Lernen Handypflicht im Klassenzimmer

Von Eva Wolfangel 

Die Stuttgarter Wissenschaftlerin Elba del Carmen Valderrama hat Mobiltelefone in panamesischen Schulen verteilt. Fazit: die Geräte bereichern den Unterricht.

Über Bluetooth miteinander vernetzt: Fünftklässler in einer panamesischen Dorfschule Foto: privat
Über Bluetooth miteinander vernetzt: Fünftklässler in einer panamesischen Dorfschule Foto: privat

Stuttgart/Panama Stadt - Ein Stimmengewirr wie freitagnachmittags in einer Bahnhofshalle. Verwackelte Szenen, hektische Kameraschwenks. Der Clip erinnert auf den ersten Blick an Youtube-Filme über Unruhen im Nahen Osten. Erst auf den zweiten Blick sieht man in der Ferne, am Ende des Trubels, einen Lehrer vor einer Tafel. Vor ihm ein Schüler im weißen Hemd und mit verbundenen Augen. Der Lehrer hält ihm eine Orange unter die Nase. Die Meute im Klassenzimmer reckt zwei Dutzend Mobiltelefone in die Luft. Die Teenager filmen die Unterrichtseinheit über die Sinne des Menschen.

Schulszenen, die irritieren. Wieso lässt sich der Lehrer filmen? Haben die Kinder keinen Respekt? Was haben Handys überhaupt im Unterricht zu suchen? 9500 Kilometer entfernt sichtet die Doktorandin Elba Del Carmen Valderrama ihr Material. An der Universität Stuttgart erscheint ihr die Heimat Panama weit weg. Sie weiß, dass deutsche Schüler ihre Handys oft an der Schwelle zum Klassenzimmer abgeben müssen. Dass sie höchstens heimlich unter der Bank eine SMS schreiben. Dass ein Film über Lehrer auf Youtube Ärger gibt. Panama ist anders.

Als die Informatikstudentin vor einigen Jahren ein Auslandssemester in Frankreich absolvierte, staunte sie über die großen Unterschiede im Vergleich zu ihrer Heimat. „Selbst an meiner gut ausgestatteten Privatschule in Panama Stadt gab es erst in der Oberstufe Computer, an denen wir arbeiten konnten.“ Die meisten staatlichen Schulen haben bis heute keine, auch Kopiergeräte sind Mangelware, was in den abgelegenen Gebieten ein echtes Problem ist. Will ein Lehrer Arbeitsblätter verteilen, fährt er am Vortag in die Stadt zum Copyshop. Die Kinder müssen die Kopien bezahlen – in einem Land, wo gut ein Drittel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt.

Inzwischen ist die 33-jährige Lehrertochter vertraut mit Europa – und macht Forschungsreisen nach Panama. Am Stuttgarter Institut für Mensch-Computer-Interaktion schreibt sie ihre Dissertation zur Frage, wie Mobiltelefone den Unterricht in Schwellenländern bereichern können. Mensch-Computer-Interaktion ist ein sperriger Begriff für ein naheliegendes Thema: Wie können Maschinen an die Bedürfnisse der Menschen angepasst werden? Das fragen sich Informatiker erst seit einigen Jahren. Lange galt der Mensch in ihrem Fach als eher vernachlässigbar, frei nach dem Motto: Hauptsache, die Computer rechnen, was sie sollen.

Sie will ihr Heimatland voranbringen

Elba del Carmen Valderrama ist keine verschrobene Informatikerin. Sie lacht gern und herzlich, und sie erzählt begeistert und mit reicher Gestik von ihrer Arbeit. „Was nutzt der Welt? Das ist doch der Ausgangspunkt!“ Nach ihrem Studium in Panama hätte sie in einer Bank arbeiten können. Das war der quirligen jungen Frau zu wenig. Sie will etwas bewegen. Deshalb hat sie einen Masterabschluss in Aachen gemacht und promoviert jetzt dank eines Stipendiums der panamesischen Regierung. Sie will die Zeit in Europa nutzen, um ihr Heimatland voranzubringen. Das Thema muss etwas mit Bildung zu tun haben. „Ich habe Lehrergene im Blut“, sagt sie ernst und erzählt von ihrer Cousine, die als Lehrerin in den Bergen Panamas nicht nur einige Stunden Busfahrt zurücklegt, sondern am Ende noch zwei Stunden zu Fuß gehen muss, um ihr Klassenzimmer zu erreichen. Panamesische Lehrergene scheinen auf Ausdauer und Entschlossenheit programmiert zu sein.

Von ihrer ersten Forschungsreise brachte Elba del Carmen Valderrama viele Zahlen mit. In den ländlichen Gebieten haben knapp 15 Prozent der Schüler und Lehrer Zugang zu Computern mit Internet, rund elf Prozent nutzen sie ohne Webanschluss. Handys dagegen nutzen fast 98 Prozent aller Lehrer und 80 Prozent der Schüler.

Gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern haben Mobiltelefone eine enorme Bedeutung. Oft gibt es dort keine andere Möglichkeit, Kontakt zu halten zur Tante, die am anderen Ende der stets überschwemmten Straße wohnt. Sich über die aktuellen Preise für das Gemüse zu informieren, das man auf dem Markt verkaufen möchte. Oder Geld zu überweisen: zehn Millionen Kenianer wickeln Bankgeschäfte via SMS ab. „Man kann sich im Westen nicht vorstellen, welche Rolle Mobiltelefone in solchen Ländern spielen“, sagt Elba del Carmen Valderrama.

Wenn sie vom Schulunterricht in Panama erzählt, klingt das nach Schichtarbeit. Räume und Lehrer sind knapp. Deshalb werden sie optimal ausgelastet. Lehrer der ländlichen Schulen arbeiten drei Wochen am Stück, um dann eine Woche frei zu haben. Sonst würde sich die weite Anreise nicht lohnen. An vielen Schulen kommt ein Teil der Schüler morgens von 7 bis 12 Uhr, der andere Teil von 12.30 Uhr bis 17.30 Uhr. Alle Räume sind immer belegt. Und weil die Wände so dünn sind, klingt es im Klassenzimmer wie am Bahnhof einer deutschen Großstadt.

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