Leser-Uni Gegen Alzheimer kann man sich wehren

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Gesunde Lebensführung hält geistig und körperlich fit. Dies erklärte der deutsche Demenzforscher Konrad Beyreuther bei der Leser-Uni.

Der bekannteste deutsche Demenzforscher Konrad Beyreuther erklärt bei der Leser-uni, wie man sich fit halten kann. Foto: Stollberg 3 Bilder
Der bekannteste deutsche Demenzforscher Konrad Beyreuther erklärt bei der Leser-uni, wie man sich fit halten kann. Foto: Stollberg

Stuttgart - Die Alzheimer'sche Erkrankung macht Angst, nicht nur älteren Menschen. Das war deutlich zu spüren im Gespräch mit Lesern bei der Leser-Uni an der Universität Hohenheim. Doch Konrad Beyreuther, der bekannteste deutsche Alzheimer-Forscher, möchte beruhigen: In seinem Vortrag "Altern ohne Alzheimer - Experimente und Visionen" forderte er die Menschen auf, sich jeden Tag und bis zum letzten Atemzug gegen Alzheimer zu wehren. Denn der 70-jährige Chemiker, der an der Universität Heidelberg das Netzwerk Alternsforschung leitet und die Erkrankung seit mittlerweile 25 Jahren erforscht, ist überzeugt davon, dass sein Traum vom Altern ohne Alzheimer wahr werden kann - wenn der Mensch ein Leben lang auf seinen Geist und Körper achtet. "Ist das chronische Leiden ausgebrochen, gibt es keine heilende Therapie", sagte er.

"Wer nicht altert, wird auch nicht alt", erklärte der Heidelberger Demenzforscher Beyreuther. Schließlich möchte jeder Mensch ein gewisses Alter erreichen. Damit einher gehen diverse Leiden. Doch damit könne der alternde Mensch umgehen. So habe eine Studie ergeben, dass drei Viertel der über 85-jährigen ihren Gesundheitszustand im Vergleich zu Gleichaltrigen als gut oder ausgezeichnet angeben, obwohl diese Menschen teilweise mit bis zu drei Krankheitsprozessen gleichzeitig leben - sie hören oder sehen schlecht, haben entzündete Gelenke, einen erhöhten Blutdruck oder Arterienverkalkung. "Krankheiten sind eine Frage der Befindlichkeit und Definition", schließt Beyreuther daraus. Allein die Demenzkranken waren in dieser Umfrage unglücklich mit ihrem Dasein.

Ein leeres Gehirn bleibt leer

Bei der Demenz sterben Nervenzellen im Gehirn ab. Viele während des Lebens erworbene Fähigkeiten gehen damit verloren - und ein leeres Gehirn bleibt leer. Im schlimmsten Fall "brennt auch die Scheune der Erinnerung ab", es gibt kein Erkennen mehr. Bei 80 Prozent der Demenzkranken ist dies der Fall, sie leiden an der Alzheimer'schen Erkrankung. In Deutschland sind es derzeit 1,4 Millionen Menschen. Die Pflege und Betreuung dieser Patienten verschlingt 117 bis 152 Millionen Euro jeden Tag. Dieser Betrag wird in Zukunft noch sehr viel höher werden, denn Experten gehen davon aus, dass aufgrund der steigenden Lebenserwartung die Zahl der Demenzkranken im Jahr 2050 drei- bis viermal so hoch sein wird. Daher, so forderte Beyreuther, müsse wesentlich mehr Geld in die Forschung investiert werden.

Eine heilende Therapie sei nicht in Sicht, daher sei die Prävention die einzige Möglichkeit, den Beginn der Erkrankung zu verzögern - und zwar um Jahre. "Der Prozess der Alterung dauert etwa 30 Jahre", erklärte Beyreuther. Damit sei für eine Vorbeugung genügend Zeit. Die Hälfteder Alzheimer-Patienten leide unter einer falschen Cholesterinverwertung im Gehirn. Hier präventiv einzugreifen sei schwierig. Doch bei der anderen Hälfte der Erkrankten könne man sieben Risikofaktoren ausmachen, die das Leiden maßgeblich beeinflussen. Dazu zählen beispielsweise Diabetes, Rauchen, Depressionen und Bewegungsmangel. Doch auch Bluthochdruck und Übergewicht im mittleren Lebensalter zählen zu den Risikofaktoren - in einer Lebensphase, in der noch kaum einer an Demenz im Alter denken mag. Auch das Bildungsniveau spielt eine Rolle. Wer seine geistigen Fähigkeiten ungenutzt lässt, erhöht die Gefahr einer Altersdemenz.

Wichtig ist der Aspekt der Bewegung

Wer diese sieben Risikofaktoren im Blick hat und sie aktiv angeht, kann das schleichende Nachlassen seiner intellektuellen Fähigkeiten aufhalten. Beyreuther gab dazu einige Tipps: Zum Thema Rauchen und erhöhtem Zuckerkonsum wollte er nichts sagen, das sei für jeden im Hörsaal wohl klar. Wichtig war dem Wissenschaftler der Aspekt der Bewegung. Diverse Untersuchungen haben ergeben, dass es sinnvoll ist, sich fünfmal in der Woche 30 Minuten lang zu bewegen - Beyreuther selbst fährt jeden Tag mit dem Fahrrad zu seinem Institut. Allerdings, so schränkt er ein, nützt stupides Radeln auf dem Ergometer im Keller nichts. Während der Bewegung sollten auch die grauen Zellen aktiv sein. Er wälze auf seiner täglichen Radfahrt diverse wissenschaftliche Probleme. Wer beispielsweise gerne jogge, sollte sich einen Partner suchen, mit dem er sich währenddessen unterhalten könne. Zudem wirke Bewegung auch positiv auf das Herz-Kreislauf-System. "Die halbe Stunde jeden Tag putzt auch die 80 Kilometer Blutgefäße von uns durch."

Gesunde Ernährung, die auch bei diversen anderen Leiden eine Rolle spielt, hat auch einen Effekt auf Alzheimer: Wer sich mediterran ernährt mit viel Obst und Gemüse, Nüssen und Meeresfisch (enthält wertvolle Omega-3-Fettsäuren) kann sein Gehirn vor dem Untergang schützen. Wer außerdem neugierig bleibe, ins Theater gehe, Zeitung lese oder am Computer Spaß habe, erhalte sich seine geistige Regsamkeit. Gesund oder alzheimerkrank im Alter sei daher, fasst Beyreuther zusammen, nur für wenige Menschen ein unabdingbares, vererbtes Schicksal. Vielmehr sei es eine Frage von Umwelt und Lebensführung - daran müsse man rechtzeitig denken.

Tipps für den Aspekt der Bewegung unter www.bewegung-bei-demenz.de

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