Die Schüler sind aufmerksam, wollen verstehen
„Begründen Sie, ob die folgenden Aussagen wahr oder falsch sind“, sagt Gebel und wirft ein trigonometrisches Schaubild an die Tafel – eine Kurve. Es geht um Flächenberechnung, aber das sei ein bisschen tricky. Denn y- und x-Achse sind unterschiedlich dimensioniert. „Ihr müsst genau hingucken“, sagt Malwina Gebel. Das Rekonstruieren einer Größe samt Begründung sei „eine klassische Abiaufgabe“. Es ist mucksmäuschenstill. Die Schüler sind aufmerksam, wollen verstehen. Gebel erklärt ganz ruhig, wie das mit den Flächeneinheiten geht, schraffiert die Kästchen in der Kurve. „Kann man das auch rechnerisch machen?“, fragt ein Schüler. Klar kann man. Hinterher sagen die Schüler, so wie Gebel das erkläre, könnten sie das gut verstehen.
In den Lernbrücken tanken die Schüler auch Selbstbewusstsein
103 Schüler sind es allein an der Alexander-Fleming-Schule, die das Angebot der Lernbrücken nutzen, zehn Lehrer hatten sich dazu bereit erklärt, darunter eine Referendarin und eine Berufsanfängerin. Wenn alles nicht so kurzfristig gewesen wäre, „hätten wir auch mehr Lehrer gehabt“, meint Abteilungsleiterin Liane Wermter. „Vom Gymnasium die Schüler kommen auch“, berichtet sie, „die Berufsfachschüler nehmen das nicht so genau“. Sie räumt ein: „Natürlich kann man in den zwei Wochen oder der einen Woche keine Lücken schließen, aber die Schüler schöpfen daraus Selbstbewusstsein.“ Teilnehmen würden „die, die’s wirklich brauchen, aber auch Schüler mit guten Noten – die nutzen das als Einstieg ins Schuljahr“.
Ersan beispielsweise hätte gerne mehr Unterricht gehabt. „Letzte Woche gab’s leider noch keine Lernbrücke“, bedauert der Schüler, der jetzt in die Kursstufe des Sozial- und gesundheitswissenschaftlichen Gymnasiums kommt. Auch seine Klassenkameradin ist froh über den Präsenzunterricht – selbst in den Ferien: „So zwingt man sich, was zu machen“, meint sie. Denn zuhause sei das nicht so weit her mit der Motivation. Beide hoffen, dass es vorbei ist mit dem Corona-bedingten Online-Unterricht. „Zuhause ist man halt allein“, meint Ersan, „man verliert da auch leicht den Überblick, denn wir wurden mit Arbeitsunterlagen überhäuft“.
Einige Erstklässler können immer noch nicht lesen und schreiben
Auch an der Schwabschule im Stuttgarter Westen wird kräftig gelernt, allerdings geht es dort eher um die Basics. „Wir haben Erstklässler, die können zum Teil noch nicht lesen und schreiben“, berichtet die Grundschulrektorin Elisabeth Tull. Selbst mit dem Lautieren täten sich einige Kinder noch schwer. Corona-bedingt sei „der Leselernprozess bei manchen noch nicht so in Gang gekommen“ – vor allem bei Kindern aus mehrsprachigen Familien. 48 Schüler aus vier Grundschulen waren an der Schwabschule angemeldet, auch welche aus der Vogelsang-, Falkert- und Franz-Schubert-Schule sowie zwei Schüler aus der Hasenbergschule, einer Lernförderschule. „Vier Kinder sind nicht gekommen, wir haben dreimal nachtelefoniert, aber niemanden erreicht“, sagt Tull. So konnte man vier Nachrücker aufnehmen, die sich zu spät angemeldet hatten. „Man muss sehr flexibel sein“, meint sie. Denn eine Lernbrückenlehrerin sei krank geworden, doch die Hasenberg-Kollegin habe sich sofort eingeklinkt.
Viele Kollegen seien noch müde und erschöpft vom Corona-Schuljahr
Lernbrücken, sagt Tull, seien „im Moment ein Tropfen auf den heißen Stein“. Es bringe nichts, nur zu büffeln, meint die Pädagogin – „die Kinder brauchen auch Bewegung, Ansprache, Geschichten, eigentlich brauchen die einen Ganztag“. So eine Art „Sommerschule in groß, am liebsten mit Musik“ würde sich Tull für die Kinder wünschen. Die Lernbrücken seien zwar „ein Angebot, das die Kinder ein bisschen abholt“. Aber sie hätte sich „mehr Qualität gewünscht“. Schön wäre „eine übergeordnete, abrufbare Struktur, auf die wir zurückgreifen können“. Ein Curriculum, das für diese zwei Wochen aufgebaut sei. Die 120-seitige Materialsammlung des Zentrums für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) sei dafür weniger geeignet gewesen. So müsse sich jede Schule selber erfinden. Viele Kollegen seien aber noch müde und erschöpft vom Corona-Schuljahr. Fest stehe aber auch, so Tull: „Die Kinder kommen gern.“
Große Herausforderung für die Schulleitungen
Im Staatlichen Schulamt ist man unterdessen froh, dass es mit den Lernbrücken so gut laufe. „Wir waren schon sehr angespannt“, räumt Schulamtsvize Birgit Popp-Kreckel im Blick auf die logistischen Herausforderungen ein. Denn der ganze Zusatzunterricht in den Ferien musste ja zuvor mit den Grundreinigungen und Sanierungen an den Schulen abgestimmt und alle Eventualitäten inklusive Hygienekonzept berücksichtigt werden. Und was, wenn Lehrer ausfielen? Vor allem für die Schulleitungen sei alles ein großer Aufwand.