Lernen in der Pandemie Wie drei Praktiker den Schulstreit erleben
Schule auf oder zu? Für Nelio, Ennio und Sandro Russo hat die Frage große Bedeutung. Sie selbst haben eine Antwort.
Schule auf oder zu? Für Nelio, Ennio und Sandro Russo hat die Frage große Bedeutung. Sie selbst haben eine Antwort.
Kornwestheim - Das Krokodil lag schon bereit. Am Montag hätte es den Schülern von Sandra Russo erklären sollen, wie die Sache mit dem Größer-als- und Kleiner-als-Zeichen funktioniert. Dort, wo das wertvollere, also größere Angebot wartet, sperrt das Krokodil sein Maul auf. Sieben ist also größer als drei. Und vier ist kleiner als neun. Mathe, erste Klasse.
Bei längerer Beschäftigung mit dem hölzernen Krokodil jedoch kann man erkennen: Das Krokodil ist überall. In der Politik zum Beispiel kann es gerade wählen zwischen richtigem Unterricht für Grundschüler und bestmöglichem Schutz vor Corona. Was ist größer? Oder korrekter: Was wiegt schwerer?
Sandra Russo, 40 Jahre, Lehrerin und Mutter eines Erstklässlers und eines Fünftklässlers vermisst ihre 22 Erstklässler in Kornwestheim schmerzlich. Sie sieht sie ja nur kurz montags und freitags, wenn die Aufgaben für die Woche verteilt oder abgeholt werden. Und manchmal über den Computer.
Lesen Sie hier aus unserem Plus-Angebot, wie sich Familie Russo auf das neue Schuljahr vorbereitet hat
An diesem Morgen hat Sandro Russo Buntstifte mit ihnen addiert („Wenn du drei hast und vier kommen dazu, wie viel hast du dann?“) und das Wort Baum zerlegt. (Wie viele Silben, wie heißt der erste Buchstabe, wo sind die Vokale?). Und natürlich hat sie sich erzählen lassen, von den Schneemännern, die am Wochenende gebaut wurden, oder von den neuen Schuhen, die frisch mit der Post kamen.
Sandra Russo findet, dass das Fernlernen relativ gut funktioniert, und ist voll des Lobes für die Eltern. („Die machen das toll!“). Doch sie weiß, dass es eine Gratwanderung ist. Nicht alle Eltern können gleich gut helfen, weil es nicht überall Platz, Ruhe oder die nötige Technik gibt: „Man muss aufpassen, dass man niemanden verliert.“ Sandra Russo hätte sich ein Umschwenken zum Wechselunterricht gewünscht, als die Zahlen zu steigen begannen. Im Wechselunterricht sehe man die Kinder wenigstens regelmäßig.
Und womöglich, mutmaßt sie, hätte man mit mehr Strenge im Herbst die Härte nun verhindern können. Als im September die Schule begann, gab es Lüftungskonzepte, Desinfektionsspender und feste Klassenverbände. Es gab aber auch Sportunterricht, keine Maskenpflicht im Klassenzimmer und volle Schulbusse. Als das Land im November in den Teil-Lockdown ging, blieben die Schulen noch bis Dezember offen.
Nelio sitzt am Esstisch und zählt in einem bunten Heft blaue und rote Punkte zusammen. Es geht schnell und gut und fühlt sich gar nicht wie Schule an. Der Erstklässler fragt seine Mutter, Sandra Russo, oft, wann denn die Ferien vorbei seien. Nelio vermisst seine Freunde Luca und Enzo und seine Lehrerin, Frau Haug. Er wäre am Montag gerne wieder in die Schule gegangen. Trotzdem: Wenn er Chef von Baden-Württemberg wäre, sagt Nelio, würde er die Schulen auch lieber zu lassen. „Das ist vielleicht sicherer.“
Vor Weihnachten ist sein Uropa mit Corona gestorben. Seine Großeltern, die sonst jeden Dienstag zu Besuch kamen, hat er seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen, sicherheitshalber. Und spielen kann er nur noch mit seinem Bruder Ennio, der wegen des straffen Onlineunterrichts allerdings nicht viel Zeit hat. Der zehnjährige Ennio übrigens sagt: „Ich finde es richtig, dass die Schulen zu sind.“
Das sagen auch die Gewerkschafter von der GEW. Aber dann gibt es da auch die Ärzte und Psychologen, die vor den sozialen Folgen der dichten Schulen warnen. Und die Forscher, die sagen, Kinder treiben die Infektionszahlen nicht in die Höhe. Dass es auch Forscher gibt, die da weniger optimistisch sind, macht die Sache nicht einfacher. „Ich bin gottfroh, dass ich das nicht entscheiden muss“, sagt Sandra Russo. Sie ist erleichtert darüber, dass sie vorerst weiter Fernlehrerin sein kann. „Corona ist gefährlich.“ Noch mehr erleichtert wäre sie, wenn es mehr Klarheit von der Politik gäbe. Wenn der Eindruck entstehe, jeder kämpft gegen jeden, gehe Vertrauen verloren, sagt die Lehrerin.
Das hölzerne Krokodil übrigens lernen ihre Schüler trotzdem kennen. Sandra Russo dreht ein Video mit ihm und schickt ihnen den Link dazu.