“, berichtet er, „danach ist ein grob fahrlässiger Flickenteppich entstanden, wo schon einige umgeknickt sind.“ Einmal wurde sogar die Eingangstür seiner Bar von den Bautrupps verbarrikadiert. Das habe „einiges an Umsatz“ gekostet.
Kappler versteht nicht, warum die Stadt „die einzigartige Chance“ nicht genutzt habe, den historischen Straßenbelag der Weberstraße – gerade im Hinblick auf die IBA 2027 – zu restaurieren. „Man sollte Gehweg und Straße auf eine Höhe anlegen“, schlägt John Heer vor.
„Die Bars retten das Viertel vor dem Verfall“
Anwohner kritisieren, dass die Polizei nichts gegen die Dealer und Prostituierten unternähme, die sich trotz des Verbots auf der Straße befänden. „Dagegen kommen die Beamten sofort, wenn es zu laut in einer der Bars wird“, sagt einer, „dabei sind es doch gerade die Bars, die das Viertel vor dem Verfall retten.“
Wer die Bar Easy Street betritt, vergisst wenigstens den Dreck draußen, weil sich drinnen eine neue Welt auftut. „We’re on easy street, and it feels so sweet‚ cause the world is ‚bout a treat“, heißt es in dem Lied, nach dem die Bar benannt ist. Auf Deutsch: „Wir sind auf der leichten Straße, und es fühlt sich so süß an, denn die Welt ist ein wahrer Genuss.“ Doch was nutzt der Genuss in den Bars, wenn draußen der Abfall liegen bleibt, weil die Stadtreinigung nicht kommt?
w