Berlin - Die Roboter wirken, als habe man riesige Legomännchen zum Leben erweckt. Sie gehen unsichtbare Strecken ab, tanzen ein bisschen. Ziehen sich zurück, wenn man ihnen zu nahe kommt. Ihre Fähigkeiten liegen in Kinderhänden: Kinder haben die Bauteile zusammengesteckt und auch programmiert. Bildungsroboter werden ihre bunten Geschöpfe genannt und sind auf der Berliner Unterhaltungselektronikmesse Ifa an den Ständen der Hersteller aus Asien zu sehen. Dort sitzen die derzeit wohl größten und innovativsten Hersteller. In Ländern wie China steht Programmieren auch auf dem Lehrplan.
Die Firmen heißen Bellrobot, Asus und Abilix, DJI, Whalesbot und Makeblock. Das Prinzip ihrer Roboter, die für die Drei- bis 14-Jährigen konzipiert sind, ähnelt sich: Die Kinder nutzen Bausätze mit Blöcken, Kleinmotoren und Sensoren, die sich zusammenstecken lassen und dabei ihre Funktionen erkennen. Ein Tablet mit Piktogrammen hilft, Aufgaben für die Baukastenroboter zu programmieren. Schritt für Schritt werden die Kinder an logisches Denken und Algorithmen herangeführt, an die einfache Programmiersprache Scratch. Für die Schulen sind einfache Lehrbücher im Angebot.
Chinas Hersteller gelten als die innovativsten
Auch Lego und Fischertechnik haben Baukasten-Roboter im Programm. Branchenexperten zufolge sind die Produkte aus China oft innovativer und stärker für das Erlernen einer Programmiersprache ausgerichtet. Der Markt für Bildungsroboter ist in Deutschland noch verschwindend gering – die Branchenverbände können keine Zahlen dazu liefern.
Das möchte ein Unternehmen mit Sitz nahe Bruchsal ändern. Solectric hat sich auf den Vertrieb von Bildungsrobotern aus China spezialisiert und bewies schon einmal Gespür für aufstrebende Märkte, als es den Vertrieb für die Drohnen von DJI übernahm. Mit Hilfe des chinesischen Technologieriesen, der den Drohnen-Markt dominiert und derzeit massiv in das Geschäft mit Bildungsrobotern investiert, hat Solectric seit 2014 den Umsatz im Schnitt um mehr als 300 Prozent pro Jahr gesteigert und ist laut einem Ranking der „Financial Times“ derzeit eines der am schnellsten wachsenden Unternehmen in Europa. So groß wie bei den Drohnen sei auch das Potenzial bei den Bildungsrobotern, sagt Solectrics Bildungsleiter Alexander Hantke.
„Leider haben die deutschen Unternehmen das Geschäft total verpennt“
Dass man Vertriebspartner für DJI sei, habe bei den Herstellern aus China die Türen geöffnet. Diese seien froh, überhaupt einen Ansprechpartner zu haben, der den deutschen Markt und vor allem das föderale Bildungssystem verstehe, so Hantke. Man wolle neben den Schulen auch die Privatkunden erreichen. Vor kurzem haben die ersten Filialen von Media Markt und Saturn die Bildungsroboter made in China eingeführt, mit der Otto-Tochter Mytoys verhandle man derzeit. Hantkes Wunschvorstellung ist das Shop-in-Shop-Prinzip, ein eigener Bereich für digitale Bildung in den Geschäften. Er wünsche sich, dass dort dann nicht nur die asiatischen Hersteller dominierten. „Leider haben die deutschen Unternehmen das Geschäft mit den Bildungsrobotern total verpennt – so wie man anfangs auch die Elektromobilität verschlafen hat.“ Selbst auf der Nürnberger Spielemesse habe er nichts Vergleichbares gesehen – und auf der Karlsruher Bildungsmesse Learntech? „Nur einige Start-ups.“
Als verheißungsvoll gelten die Gründer von Robo Wunderkind aus Wien. Auch ihre Modelle sehen aus wie Baukästen, haben Motoren, Steckverbindungen mit Sensoren und „ein Gehirn“, wie Geschäftsführerin Anna Iarotska es nennt. Auch diese Teile werden in China produziert, ihr Prinzip sei aber etwas kreativer als der Ansatz chinesischer Unternehmen, sagt Iarotska, so wie es in den Anfängen von Lego gewesen sei: Ob ein Auto, ein Mensch oder irgendetwas anderes entstehe, das lasse sich stark variieren. Ab fünf Jahren sei der Baukasten gedacht, bei dem die Roboter zum Beispiel Geräusche erzeugen oder Routen abschreiten.
Die Kinder sollen „die Fähigkeiten für das 21. Jahrhundert“ lernen
Auch hier ist die Programmieroberfläche auf dem Tablet, das verbunden wird, visuell – die Farben der Bauklötzchen entsprechen zum Beispiel denen der Piktogramme. Schritt für Schritt werden die Kinder angeleitet und lernen dabei, einen Bewegungsmelder zu steuern oder eine Ampel. „Was die Kinder machen, ist nichts Anderes als zu programmieren, aber weil es spielerisch ist, nehmen sie es nicht so wahr“, erläutert Iarotska. „Auf diese Weise lernen sie die Fähigkeiten für das 21. Jahrhundert.“
In 200 Schulen in 15 Ländern habe man die Baukästen schon verkauft und werde immerhin dieses Jahr eine Million Euro Umsatz erreichen, sagt Iarotska. Vor allem im deutschen Markt wolle man wachsen. Ihre Hoffnung ruht auch darauf, dass durch den Digitalpakt, bei dem künftig den Schulen in Deutschland fünf Milliarden Euro für digitale Unterrichtsmittel bereitstehen, auch Bildungsroboter gekauft werden. Theoretisch stellt der Bund jedem Schüler in Baden-Württemberg im Schnitt 433 Euro bereit. Dass die Schulen sich wohl erst um ein besseres Wlan kümmern werden, schreckt Iarotska nicht. Mit 30 Schulen in Deutschland kooperiere man bereits, darunter auch eine Privatschule in Stuttgart.
Im Vordergrund steht das Spiel
Und schließlich seien die Bildungsroboter ja auch für die Kinderzimmer geeignet, hier setze man jeden zweiten Euro um. Die Kinder planten, bauten und programmierten ihre Roboter, sagt Iarotska. „Sie spielen damit, um sie dann wieder umzubauen.“ Man habe auch kleine Wettbewerbe veranstaltet, bei denen auch Legosteine einbezogen werden konnten, die mit den Wunderkind-Robotern kompatibel sind. „Die Kinder haben sogar eine automatische Fütterungsmaschine für eine Katze gebaut und programmiert. Mir gefällt, wie auf diese Weise die digitale und analoge Welt zusammenfinden.“