Lese-Tipps in Zeiten des Coronavirus Die zehn besten Wälzer der Welt

Bei der Lektüre: Die Schauspielerin Marilyn Monroe in einer Szene des Kinofilms „Blondinen bevorzugt“ im Jahr 1953. Wir verraten welche dicken Bücher Sie jetzt in Angriff nehmen sollten – die Kurzfassung finden Sie in unserer Bildergalerie. Foto: imago/Everett Collection//Fox

Wann, wenn nicht jetzt ist die Zeit, tausende Seiten lange Romane zu lesen. Warum es sich lohnt, diese zehn Romane und ihre skurrilen Helden zu kennen.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Stuttgart - Wollten Sie das nicht immer schon mal lesen? Wir stellen zehn der interessantesten Bücher aus vier Jahrhunderten vor, die 650 Seiten bis 5000 Seiten zählen. Und wir verraten, warum es sich lohnt, ausgerechnet diese Schmöker vorzunehmen – und bis zum Schluss durchzuhalten.

 

Miguel de Cervantes: Don Quixote

Darum geht’s:Der 1605 erschienene Roman des spanischen Autors (1547-1616) hat rund 1000 Seiten und gilt als der erste moderne Roman der Weltliteratur, weil sein Held nicht eine typisierte Figur ist, sondern über einen psychologisch ausdifferenzierten Charakter verfügt. Weil Don Quixote zu viele Ritterromane gelesen hat, ist eines Mannes Sinn benebelt. Er bildet sich ein, wie die Helden in Ritterromanen Abenteuer mit Riesen bestehen und eine Dame namens Dulcinea (in Wirklichkeit ein Bauernmädchen) erobern zu müssen.

Die interessanteste Person: Sancho Pansa, ein Bauer. Er ist völlig klar im Kopf, hat aber keine Lust auf sein langweiliges Leben und zieht als Gehilfe von Don Quixote durchs Land. Er amüsiert sich zwar über den Unfug seines Chefs, beginnt aber irgendwann, dessen poetische Weltsicht zu schätzen.

Schöner Satz: „Die Rüstung war gesäubert, die Haube zum Helm gemacht, dem Klepper ein Namen gegeben, sein eigener festgesetzt; er sah ein, dass nun nichts fehle, als eine Dame zu suchen, in die er verliebt sei, denn ein irrender Ritter ohne Liebe sei ein Baum ohne Laub und Frucht, ein Körper ohne Seele.“

Warum man nicht aufgeben sollte, falls man doch mal durchhängt: Weil man wissen will, was passiert, wenn Don Quixote aus seinem Wahn erwachen sollte.

Laurence Sterne: Tristram Shandy

Darum geht’s: Der neun Bände umfassende, rund 800 Seiten starke Text des englischen Autors (1713-1768) erschien von 1759 bis 1767 und ist ein Meisterwerk der Abschweifung. Eine Anekdote, Lebensweisheit, neue, ganz andere Geschichte jagt die nächste, Kapitel werden ausgelassen, später eingefügt, es gibt leere Seiten – und es dauert sehr lange, bis überhaupt die Geburt des Titelhelden erzählt wird. Die interessanteste Person: Onkel Toby, der stundenlang mit Shandys Vater über die Länge von Nasen philosophieren kann. Schöner Satz: „Dafür gibt es aber doch nur eine einzige Ursache, antwortete Onkel Toby, warum eines Menschen Nase länger als die andere sei: weil Gott es so gefallen hat.“ Warum man nicht aufgeben sollte, falls man doch mal durchhängt: Weil die Figuren skurril sind und man doch neugierig bleibt, wie viel man überhaupt aus dem Leben dieses Gentlemans erfahren wird.

Lesen Sie in unserem Plus-Angebot: Binge-Watching für Anfänger: 20 Serien für alle Möchtegern-Couchpotatos

Adalbert Stifter: Der Nachsommer

Darum geht’s: Der 700 Seiten starke Roman des Österreichers Adalbert Stifter (1805 bis 1868) ist genau richtig für Leser, die sich von den Aufgeregtheiten des Lebens erholen wollen, und erschien 1857. Stifter schrieb, er habe den „elenden Verkommenheiten“ eine „große einfache sittliche Kraft“ entgegenstellen wollen. Er erzählt von einem idealen Leben abseits der Großstadt, von der kulturellen und emotionalen Bildung eines jungen Mannes namens Heinrich. Heinrichs Vater sagt „Ruhe in Bewegung“ sei die „Bedingung eines jeden Kunstwerkes“ – dies ist auch eine treffende Charakterisierung des Romans.

Die interessanteste Person: Der Mentor des Helden Heinrich Drendorf mit dem schönen Rosengarten namens Freiherr von Risach, er betreibt ökologischen Landbau, ist sehr gebildet – und er hat eine tolle Tochter…

Schöner Satz: „Ich schlug die Richtung nach Süden ein, wie ich überhaupt sehr gerne bei dem Beginne eines Spazierganges so gehe, dass ich leicht nach Mittag sehe, das Licht vor mir habe und in den schöneren Glanz und die lieblichere Färbung der Wolken blicken kann.“

Warum man nicht aufgeben sollte, falls man doch mal durchhängt: Weil die Schilderungen der Landschaft so ungeheuer beruhigend sind.

Fjodor Dostojewski: Der Idiot

Darum geht’s: Der Roman des russischen Autors(1821-1881) erschien 1868 bis 1869. Er handelt von dem jungen Fürsten Lew Myschkin, der zu gut für die Welt ist. Liebe und Hass, Nervenzusammenbrüche, Intrigen ohne Ende auf rund 900 Seiten.

Die interessanteste Person: Die schöne Nastassja Filippowna, die alle Welt verrückt macht, zugleich an der Welt und den Männern leidet.

Schöne Sätze: „Der Fürst war in heller Verzweiflung. ( … ) Er brauchte den General, um sich auf irgendeine Weise Zutritt zu Nastassja Filippowna zu verschaffen und hätte sogar einen kleinen Skandal in Kauf genommen, hatte aber nicht mit einem aufsehenerregenden Skandal gerechnet: Der General war, wie sich nun herausstellte, vollkommen betrunken…“

Warum man nicht aufgeben sollte, falls man doch mal durchhängt: Weil der Erzähler mit warmherziger Sympathie über alle schreibt, egal wie verrückt, gemein oder nobel sie sein mögen.

George Eliot: Middlemarch

Darum geht’s: In dem 1871 erstmals in Buchform erschienenen 1000-Seiten-Roman der englischen Autorin, Journalistin und Übersetzerin, die in Wirklichkeit Mary Ann Evans (1819 bis 1880) hieß, wird die Lebens- und Liebesgeschichte von Dorothea Brooke erzählt, die in der erfundenen Kleinstadt Middlemarch lebt. Sie heiratet einen deutlich älteren Mann, der sich als unangenehm altmodisch erweist und nicht wirklich einsehen will, dass seine Frau mindestens, wenn nicht klüger ist als er.

Die interessanteste Person: Die Heldin. Intelligent, sportlich, schön, vernünftig, hilfsbereit – in Sachen Leben: lernfähig.

Schöner Satz: „Ihre freien Stunden verbrachte sie gewöhnlich in dem blaugrünen Boudoir, und sein bleiche Fremdartigkeit war ihr mit der Zeit lieb geworden.“

Warum man nicht aufgeben sollte, falls man doch mal durchhängt: Weil es spannend ist, zu erfahren, ob und wie Dorothea mit dem Künstler Will zusammenkommen wird. Wegen der leichten Ironie im Ton und wegen der ungeheuer eleganten Satzmelodie.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Darum geht’s: Der siebenteilige Romanzyklus des französischen Autors (1871-1922) umfasst je nach Ausgabe 4000-5000 Seiten und erschien in den Jahren von 1913 bis 1927. Ein vielschichtiger Kosmos der französischen Gesellschaft. Der Erzähler hadert mit der Kunst und dem Leben, erlebt schmerzvoll, wie sich Machtverhältnisse in Liebesbeziehungen immer wieder verschieben. Und: jede Menge Klatsch und Tratsch – wer mit wem und warum nicht...

Die interessanteste: Person Baron Charlus, alter Adel, schwul exzentrisch.

Schöner Satz: „Jedes geliebte Wesen und in gewissem Ausmaße sogar jedes Wesen überhaupt ist für uns wie ein Januskopf, das heißt, es zeigt uns, wenn es uns verlässt, die uns wohlgefällige Seite, eine missliebigere jedoch, solange wir es ständig zu unserer Verfügung wissen.“

Warum man nicht aufgeben sollte, falls man doch mal durchhängt: Weil Gefühlsregungen fein ziseliert werden, weil es auch um Aufstieg und Fall alten Adels und der neuen Reichen geht, weil immer wieder neue amouröse Intrigen geschmiedet werden und die finale Begegnung zeigt, wie die Zeit die Figuren und die Gesellschaft gezeichnet hat.

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Darum geht’s: Fragment gebliebener Roman des österreichischen Autors (1880-1942) und ein meisterlich ironisch-philosophischer Text über die Gesellschaft am Vorabend eines großen Krieges. Die abgeschlossenen Teile 1+2 (1000 Seiten) erschienen 1930 und 1932. Unveröffentlichte Kapitel umfassen noch einmal 1000 Seiten. Held Ulrich beschließt, Urlaub vom Leben zu nehmen, aber die Welt hat etwas dagegen und so wird er in allerhand Irrungen und Wirrungen verstrickt, liebestolle Damen und intrigante Wirtschaftsbosse kommen auch darin vor.

Die interessanteste Person: Clarisse, eine sehr gut Klavier spielende Frau, die ein bisschen viel Nietzsche gelesen hat.

Schöne Sätze: „,Und wir sollen’, erwiderte Walter mit Schärfe, ,auf jeden Sinn des Lebens verzichten?!’ Ulrich fragte ihn, wozu er eigentlich einen Sinn brauche? Es ginge doch auch so, meinte er. Clarisse kicherte. Sie meinte es nicht bös, die Frage war ihr so spaßhaft vorgekommen.“

Warum man nicht aufgeben sollte, falls man doch mal durchhängt: Weil der Roman auch dies enthält: eine der schönsten Liebesgeschichten der Weltliteratur.

Thomas Mann: Joseph und seine Brüder

Darum geht’s: Der vierteilige Roman, erschienen 1933-1943, des deutschen Literaturnobelpreisträgers (1875-1955), ist das umfangreichste Werk des Autors. In der Bibel ist die Josephs-Geschichte nur wenige Seiten lang, in dieser psychologisch ausdifferenzierten Version umfasst sie rund 1790 Seiten. Joseph wird vom Vater bevorzugt, die Brüder werfen ihn in ein Loch und verkaufen ihn, er kommt nach Ägypten, besteht Abenteuer, wird reich und mächtig und hilft am Ende seiner wegen einer Hungersnot verarmten Verwandtschaft.

Die interessanteste Person: Mut-em-inet, die Gattin von Josephs Chef Potiphar, die sich in den schönen Joseph verliebt, aber nicht erhört wird und Intrigen schmiedet wie in einer Telenovela.

Schöner Satz: „Der Prunkschleier stand ihm (Joseph, Anm. d. Red.) auf eine Weise zu Gesicht, dass es sehr schwer gefallen wäre, seinem Ruf unter den Leuten noch irgendwelchen kritisch mäßigenden Widerpart zu bieten, er machte ihn dermaßen hübsch und schön, dass es schon nicht mehr geheuer war und tatsächlich ans Göttliche grenzte.“

Warum man nicht aufgeben sollte, falls man doch mal durchhängt: Mit liebevoller Ironie wird der eitle, doch sympathische Joseph gezeichnet, dazu immer wieder: Familienstreit, Liebeswirrwarr, Machtspiele.

Georges Perec: Das Leben Gebrauchsanweisung

Darum geht’s: Der 1978 erschienene Roman des französischen Autors (1936 bis 1982) umfasst knapp 900 Seiten und ist kunstvoll konstruiert, macht aber auch Spaß, das Buch zu lesen, ohne zu wissen, wie die mathematischen Berechnungen waren, die die Kapitel und Textinhalte strukturieren. „Ein Buch, das man jedes Jahr mindestens einmal lesen sollte“, sagte Harry Rowohlt. Es handelt von einem Mehrparteienhaus in Paris und seinen Bewohnern. Die Geschichten sind gesplittet in 99 Kapitel, die von jeweils einem Zimmer einer Wohnung erzählen.

Die interessanteste Person: Bartlebooth, ein Millionär. Er malt 500 Aquarelle von 500 Seehäfen, lässt sie von einem Meister des Puzzles auf Holzplatten kleben und in je 750 Puzzleteile zerschneiden. Sind sie wieder zusammengesetzt, sollen sie im jeweiligen Hafen versenkt und dem Vergessen anheimgegeben werden.

Schöner Satz: „Angesichts der unentwirrbaren Zusammenhanglosigkeit der Welt geht es (Bartlebooth, Anm. d. Red.) also darum, ein sicherlich beschränktes, aber in sich ganzes, intaktes, unerbittliches Programm völlig zu Ende zu führen.“

Warum man nicht aufgeben sollte, falls man doch mal durchhängt: Wegen der vielen spannenden Lebensgeschichten, weil hier Menschen zum Beispiel in monochromen Farben Speisen zubereiten, und natürlich, weil man wissen will, ob das mit den Puzzles klappt.

Thomas Bernhard: Auslöschung

Darum geht’s: Der 650-Seiten-Roman des österreichischen Autors (1931-1989) erschien im Jahr 1986 und besteht aus einem inneren Monolog des Ich-Erzählers über sein Leben, über sein Leiden an der Welt, ihrer Dummheit, Niedertracht. Ein sprachmächtiges Maßlosigkeitsmonument.

Die interessanteste Person: Der ständig sich (manchmal aufs Komischste) ereifernde Ich-Erzähler, auch ein Leser dicker Romane wie Jean Pauls „Siebenkäs“ übrigens.

Schöner Satz: „Es war neun, als ich plötzlich mehr oder weniger erschrocken aus dem ,Siebenkäs‘ aufwachte und das Buch weglegte und aus der mir im Grunde, wie Sie wissen, verbotenen Bibliothek hinaus und zu den Meinigen hinunter ging, die inzwischen längst genachtmahlt hatten.“

Warum man nicht aufgeben sollte, falls man doch mal durchhängt: Wegen der virtuosen Sprachgirlanden und, je nach Temperament, weil man entweder entsetzt ist vom Welthass des Erzählers oder ihn extrem nachvollziehen kann.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Literatur Lesen