Lesart in Esslingen Marlene Streeruwitz spricht über ihren neuen Roman „Auflösungen“
Marlene Streeruwitz zählt zu den bedeutendsten Autorinnen der Gegenwart. Auf der 31. Lesart hat sie aus ihrem neuen Roman „Auflösungen“ gelesen.
Marlene Streeruwitz zählt zu den bedeutendsten Autorinnen der Gegenwart. Auf der 31. Lesart hat sie aus ihrem neuen Roman „Auflösungen“ gelesen.
„Ich fände ein Leben ohne die tägliche Tragödie ziemlich langweilig“, sagt Marlene Streeruwitz am Donnerstagabend in Esslingen. Der Satz steht sinnbildlich für ihren neuen Roman „Auflösungen“, aus dem die österreichische Schriftstellerin bei der 31. Lesart im Alten Rathaus vor ausverkauftem Saal gelesen hat. Im Buch entfaltet Streeruwitz einen Ausschnitt aus dem Leben der fiktionalen Wiener Lyrikerin Nina Wagner, die im März 2024 nach New York City reist – kurz vor der Wiederwahl Donald Trumps, Mitten im Kulturkampf der amerikanischen Gesellschaft und persönliche Probleme im Gepäck.
Streeruwitz ist New York seit 35 Jahren eng verbunden. Jedes Jahr reise sie für ein bis drei Monate in die amerikanische Metropole, erzählt sie. „Ich habe dort mehr Freunde als in Wien, mehr Heimat.“ Ihr neuer Roman schöpfe aus diesen 35 Jahren Erfahrung und schildere, was in der Stadt passieren kann. Gleich zu Beginn steigt die Autorin mit einer Hals zuschnürenden Szene ein: Nina Wagner will in die USA einreisen, bei der Flughafenkontrolle entdeckt sie eine Frau auf dem Boden. „Dunkelbraunrot Erbrochenes lag vor ihr ausgebreitet. ‚Das Erbrochene ist schon in den USA.’“ Geholfen wird der Frau, die sich einer ersten Annahme zufolge in das Land einschleichen wollen könnte, in dem Abschnitt nicht – denn sonst hätte man sie in die Vereinigten Staaten aufnehmen müssen. „Es ist eine Szene, die ich natürlich kenne, sonst würde ich mir nicht gestatten, darüber zu schreiben“, sagt Streeruwitz.
Die Autorin schildert eine kalte, harte Welt, streut aber von Zeit zu Zeit auch freundliche Begegnungen ein. „Die Leidensliste im Buch kann ziemlich deprimierend wirken“, gesteht die Schriftstellerin ein. Auch die Moderatorin des Abends, Susanne Lüdtke, nennt den Roman „keine Bettlektüre“. Er ist anspruchsvoll, „man muss sich darauf einlassen“, sagt die Literaturwissenschaftlerin, die den geschätzten Literaturkreis in der Stadtbibliothek leitet. Trotz der teils harten inhaltlichen Kost gelang auf der Bühne ein unterhaltsamer Abend.
Streeruwitz’ Schreibstil fesselt. Er ist gekennzeichnet von stakkatoartigen Sätzen, die den intensiv geschilderten Passagen eine noch stärkere, mitreißende Tiefe verleihen. Der Weg über die Grenze, das plötzliche Aufwachen mit blutendem Kopf und bei nur halbem Bewusstsein auf den Straßen New Yorks: Meisterhaft schildert die Autorin in vielen Details die Wahrnehmungen der Protagonistin, die Situationen, in denen sie sich wiederfindet, die Begegnungen, die sie macht. Die Welt, in der Nina Wagner sich innerlich wie äußerlich bewegt, ist überwältigend. Wagner zweifelt an sich selbst, zweifelt aber ebenso an den Anderen. An der Aufrichtigkeit der Menschen.
Dabei gelingt es im Roman, die verhältnismäßig kleinen Probleme dieser Welt mit den großen zu vereinen. Streeruwitz schreibt über die gescheiterte Ehe der Protagonistin – „Was für ein Theater. So eine Ehe.“ – und wenige Sätze später folgt der Kulturkampf: „Die Stimmung auf Uni derart angespannt. Die Shitstorms nicht endend. Mit dem Krieg in Palästina noch einmal mehr. Der kleinste Vorwurf, und man wurde entlassen.“ Parallel zu Wagners Explosion der Eindrücke in New York bewegen sich ihre Tochter und ihr alkoholkranker Mann in Wien. In kurzen Episoden und bis zum letzten Satz liefert Streeruwitz Einblicke in diese andere, von zwischenmenschlichen Problemen geprägte Welt, die die Protagonistin zumindest räumlich zurückgelassen hat.
Marlene Streeruwitz hat die Lesart nicht zurückgelassen. Die 75-Jährige ist den Literaturtagen schon seit vielen Jahren verbunden. Sie hat ihre Werke bereits mehrfach dem Publikum präsentiert und dabei stets großen Eindruck hinterlassen. Kein Wunder, gilt die Schriftstellerin doch als etablierte, streitbare weibliche Stimme der österreichischen Gegenwartsliteratur, die ihrem Stil, ihren Vorstellungen treu bleibt – und damit auch anecken kann. Viele Romane hat sie seit den 1980er Jahren verfasst, zahlreiche Literaturpreise erhalten. Für die von unserer Zeitung und der Stadtbibliothek veranstalteten Esslinger Literaturtage ist sie auch in diesem Jahr eine große Bereicherung gewesen – wie die Traube beim Bücherverkauf der Buchhandlung „Die Zeitgenossen“ und die Signierschlange am Tisch von Marlene Streeruwitz nach der Veranstaltung zeigten.