Bei der Leser-Uni erklärt der Hohenheimer Ernährungsmediziner Hans Konrad Biesalski, warum Vitamine, Spurenelemente und Mineralstoffe so wichtig für die Entwicklung eines Menschen sind. Außerdem sind diese Mikronährstoffe der Motor der Evolution.

Wissenschaft: Tanja Volz (vz)

Stuttgart - Der Hohenheimer Ernährungsmediziner Hans Konrad Biesalski hegt schon seit vielen Jahren eine gewisse Begeisterung für die Evolutionsbiologie. In seiner Vorlesung bei der Leser-Uni vereint er beide Wissenschaften: Bei dem Vortrag „Ernährung als Motor der Evolution“ wird er erklären, wie wichtig sogenannte Mikronährstoffe für die Evolution des Menschen waren und noch sind. Mikronährstoffe sind Bestandteile der Nahrung, die keine Energie liefern und damit auch nicht satt machen. Dennoch sind diese Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente unverzichtbar, weil der Körper ohne sie nicht funktioniert. Fehlen diese Mikronährstoffe dauerhaft in der Nahrung, so wird der Mensch chronisch krank. Zudem haben diese Mikronährstoffe es erst möglich gemacht, dass der Mensch sich entwickeln konnte im Laufe der Evolution.

„Im Fokus stehen vier Mikronährstoffe: Eisen, Vitamin A, Zink und Jod“, sagt der Direktor des Institut für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaft der Universität Hohenheim. Fehlen diese Stoffe spricht man auch vom „Hidden Hunger“ (versteckter Hunger), lange bevor ein wirklicher Mangel sichtbar wird. Diese Art der Mangelernährung findet man vorwiegend in Entwicklungsländern, aber auch direkt vor unserer Haustür. Zwar haben hier viele Menschen genug zu essen, so dass sie ihren täglichen Energiebedarf decken können und nicht hungern müssen. Doch ihre Ernährung ist zu einseitig, ihnen fehlen Mikronährstoffe – die vor allem auch in der Entwicklung eines Kindes lebensnotwendig sind. Ist eine schwangere Frau nicht ausreichend mit Mikronährstoffen versorgt, schadet das dem Fetus. Das Kind entwickelt sich langsamer, kommt kleiner zur Welt und die geistige Entwicklung kann gestört sein. Die Mangelernährung eines Kleinkindes hat Auswirkungen auf dessen ganzes Leben. Wo Armut herrsche, so der Ernährungswissenschaftler, gebe es den versteckten Hunger. Und je größer die Armut, desto größer der Mangel an Mikronährstoffen. Für eine ausgewogene, ordentliche Mahlzeit mit frischen Zutaten fehle auch in Deutschland vielen Menschen das Geld, so Biesalski.

Mangel führt zu chronischen Erkrankungen

Mangelt es an Eisen, ist die Folge oft Blutarmut. Zudem ist Eisen wichtig für das Immunsystem, so dass Eisenmangel den Betroffenen für diverse Infektionen anfällig macht. Eine Unterversorgung mit Vitamin A führt vor allem bei Kindern ebenfalls zu einer erhöhten Infektanfälligkeit und bei andauerndem Mangel zu schleichender Erblindung. Menschen, denen es an Zink fehlt, kämpfen regelmäßig mit Durchfall. Damit gehen wichtige Nährstoffe verloren, weil sie im Darm nicht mehr aus der Nahrung zurück gewonnen werden. Fehlt Jod, so ist die geistige Entwicklung gestört.

Biesalski bezieht dies nun auf die Evolution des Menschen und belegt seine Theorie mit vielen wissenschaftlichen Studien aus verschiedenen Fachrichtungen: Ob ein Organismus gut oder schlecht mit Mikronährstoffen versorgt ist, wirkt sich auf seine Reproduktionsfähigkeit aus, darauf, möglichst viele überlebensfähige Nachkommen zu produzieren – den Motor der Evolution. Je nachdem wie gut oder schlecht das Nahrungsangebot für unsere Vorfahren war, desto besser oder schlechter konnten sie sich weiterentwickeln. Biesalski erklärt in seinem jüngsten Buch „Mikronährstoffe als Motor der Evolution“ beispielsweise, wie sich das unterschiedliche Sehen ausgewirkt haben könnte. Ursprünglich gab es im Auge unserer sehr frühen Vorfahren nur zwei Fotopigmente, heute gibt es auf der menschlichen Netzhaut drei Fotopigmente. Mit diesem sogenannten trichromatischen Sehen kann man die Farben rot, grün und blau und die entsprechenden Mischungen daraus erkennen – und damit auch die grünen und roten Früchte, die etwa für das Sehen wichtige Vorstufen von Vitamin A enthalten. Der moderne Mensch hatte damit einen enormen Vorteil bei der Nahrungssuche im Verglich zu anderen Säugetieren.

Bei der Leser-Uni spielt aber nicht nur die steinzeitliche Ernährung eine Rolle, es wird auch um das heutige Essen gehen.