Lesen in Corona-Zeiten „Das Buch war ein kleiner Zipfel Normalität“

Von Claudia Barner 

In Corona-Zeiten – vor allem während des Lockdown – hat die Waldenbucher Bücherei einen riesigen Ansturm erlebt. Die Leiterin spricht im Interview darüber, woran das liegt, was sie für die Zukunft erwartet – und welche Bücher gerade der absolute Renner sind.

Büchereien – wie beispielsweise jene in Waldenbuch – erleben gerade goldene Zeiten. Foto: dpa/Jan Woitas
Büchereien – wie beispielsweise jene in Waldenbuch – erleben gerade goldene Zeiten. Foto: dpa/Jan Woitas

Waldenbuch - In der Waldenbucher Stadtbücherei werden die Bücher zurzeit knapp. Zumindest die, die zu den Favoriten der Schüler gehören, die während der Sommerferienaktion „Heiss auf Lesen“ zu Bücherwürmern mutiert sind. Der Ansturm auf die Lektüre bestätigt einen Trend, den Susanne Dosch, die Bücherei-Leiterin, seit Mitte März beobachtet: Das Buch ist in Corona-Zeiten ein beliebter Begleiter und bietet Rückzugsräume für die Fantasie.

Frau Dosch, seit zehn Jahren bietet die Stadtbücherei die Leseaktion während der Sommerferien an. Was ist in diesem Jahr anders?

Wir sind völlig überwältigt. Wir haben 54 angemeldete Teilnehmer, die seit dem Start am 13. Juli schon mehr als 200 Bücher gelesen haben. Der Leseerfolg wird in persönlichen Logbüchern festgehalten. Wir hatten 100 Stück davon. Alle sind bereits vergeben. Inzwischen verwenden wir Kopien. Auch bei den Büchern gibt es Engpässe. Besonders eifrig am Lesen sind interessanterweise die Jungen, die sich für die Fantasie-Action-Serie „Beast Quest“ von Adam Blade begeistern. Wir haben 50 Bücher der Reihe, keines davon steht aktuell mehr im Regal.

Woher kommt die neue Lust am Lesen?

Da hat sicherlich auch damit zu tun, dass in diesem Jahr weniger verreist wird und die Familien mehr Zeit haben. Tatsächlich ist es aber so, dass wir das steigende Interesse an Büchern schon seit dem Lockdown im März beobachten. Wir hatten ja nur kurze Zeit geschlossen und sind schnell dazu übergegangen, die Lektüre nach Hause zu liefern. Der Haustürservice hatte auch einen psychologischen Effekt. Das Buch war so ein kleiner Zipfel Normalität, und viele Menschen, die uns angerufen haben, wollten einfach ein wenig reden. Natürlich sehen wir die Corona-Effekte auch in der Online-Ausleihe, die kontaktlos und völlig virenfrei ist. Wir haben bei den Zugriffen auf E-Books ein Plus von 37 Prozent. Das ist enorm viel.

Bücher gibt es für jeden Geschmack und alle Lebenslagen. Gibt es ein Genre, das aktuell besonders gefragt ist?

Zu Beginn der Pandemie konnten wir beobachten, dass öfter zu Lektüre gegriffen wurde, die über ähnliche Ereignisse berichtet. Das Buch „1918 – Die Welt im Fieber“, das sich damit beschäftigt, wie die Spanische Grippe die Welt verändert, wurde zum Beispiel erstaunlich oft nachgefragt. Das hat sich aber inzwischen wieder gelegt. Es gibt mittlerweile zahlreiche Corona-Sachbücher, die auch wir im Angebot haben. Ich habe aber den Eindruck, es stürmen von allen Seiten so viele Informationen dazu auf die Menschen ein, dass sie sagen: Ach nee, nicht noch mal.

Frau Dosch, gehen Sie davon aus, dass dieser Trend zum Buch nur ein vorübergehender ist?

Ich glaube, viele haben das Lesen wiederentdeckt, und ich hoffe sehr darauf, dass diese Erfahrung einen dauerhaften Effekt hat. Was die Kinder betrifft, so bin ich sicher, dass die Begeisterung kein Strohfeuer ist. Wir beobachten schon seit zwei, drei Jahren, dass sich vor allem Jungs wieder mehr fürs Lesen interessieren. Unser eifrigster Teilnehmer hat schon vor Corona während der Sommer-Aktion in zehn Wochen 90 Bücher verschlungen und sich mehrmals in Folge die beiden Eintrittskarten für Tripsdrill gesichert.




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