Leser zeigen uns ihre Erinnerungsstücke Heirat, Home Office, Holzpostkarte: Alltag in Stuttgart 1942

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Unsere Leseraktion bringt viele weitere interessante Stücke aus dem Alltag der Stuttgarter mitten im Zweiten Weltkrieg hervor. Doch warum fehlt auf alten Schreibmaschinen die „1“?

Selten gesehen: eine Postkarte auf dünnem Holz in der Optik von Einlegearbeiten. Sie wurde von „Tarso-Buschle“ vertrieben und zeigt den Stuttgarter Bahnhofsvorplatz. Viele weitere Alltagsgegenstände aus dem Jahr 1942 zeigt die folgende Bilderstrecke. Foto: Nachlass Buschle 31 Bilder
Selten gesehen: eine Postkarte auf dünnem Holz in der Optik von Einlegearbeiten. Sie wurde von „Tarso-Buschle“ vertrieben und zeigt den Stuttgarter Bahnhofsvorplatz. Viele weitere Alltagsgegenstände aus dem Jahr 1942 zeigt die folgende Bilderstrecke. Foto: Nachlass Buschle

Stuttgart - Wie hat sich das Leben im Stuttgart des Jahres 1942 angefühlt? Dieser Frage spüren wir im Rahmen unseres Projekts „Stuttgart 1942“ anhand von 12 000 Fotos nach. Doch für das Fühlen braucht es auch Gegenstände, die 1942 gekauft, benutzt, verschenkt wurden. Zahlreiche Leserinnen und Leser sind unserem Aufruf gefolgt und haben ihre Familien- und Erinnerungsstücke aus dem Keller, vom Dachboden oder aus dem Wohnzimmerschrank geholt.

Am Dienstag fand die zweite entsprechende Aktion statt (Bericht von der ersten Aktion hier). Die Kunsthistorikerin Regine Bauer vom Auktionshaus Eppli begutachtete im Sitz der Firma mit Blick auf den Marktplatz die angelieferten Objekte. Das kurioseste Stück ist eine aus Panzer- und Flakgranaten gebaute Schreibtischlampe. Der Vater von René Rapp hat sie gebaut, sie stand in der elterlichen Wohnung in der Talstraße in Stuttgart-Gaisburg.

Wie er an das Material gekommen ist, verriet der Vater nie. Bis heute gut erkennbar ist die Typenbezeichnung der Munition, die möglicherweise von den nahen Flakstellungen stammt. Später stand die Lampe im Kinderzimmer von René Rapp (Jahrgang 1946). „Aus uns wurden ja dann die 68er, wir haben das Stück dann zur Antikriegslampe erklärt“, erinnert er sich schmunzelnd.

Krieg war Alltag, aber geheiratet wurde auch

Dieses Stück erzählt besonders sprechend aus einer Zeit, in der Kriegsgerät zum Alltag gehörte. Doch in diesen Jahren wurde auch gelebt und geheiratet. Davon zeugt der Verlobungsring der Eltern von Jutta Ludewig. Er ist geschmückt mit Olivin, Diamant – und Eichenblättern. „Das ist typisch für diese Zeit“, weiß die Kunsthistorikerin Regine Bauer. Gekauft wurde der Ring 1942 in Garmisch, hergestellt schon früher – damals gab es kaum mehr Material für die Schmuckherstellung. Schon 1943 oder 1944 waren Eheringe so gut wie nicht mehr aus Gold.

Uwe Melzer brachte ein Telefonbuch „für den Bezirk der Reichspostdirektion Stuttgart“ mit. Darin finden sich neben sämtlichen Telefonanschlüssen zwischen Stuttgart und Bodensee die Schnellwahlnummern für Polizei und Rotes Kreuz (011 beziehungsweise 012), Hinweise zum korrekten Telefonieren („Unaufgefordert Namen oder Rufnummer nennen, wenn man angerufen wird. Nicht mit ‚Hallo’ melden!“) sowie ein Merkblatt zum „Selbstwählferndienst“ zwischen Stuttgart und Ludwigsburg: Telefonieren ohne vorherige Vermittlung.

Auch der Anschluss von Helmut Runck steht im Telefonbuch. Runck war Vertreter für mehrere Firmen, arbeitete von seiner Wohnung im Stuttgarter Westen aus – fürs Home Office bedurfte es einer Schreibmaschine. Runcks Schwiegertochter hat das tragbare Modell der Marke Mercedes – ein thüringisches Fabrikat – aufbewahrt.

Schreibmaschinen waren damals knapp und teuer, Helmut Runck stotterte seine in Monatsraten von je fünf Reichsmark ab. Man kann sich vorstellen, wie er in seinem Herrenzimmer vor dem dunklen, verglasten Bücherschrank über der klackernden Schreibmaschine gebeugt seine Korrespondenz erledigt. Warum auf der Tastatur die 1 fehlt? Weil man damals das kleine „l“ nutzte und zudem Platz sparte.

Viele weitere Objekte wurden bei den Aktionen hergezeigt und dokumentiert – von den Tarso-Bildern in Holzoptik über eine 1942 noch im Gebrauch befindliche württembergische Schmucktasse aus den 1910er Jahren bis hin zu Feldpostkarten, Kinderbüchern und jener geschwärzten Glühbirne für ein wenig Funzellicht trotz Verdunkelungsgebot: Erinnerungsstücke aus einer fast vergessenen Zeit, auf die man heute wohl kaum nostalgisch zurückblickt.

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