Forscher fordert Lockerungen für Jugend „Junge Leute am Ende ihrer Geduld“

Klaus Hurrelmann warnt: Bei jedem dritten Jugendlichen könnte der Coronafrust in Aggression umschlagen. Foto: dpa/Britta Pedersen
Klaus Hurrelmann warnt: Bei jedem dritten Jugendlichen könnte der Coronafrust in Aggression umschlagen. Foto: dpa/Britta Pedersen

Der Berliner Jugendforscher Klaus Hurrelmann kritisiert die Coronapolitik von Städten und Gemeinden im Hinblick auf junge Leute als einfallslos. Bei jedem dritten Jugendlichen könne der Coronafrust in Aggressionen umschlagen warnt er. Wie lässt sich das verhindern?

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Berlin -

Berlin - Der Berliner Jugendforscher Klaus Hurrelmann hat im zweiten Pandemiesommer mehr Freiräume für junge Leute gefordert - auch nachts. „Das ist sehr, sehr einfallslos, was viele Städte und Kommunen da bisher auf die Reihe bekommen haben“, sagte Hurrelmann. Noch deutlich mehr als andere Altersgruppen seien Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 12 und 22 Jahren am Ende ihrer Geduld. Bei bis zu einem guten Drittel könnten deshalb Frust und Ohnmachtsgefühle auch in Randale und Aggressionen umschlagen. Diese Gruppe sei seit dem vergangenen Sommer nach aktuellen Studien größer geworden, sagte Hurrelmann.

„Freiräume dürfen nicht am Rand liegen“

Unwirtliche Parkplätze am Stadtrand, ungepflegte Wiesen oder Industriebrachen in der Stadt, auf denen aber oft kein Lärm gemacht werden soll: Was die Berliner Initiative „Draußenstadt“ gerade an Flächen für Veranstaltungen für junge Leute anbietet, kann für Hurrelmann noch nicht alles sein. „Freiräume dürfen nicht ganz am Rand liegen. Und es müssen auch Angebote für die nicht so Wohlhabenden dabei sein, in Wohnortnähe“, sagte der Jugendforscher. Er denkt dann zum Beispiel an nächtliche Fußballturniere. „Die Nacht hat für junge Leute einen besonderen Reiz.“

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. „Da lässt sich ja dann sagen: Nehmt Rücksicht auf die Jugend, sie hat auch Rücksicht auf euch genommen. Und darum geben wir hier jetzt mal für ein paar Tage eine Sondergenehmigung.“

Wichtig seien bei der Planung vor allem die Einbeziehung der Jugend und keine neuen Vorgaben über ihre Köpfe hinweg. „Da müssen kreative Diskussion starten, was unter Coronabedingungen möglich ist. Kommunen könnten da durchaus sagen: Wir wissen im Moment auch nicht, was wir da alles tun können. Aber wir stehen auf eurer Seite. Welche Räume wollt ihr denn? Das wäre ein Signal“, sagte Hurrelmann.

Die Disziplin unter jungen Leuten ist nach wie vor hoch

Viele Jugendliche wollten endlich wieder ein freies Leben führen und sich so benehmen und bewegen können wie es für ihre Alter angemessen sei, sagte Hurrelmann. Viele fühlten sich jedoch immer noch eingesperrt und hätten das Gefühl, gar nicht richtig leben zu können. „Das ist eine Lebensphase, in der man raus muss, in der man sich erproben muss, Räume erobern.“

Aus aktuellen Studien liest Hurrelmann eine andere Gemengelage heraus als im Sommer 2020.

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Rund zwei Drittel hielten sich weiter an die Regeln und nähmen Rücksicht auf die Älteren, auch bei Impf-Priorisierungen. „Aber man merkt: Jetzt sind die Zurücksetzungen mehr im Fokus und sie haben auch die Geduldigen unter den jungen Leuten erreicht.“ 2020 seien es rund 30 Prozent der jungen Leute gewesen, die Schwierigkeiten mit den Corona-Regeln hatten. „Dieser Anteil ist weiter gestiegen. Nun sind es 35 Prozent. Und das wird auch noch weiter steigen“, so Hurrelmanns Prognose.

Der Kontrollverlust macht Angst

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„Das Schlimmste für sie ist das Gefühl, keine Kontrolle über das eigene Leben zu haben.“ Hintergrundkulisse für ihre Unruhe sei die Suche nach einem Platz in der Gesellschaft. „Und das ist nur die Spitze des Eisbergs, ein ohnmächtiger Protest der an den Rand Gedrängten“, analysierte Hurrelmann. „Dass junge Leute zum Beispiel von der Polizei angesprochen werden, wenn sie auf einer Treppe sitzen und Bier trinken. Und nebenan im Biergarten sitzen die geimpften Älteren und essen ihr Steak.“ Da stießen jetzt auch die Welten unterschiedlicher Generationen aneinander. „Das muss auch politisch aufgefangen werden, wenn es nicht zu einer Spannung führen soll.“

Die Stimmung könne zum Beispiel schnell in Richtung Politikverdrossenheit führen. „Wir haben es hier mit einer Gruppe zu tun, die sich politisch nicht sehr gut artikulieren kann. Diese jungen Leute werden nicht zu einer gepflegten Straßendemonstration kommen und ihre Rechte auf Plakaten fordern.“

Freiräume für junge Leute, aber keine Freifahrtscheine

Es sei mehr ein dumpfer Protest, provokativ. „Sie wissen vielleicht nicht so genau, was sie wollen. Aber sie wollen signalisieren: So geht es nicht.“ Da baue sich Schritt um Schritt ein Unbehagen auf - und irgendwann könne sich das auch in Krawallen entladen. Weniger privilegierte junge Leute hätten in den Ferien jetzt oft nicht die Chance, sich in einem schönen Urlaub zu entspannen.

Als Freifahrtschein für junge Leute will Hurrelmann seine Ratschläge allerdings nicht verstanden wissen. „Die Polizei sollte nachts Parks räumen, wenn ein ganz eindeutiger Verstoß gegen Regeln vorliegt. Das muss sein. Das brauchen junge Leute auch als Signal“, sagte er.




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