Leserbriefe zum Organhandel „Hier wird das Organ zur Ware“

Von StZ 

Darf man ein Organ auf dem Schwarzmarkt kaufen? StZ-Korrespondent Willi Germund hat sich eine Niere gekauft und über seine Erfahrungen einen Bericht geschrieben, der auch unter den Lesern der Stuttgarter Zeitung eine Kontroverse ausgelöst hat.

Willi Germunds Bericht über seine gekaufte Niere hat unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Foto: dpa-Zentralbild
Willi Germunds Bericht über seine gekaufte Niere hat unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Foto: dpa-Zentralbild

Stuttgart - Der Bericht von Willi Germund hat auch unter den Lesern der Stuttgarter Zeitung eine Kontroverse ausgelöst. Wir veröffentlichen einige der Reaktionen in Auszügen.

Respekt

Respekt für diese Wahrhaftigkeit und journalistische Umsetzung: gefühlt hat der Betroffene zwei Menschen geholfen, sich und dem Existenzgründer in Afrika. Der Beitrag zeigt makaber, dass die Mechanismen der Marktwirtschaft fast immer funktionieren. Ich fühle mich bestätigt, seit 30 Jahren einen Organspenderausweis bei mir zu tragen, weil mein Herz die Not meiner Mitmenschen spürt. Leonhard Fromm, Schorndorf

Wer Geld hat . . .

Ich kann mich nicht enthalten, meine ganz persönliche Meinung zu Herrn Germunds Artikel über seine Odyssee nach einer neuen Niere kundzutun. Dass mich sein Bericht auf der einen Seite erschüttert hat, dann wieder eine gewisse Bewunderung mir abgefordert hat für die Ausdauer, die er im Laufe der Jahre auf der Suche nach einer neuen Niere entwickelt hat. Und dann letztlich meine Zweifel daran, ob man so weit gehen sollte. Hier wird das Organ zur Ware. Wer Geld hat, kann sie sich kaufen. Warum will jeder Mensch sein Leben auf Biegen und Brechen verlängern dank oder undank unserer Medizin? Jutta Beate Schmidt, Stuttgart

Ethisch verwerflich

Mit viel Skepsis und zugegeben etwas Neugier habe ich den Artikel von Willi Germund gelesen. Ich bin selbst betroffen, 29 Jahre alt und nun seit fast 6,5 Jahren nierentransplantiert. Ich kann die Angst vor einem Leben an der Dialyse und den damit verbundenen Einschränkungen oder gar die Aussicht darauf, dass selbst die Dialyse eben nicht ewig funktioniert, gut nachvollziehen. Dennoch finde ich den Schritt, den Herr Germund ging, mehr als moralisch und ethisch verwerflich! Noch schlimmer finde ich jedoch, dass die StZ diesen Artikel so abdruckt. Die moralischen/ethischen Bedenken sollten größer sein als in diesem Artikel beschrieben. Herr Germund beschränkt sich ja lediglich auf ein paar wenige Nebensätze. Was soll dieser Artikel bewirken? Mitgefühl für seine Situation? Rechtfertigung für sein Handeln? Für mich wirkt das mehr wie ein Aufruf: Schaut her, so geht es doch auch. Und dafür fehlt mir, gerade in dieser Zeit, in der es leider so viele Organspendeskandale gibt und die Spendenbereitschaft sinkt, jedes Verständnis! Tanja Steiner

Entsetzt

Ich bin über diesen Artikel sehr entsetzt und enttäuscht. Selber war ich 7 Jahre und 4 Monate Dialysepatient. Seit 6 Jahren bin ich erfolgreich transplantiert. Ich habe sehr wohl mit der Krankheit leben können, habe gearbeitet, wenn auch eingeschränkt. Ich war mit Vorplanung in Deutschland wie auch im Ausland in Urlaub. Fühlt sich Herr Germund noch als Wohltäter? Diese Diskussionen schaden nur der Spendenbereitschaft. Es würde den Dialysepatienten mehr helfen, sich für sie einzusetzen – zum Beispiel dafür kämpfen, dass die Widerspruchslösung eingeführt wird (z. B. Österreich) und man nicht auf die Zustimmung ohnehin aufs Äußerste belasteter Angehörigen angewiesen ist. Erna Siegmund, Kornwestheim

Traurige Geschichte

Eine traurige Geschichte! Traurig ist, dass Herr Germund nicht die Kraft hatte, sich intensiv und gewissenhaft mit den Möglichkeiten der Dialysetherapie auseinanderzusetzen. Das konnte und wollte er wohl auch nicht, da die Suche nach einem „Nierenkauf“ alles andere verdrängte. Traurig ist für mich, wie schnell er unter dem (verständlichen) Druck der Erkrankung moralische und rechtliche Einwände über Bord wirft. Und wie er dann sich juristischen Beistand holt und ihn auch findet. Was sollen die vielen von der dialysepflichtigen Nierenkrankheit Betroffenen sagen, die nicht das Geld und die Beziehungen haben, sich auf dem internationalen Markt zu bedienen? Wozu geben wir uns Gesetze und Behandlungsrichtlinien? Die große Aufmachung in der StZ mit Titelfoto und ganzseitigem Bericht auf Seite 3 ist typisch für das Thema Transplantation, ich finde sie ärgerlich und unangemessen. Dr. med Manfred Fromme, Stuttgart

Geächteter Handel

Die WHO-Resolution SHA63.22 aus dem Jahr 2010 enthält elf Grundsätze über die Freiwilligkeit und Unentgeltlichkeit von Organspenden. Auch der Europarat und der Weltärztebund ächten den Handel mit Organen. In Deutschland werden entsprechende Vergehen nach dem Transplantationsgesetz mit einer Haftstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet, auch für den Empfänger. Dies gilt auch, wenn die Verpflanzung im Ausland stattgefunden hat. Lebendspenden sind nur erlaubt, wenn sie freiwillig sind und die betroffenen Personen in einer engen verwandtschaftlichen und/oder emotionalen Beziehung zueinander stehen. Laut Experten braucht es weltweit mehr Lebendspender. Kriminelle Banden schlagen Gewinn aus der Situation. Sie nutzen die Not der Betroffenen aus – der illegale Organhandel blüht.

Während meiner Tätigkeit als Chirurg an einer deutschen Universitätsklinik konnte ich den Segen von Organtransplantationen fast täglich erfahren. Für den niereninsuffizienten Patienten heißt das: weg von der Dialyse und hin zu einem nahezu normalen Leben. Über die heikle Frage, wie dem illegalen Organhandel beizukommen ist und gleichzeitig die Versorgungslage der Patienten verbessert werden kann, führen Experten aus Politik, Medizin und Wissenschaft seit Jahrzehnten ohne Ergebnis eine zum Teil sehr emotionale Debatte. Dabei wäre die Lösung des Problems doch ganz einfach: eine Legalisierung des Organhandels, damit den Spendern ein angemessener Preis garantiert und den kriminellen Händlern das Handwerk gelegt werden kann! Prof. Dr. med. Horst Hamann, Leonberg

Sehr mutig

Ich selber habe bereits zweimal eine Nieren- und Bauchspeicheldrüsen- und auch eine Hornhaut-Transplantation erhalten. Damit gehöre ich zu den Patienten, die Glück gehabt haben. Wenn es für mich auch nie in Frage käme, mir im Ausland ein Organ zu kaufen, finde ich den Artikel von Herrn Germund sehr mutig. Für die Schilderung der quälenden Symptome in dieser Klarheit bin ich ihm geradezu dankbar.

Wenn es auch Patienten gibt, die unter dem Versagen eines Organs weniger leiden müssen, so darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich hierbei nicht nur um lebensbedrohliche Erkrankungen handelt, sondern eben auch um solche, die die Lebensqualität in sehr starkem Maße beeinträchtigen. Ich halte es für dringend notwendig, dass sich die Politik endlich zu einem anderen Transplantationsgesetz in Anlehnung an das Modell in Österreich oder Spanien durchringt. Auf diese Weise könnten auch in Deutschland sehr viel mehr Menschen mit Organen versorgt werden. Es geht hier nicht nur um die Dialysepatienten, sondern auch um Menschen, die auf eine Lunge oder eine Leber warten. Ein Schwarzmarkt entwickelt sich nur dort, wo die Nachfrage sehr viel höher ist als das Angebot. Andrea Liesemer, München