Lesart in Esslingen Sprachkunst in Kriegszeiten – Geheimnis des „russischgrünen Bodens“

Dimitrij Kapitelman und Anja Perkuhn bei der Esslinger Lesart. Foto: Roberto Bulgrin

Einen ungerwöhnlichen Blick auf den Krieg in der Ukraine bot Dimitrij Kapitelman bei der Lesung aus seinem Roman „Russische Spezialitäten“ bei der Esslinger Lesart.

Die Gespräche in der Familie verstummen, wenn es um den Krieg in der Ukraine geht. Gemeinsam auf dem Balkon sitzen und eine Prager Torte essen, das scheint in diesen Zeiten nicht mehr möglich. Denn die Fronten zwischen den Menschen sind verhärtet. Dennoch träumt der Protagonist in Dimitrij Kapitelmans Roman „Russische Spezialitäten“ davon, wieder eine gemeinsame Ebene zu finden. Im Kutschersaal der Stadtbücherei Esslingen nahm er das Publikum mit auf eine brillant erzählte Reise durch die osteuropäische Kultur.

 

Kapitelman, Jahrgang 1986, ist in einer ukrainisch-jüdisch-moldawischen Familie aufgewachsen. Seit Russland gegen die Ukraine Krieg führt, verliert die Familie die Fähigkeit, miteinander zu sprechen. Die Mutter glaubt blind an die Lügen, die Putin in Russland verbreitet. Der Sohn dagegen will die Menschen in der alten Heimat Kiew verstehen. Mit dem Flix-Bus fährt er ins Kriegsgebiet. Im Gespräch mit dem Autor hakte Moderatorin Anja Perkuhn einfühlsam und kritisch nach, wie sich diese Barrieren zwischen den Generationen überwinden ließen. Zwischen ihr und Kapitelman entwickelte sich ein spannender Dialog, der dem Publikum im Kutschersaal einen ungewöhnlichen Blick auf den Krieg in der Ukraine öffnete.

Dimitrij Kapitelman ist ein ebenso humorvoller wie tiefschürfender Erzähler. Foto: Roberto Bulgrin

Kapitelman ist ein Sprachkünstler. Der Autor, der auch als Journalist arbeitet, schöpft in seinem Roman (erschienen im Hanser-Verlag) die grenzenlosen Möglichkeiten der Fiktion aus. Im Magasin, wie der Laden der Familie heißt, sprechen die Fische. Lustvoll wagt sich der Autor ins Surreale vor, webt klug Elemente seines eigenen magischen Realismus ein. Denn er kehrt immer wieder zu den Fakten zurück. Die Wirklichkeit des Kriegs in der Ukraine, wie sie die Menschen während der Bombenangriffe in den Bunkern erleben, rückte in den Lesepassagen für die Zuhörer beklemmend nah. Wenn man in so einem Schutzraum sitze, sei es leichter, sich mit dem Blättern in bunten Katalogen abzulenken, erzählte der Autor. Da rückte die Wirklichkeit der Bomben und der Angriffe für das Publikum beklemmend nah. Bilder für das Unbegreifliche zu finden, das gelingt Kapitelman in dem Roman wunderschön.

Mit dem Roman „Russische Spezialitäten“ wurde Kapitelman für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert. Auch wegen dieses Erfolgs ist er derzeit viel auf Lesereisen. Seine Gabe, schwere politische Inhalte in einer leichten, bisweilen zutiefst humorvollen Sprache zu erzählen, blitzten immer wieder aus den Lesepassagen hervor. Denen lauschte das Esslinger Publikum gebannt. Dass aus der Geschichte eines schlecht verleimten „grünrussischen Bodens“ die komplexe Vergangenheit der Ukraine und Russlands verständlich wird, ist eine der vielen faszinierenden Facetten des Romans.

Fiktion vom Leben zwischen Sprachen und Kulturen

Mit zehn Jahren kam Kapitelman selbst nach Leipzig. Bei der Lesung verblüffte er das Publikum damit, dass er den sächsischen Dialekt großartig beherrscht. Das Leben zwischen den Kulturen und Sprachen, von dem der Autor und Journalist in bunten Bildern erzählt, wird so aufs Schönste deutlich. Seine Kunst besteht darin, dass er gerade die dunklen Seiten der Wirklichkeit zu zeigen vermag. In diesen Passagen schlägt Kapitelman leise, verzweifelte Töne an. Und er scheut sich nicht, die schrecklichen Bilder des Kriegs in aller Offenheit zu benennen und sie in grausamen Sprachbildern aufzuzeichnen.

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