Lesekompetenz bei Kindern So wird aus dem eigenen Kind eine Leseratte – wahrscheinlich

Die Lesekompetenz bei Kindern sinkt. Foto: KI/Midjourney/Montage: Ruckaberle

Nicht jeder hat Freude am Vorlesen – doch Eltern sollten dran bleiben und möglichst viel und lange vorlesen. Kindern hilft das in vielerlei Hinsicht.

Nein, die Augen spielen keinen Streich. Auch nach mehrmaligem Blinzeln sitzt das Kind noch auf dem Sofa – und liest ein Buch. Ganz freiwillig. Ja, es hat dabei sogar ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Ist aus dem lesemuffeligen Zweitklässler über Nacht eine Leseratte geworden? Vorsichtiges Nachfragen, was ihn zu dieser höchst ungewohnten Beschäftigung veranlasst hat. Schulterzucken des Sohnes. „Stör’ mich nicht. Das Buch ist echt gut.“

 

Am Ende der Grundschulzeit können in Deutschland inzwischen ein Viertel aller Kinder nicht richtig lesen. Das ist das Ergebnis der letzten Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu), die auch betont: Die Lesekompetenz der Viertklässler ist in den vergangenen 20 Jahren bedenklich gesunken. Lesen aber gilt als eine der zentralen Schlüsselkompetenzen für den schulischen wie beruflichen Werdegang. Und: „Flüssiges Lesen und Textverstehen kann von den meisten Kindern nicht allein im Unterricht gelernt werden, denn es braucht viel Übung“, sagt Nora Heyne, die an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg am Lehrstuhl für Empirische Bildungsforschung Studien zum Erwerb von Lesekompetenz durchführt.

Eltern kommt also eine zentrale Aufgabe dabei zu, die Lesefähigkeit, aber auch die Lesemotivation ihrer Kinder zu fördern. Bloß: Man muss ihnen sagen, wie das geht – und dass die entscheidenden Grundlagen dafür schon vor der Grundschulzeit gelegt werden.

Vorlesen hilft Kindern, später selbst leichter zu lesen

„Wer viel vorgelesen bekommt in den ersten Lebensjahren, tut sich später mit dem eigenen Lesen deutlich leichter“, sagt Laura Trost von der Stiftung Lesen. Denn durch Vorlesen wächst der Wortschatz. Kinder hören, wie Sätze aufgebaut sind, tauschen sich mit den Eltern über die Inhalte aus und sehen, dass Lesen ganz unterschiedliche Ziele haben kann. „Mal dient es der Unterhaltung, mal bekomme ich dadurch Informationen wie ich vorgehen muss, etwa beim Lesen einer Spielanleitung, oder ich lerne etwas ganz Neues dabei, etwa über das Brutverhalten von Störchen“, sagt Nora Heyne.

Nach ihren Befunden lesen Kinder im Grundschulalter umso besser, je mehr sie im Vorschulalter mit ihren Eltern zum Vergnügen gelesen haben. Das bloße Einüben von Buchstaben oder Wörtern mit den Eltern schlägt sich hingegen weniger in der späteren Lesefähigkeit nieder.

Der Stiftung Lesen zufolge wird mehr als jedem dritten Kind im Alter von eins bis acht zu Hause aber selten oder gar nicht vorgelesen. 58 Prozent der Kinder, denen täglich vorgelesen wird, fällt später in der Schule das Lesenlernen leicht – hingegen haben 56 Prozent der Schülerinnen und Schüler, denen niemals vorgelesen wurde, dabei Schwierigkeiten .

Denn Wortschatz, Sprachgefühl und Textverständnis – all das braucht es auch, wenn Kinder später selbst lesen. „Je besser diese Fähigkeiten bei Schulbeginn schon ausgeprägt sind, umso mehr kann sich das Kind dann auf das Lesen lernen konzentrieren“, sagt Laura Trost.

Flüssiges Lesen hilft, Texte zu verstehen

Und das ist anfangs eine ganz schön anstrengende Tätigkeit. Buchstaben müssen erkannt und mit Lauten in Verbindung gebracht werden, die sich zu Wörtern zusammenfügen, deren Bedeutung erfasst werden muss. Aus den Wörtern werden Sätze, daraus Texte. „Je länger es dauert, um die Bedeutung eines einzigen Wortes zu erfassen, umso schwieriger wird es, Zusammenhänge zu verstehen, weil die Gedächtniskapazität hier begrenzt ist“, sagt Nora Heyne. Deshalb sei es so wichtig, durch häufiges Lesen die Leseflüssigkeit und die Lesegeschwindigkeit zu verbessern, damit die Texte Schritt für Schritt länger werden können.

Kinder, denen viel vorgelesen wurde, kennen oft schon sehr komplexe Geschichten. Was sie dann selbst lesen können, ist zunächst einmal ein Rückschritt. „Deshalb ist es toll, wenn Eltern möglichst lang weiter vorlesen oder man auch dickere Bücher mit verteilten Rollen liest oder sich einzelne Absätze daraus vom Kind vorlesen lässt“, sagt Laura Trost. Studien zum Vorlesen zeigen, dass Sieben- bis Achtjährige kaum mehr vorgelesen bekommen – eben weil die Eltern denken, dass sie nun ja selbst lesen können. „Gerade für ältere Kinder bleibt das aber ein schönes Ritual, um gemeinsam Zeit zu verbringen und sich beim Lesen auch einfach mal nicht selbst anstrengen zu müssen, sondern nur in die Geschichte eintauchen zu dürfen“, sagt Laura Trost.

Bei den ersten Texten, die Kinder dann selbst lesen, ist es Nora Heyne zufolge ganz entscheidend, dass sie diese nach den eigenen Vorlieben auswählt – und nicht danach, was Eltern oder Lehrpersonen für pädagogisch wertvoll halten. „Eltern oder Lehrpersonen können Kinder dabei unterstützen, dass das ausgewählte Buch von Inhalt und Umfang her weder unter- noch überfordert. Zudem können sie einen Blick darauf haben, dass ein Thema gewählt wird, zu dem das Kind ein gewisses Vorwissen mitbringt“, sagt Nora Heyne.

Interessiert sich ein Kind beispielsweise für Fußball, ist es vielleicht motivierter, darüber etwas zu lesen – und bringt obendrein noch den nötigen Wortschatz mit, um den Text leichter zu verstehen. „Man kann das Buch auch gemeinsam Anlesen, damit der Einstieg leichter fällt. Und mit dem Kind dann im Austausch darüber bleiben, was in der Geschichte passiert oder sie sich nacherzählen lassen“, sagt Nora Heyne.

Lesegeschwindigkeit steigert sich durch regelmäßiges Üben

Worum Kinder – wie Eltern – nicht herumkommen: Dass ein Kind regelmäßig selbst liest. „Nur durch Übung wird die Lesegeschwindigkeit höher, und dann wiederum fängt es auch erst richtig an, Spaß zu machen“, sagt Laura Trost. Kinder wiederum, die das Lesen wenig üben, können sehr schnell abgehängt werden, denn die Texte in der Schule werden mit der Zeit immer länger und komplexer. Die Probleme beim Verstehen von Texten werden größer, die Lust zum Lesen nimmt ab, also wird weniger gelesen – und darunter leidet die Lesefähigkeit. „So geraten Kinder leicht in einen Teufelskreis“, sagt Nora Heyne.

Um die Eltern ein wenig zu entlasten – besonders dann, wenn die Stimmung beim Thema Lese-Hausaufgaben vielleicht schon nicht mehr die beste ist –, rät Laura Trost dazu, andere Personen mit ins Lesen-Üben einzubeziehen. An vielen Schulen gibt es beispielsweise ehrenamtliche Lesepaten, die sich auch die Zeit nehmen, sich mit den Kindern über die Inhalte des Gelesenen auszutauschen. „Zwischendurch kann man aber ruhig auch mal jüngeren Geschwister oder einem Haustier vorlesen. Das fühlt sich für das Kind nicht gleich so an wie eine Prüfungssituation und kann deshalb die Freude am Lesen fördern“, sagt Laura Trost.

Tipp an die Eltern: Mit gutem Beispiel vorangehen

Ein weiterer Tipp: Als Eltern mit gutem Vorbild vorangehen. „Viele Erwachsene lesen ja auch nicht mehr viel oder allenfalls am Handy“, sagt Laura Trost. Man könnte als Familie abends beispielsweise auf dem Sofa 15 Minuten gemeinsame Lesezeit vereinbaren, in der jeder sich ein Buch, eine Zeitung oder eine Zeitschrift nimmt und liest. „Wichtig ist es, dass ich einen entspannten Zeitraum fürs Lesen finde, denn es ist vor allem zu Beginn etwas sehr Anstrengendes für Kinder“, sagt Laura Trost.

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