Lern- und Gedenkort in Stuttgart Erste Einblicke ins Hotel Silber

Von Heidi Hechtel 

Noch ist das Hotel Silber eine Baustelle. Am 3. Dezember wird der Gedenkort eröffnet, der an ein dunkles Kapitel der Stuttgarter Geschichte erinnert.

Zeugnisse nobler Vergangenheit: Der Eingang zum Hotel Silber mit wiederentdeckter Sandsteinfassung und  der  Empfangssaal mit prächtigen Säulen Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt 6 Bilder
Zeugnisse nobler Vergangenheit: Der Eingang zum Hotel Silber mit wiederentdeckter Sandsteinfassung und der Empfangssaal mit prächtigen Säulen Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Stuttgart - Baustelle, Betreten verboten, Absperrungen: Noch ist das Hotel Silberin der Dorotheenstraße hinter dem Gerüst verborgen. Man muss schon genau hinschauen, um zwischen den Gerüstbalken an einem Fenster im ersten Stock die zukünftige Bestimmung des Hauses zu erkennen: Zerlegt in vier Zeilen lässt sich der Begriff „Denunziation“ buchstabieren. Ihm werden mit „Widerstand“, „Ausgrenzung“, „Würde“ und „Recht“ weitere Beschriftungen mit Außenwirkung folgen.

Es sind nur einige von vielen Fenstern in die Vergangenheit, die beim Umbau des historischen Hauses und der Neugestaltung als Museum und Ort historisch-politischer Bildung und Begegnung aufgerissen wurden. Sie sollen den Blick auf die Geschichte des Hauses schärfen, das bis 1919 Gasthaus und Hotel, aber von 1928 bis 1984 Sitz der Polizei war – inklusive dem Kapitel unter der Rubrik Geheime Staatspolizei.

„Es ist eine einmalige Chance, die Entwicklung der Polizei über fast sechs Jahrzehnte zu dokumentieren“, sagt Thomas Schnabel, Leiter des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg: „Nicht nur den NS-Terror.“ Denn bestimmte Gruppen wie Roma oder Homosexuelle seien auch nach 1945 diskriminiert worden.

Schreibtischtäter im Fokus

Das Glück unerwarteter Entdeckungen und Funde begleitete die Umbauten, wie man bei einem ersten Blick in die Baustelle erfahren kann. Roland Wenk und Christiane Mussotter, Leiter und Mitarbeiterin des Amtes für Vermögen und Bau Baden-Württemberg, wie auch Thomas Schnabel und Paula Lutum-Lenger, Ausstellungsleiterin im Haus der Geschichte, berichten begeistert.

Das beginnt bereits beim Entrée. Der Idee, einen Eingang am Eck Dorotheen- und Holzstraße zu schaffen, folgte die überraschende Entdeckung einer Sandsteinfassung mit Bogen. Der Eingang führt direkt in den großen Empfangsraum, dominiert von zwei Säulen und einst Gaststätte des Hotel Silber. „Er ist unser ganzer Stolz“, sagt Paula Lutum-Lenger. Hier wurde schon 2015 der Kooperationsvertrag zwischen dem Land und der Stadt Stuttgart unterzeichnet, der auch die Zusammenarbeit zwischen dem Haus der Geschichte als hauptverantwortlicher Instanz mit der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e. V. regelt. Das glückliche Ende eines langen Kampfes um den Erhalt dieses geschichtsträchtigen Hauses, das ursprünglich der Neuordnung des Gesamtareals nach Plänen der Firma Breuninger weichen sollte. Künftig ist er Ort für Begegnungen, Seminare und Workshops.

Die Dauerausstellung im ersten Stock folge, so Lutum-Lenger, einer strikten Erzählführung. Von Zimmer zu Zimmer, ausgestattet nicht nur mit Vitrinen für Texttafeln, Exponate und auch interaktiv zu bedienende Bildschirme, sondern mit jeweils einem Schreibtisch. Das Wort von den Schreibtischtätern fällt zwangsläufig. „Auch sie bekommen hier einen Namen, nicht nur die Opfer“, sagt Paula Lutum-Lenger. Und die Folgen ihrer bürokratischen Beschlüsse, zum Beispiel, wann und mit wie viel Gepäck sich die Juden aus Stuttgart und Württemberg am Killesberg zum Abtransport in den Tod einfinden sollten, sind per Touchscreen auf den Bildschirm zu holen.

Einmaliges Projekt

Nicht mehr gefunden wurde die Wendeltreppe, auf der Gefangene vom Verhör direkt in die Verwahrzellen im Keller gestoßen wurden, wie die Kommunistin Lina Haag berichtet hatte: Mußgay, der Chef der Stuttgarter Gestapo, habe sie mit einem Fußtritt in eine der Kellerzellen befördert. Der Blick auf diese Zellen wird nur durch ein Fenster in der Wand möglich sein, aber eine der Zellentüren mit Beschriftungen ist in der Ausstellung beidseitig präsentiert.

„Ein Glück, dass dieses Haus bewahrt wurde“, sagt Amtsleiter Roland Wenk und meint damit auch den historischen Bezug zu Alt-Stuttgart, verkörpert von Waisenhaus und Stadtpalais. Schnabel betont die Einmaligkeit dieses Projektes und stellt fest: „Es war ein langer Weg, aber er hat sich gelohnt.“ Noch ein Vierteljahr bis zur geplanten Eröffnung am 3. Dezember, dann soll er bewältigt sein. „Wir schaffen das“, sind alle zuversichtlich.

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