Leseohren in Stuttgart Nach der Coronapause lesen Prominente wieder vor

Susanne Heydenreich zieht mit ihrer Darbietung der  Chinesischen Nachtigall auch die Erwachsenen in ihren Bann. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Susanne Heydenreich zieht mit ihrer Darbietung der Chinesischen Nachtigall auch die Erwachsenen in ihren Bann. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Vorleseverein feiert Neustart nach dem Lockdown, in der Hoffnung, dass seine Lesepaten den Kindern die Treue halten.

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Stuttgart - Wo könnte das Lesen besser gefeiert werden als zu Füßen von Friedrich Schiller? Genau hier, am Schillerplatz, hatte der Verein Leseohren am Freitag seine Zelte aufgeschlagen, um gewissermaßen unter dem Patronat des schwäbischen Dichterfürsten ein Fest auszurichten. Als Dank an die vielen Lesepaten, die seit Jahren ehrenamtlich als Vorleser Kindern die Welt der Märchen und Geschichten eröffnen. Aber auch als Ausdruck des Glücks darüber, dass die Vorleser nach der langen Pandemiepause endlich wieder in die Schulen und Kitas dürfen.

„Im November geht es wieder los“, freut sich Bettina Kaiser, die Geschäftsführerin des Vereins. Corona sei eine empfindliche Zäsur gewesen, und man wisse nicht, wie viele der ehemals 600 Paten auch weiterhin zur Verfügung stehen. „Ich durfte auch bereits einmal vorlesen, bislang aber nur digital“, verriet der Stuttgarter Kulturamtsleiter Marc Gegenfurtner, der das Fest eröffnete. Denn die Leseohren stellten sich wegen Corona nicht einfach taub: Sie überbrückten die Zeit mit Videobotschaften, für die sich neben Gegenfurtner auch Schauspieler wie Walter Sittler und Susanne Heydenreich, Intendantin im Theater der Altstadt, vor der Kamera in Szene setzten.

Zuletzt wurden Videos gedreht

Jeder Lesende ist ein Lernender

Das Live-Erlebnis hole er sicher nach, versprach Gegenfurtner, der die Bedeutung des Lesens mit einem Zitat des Verlegers Peter Suhrkamp belegte: Jeder Lesende sei ein Lernender, ein Lehrling, der ungeahnte Erfahrung entdecke und Fähigkeiten in sich spüre. Jungen Menschen werde, so Gegenfurtner, Leseferne unterstellt. Aber ihm sei es, nicht zuletzt als Vater, noch nie passiert, dass sich Kinder beim Lesen abgewandt hätten. Im Gegenteil, der Akt des Vorlesens schaffe Gemeinschaft: „Darum war es so wichtig, dass Sie alle in den vergangenen Monaten auch online dabeigeblieben sind und den Kindern während des Lockdowns weiterhin das Gefühl gegeben haben, einer Gemeinschaft anzugehören.“

Sprachliche Integration aller Stuttgarter Kinder

2003 wurde der Verein aus der Taufe gehoben, der mit Unterstützung engagierter Bürgerinnen und Bürger Kinder durch dialogisches Lesen zum Lesen motivieren und die Sprach- und Lesekompetenz umfassend fördern und Bausteine für eine sprachliche Integration aller Stuttgarter Kinder setzen will. Von der Stadt kommen 65 000 Euro, für den Rest des Budgets von 180 000 Euro braucht der Verein Sponsoren: „Das sind vor allem die großen Verlage, dann die Stuttgarter Bürgerstiftung, gerade ist Porsche dazugekommen“, sagt Manfred Schmitz, Leiter des Kuratoriums zusammen mit Philipp Haußmann, dem Chef des Klett-Verlages.

Das Mäuschen piepst, der Bär brummt

Susanne Heydenreich ist am Freitagnachmittag live zu erleben, mit Hans Christian Andersons Märchen von der Chinesischen Nachtigall. Wie schafft man überhaupt den perfekten Vorlesevortrag? „Mit stimmlicher Modulation und körperlichem Einsatz“, verrieten dazu in einem kleinen Workshop Hannah Wehrum und Isabell Schmier, beide ausgebildet in Sprechkunst und Sprecherziehung an der Akademie für Musik und Darstellende Kunst. Das Mäuschen piepst, der Bär brummt, und bei großer Begeisterung dürfen auch mal die Arme und die Höhe fliegen. Und wie sie fliegen!

Nur Schiller blieb eisern ungerührt.




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