Von sachlichen Argumenten bis hin zu sehr intimen Informationen – es gibt nichts, was es nicht gibt im Leserpostfach der Stuttgarter Zeitung. Ein Einblick.

Leserredaktion : Kathrin Zinser (zin)

Zin an kä“ – ein großer Teil der Leserbriefe der vergangenen Jahre ist nach der Bearbeitung mit diesem Vermerk im Betreff versehen worden. Dabei steht „zin“ für Kathrin Zinser, die Leserredakteurin und Autorin dieser Zeilen, und „kä“ für Armin Käfer, einen der Titelautoren der StZ.

 

Rund 150 Zuschriften pro Woche

Denn in der Leserredaktion wird nicht nur jede eingehende Nachricht (größtenteils Mails, aber ebenso Briefe auf Papier und vereinzelte Faxe) gelesen, sondern meistens auch an die jeweiligen Redakteurinnen und Redakteure weitergeleitet. Das größte Echo rufen in der Regel die Leitartikel hervor, was erklärt, warum etwa Kollege Käfer sehr viele Leserbriefe bekommt. Und wie es nun mal so ist in einer demokratischen Debatte, für die das Leserforum der Stuttgarter Zeitung den Raum bietet, gibt es neben Zustimmung auch viel Kritik. Dabei versucht die Leserredaktion, die verschiedenen Positionen so gut wie möglich auf der wöchentlich erscheinenden Leserbriefseite abzubilden.

Dass allein aufgrund der schieren Menge an Zuschriften – im Durchschnitt rund 150 pro Woche – nicht alle veröffentlicht werden können, sorgt mitunter für Verdruss. Doch der Austausch der Argumente muss nicht unbedingt für alle sichtbar erfolgen – immer wieder bitten Leserinnen und Leser darum, dass ihre Antwort zu einem Brief an den jeweiligen Verfasser oder die Verfasserin weitergeleitet wird. So sind dank des Leserforums wohl schon einige Bekanntschaften entstanden.

Im Ton vergriffen

Bisweilen geht es aber auch hoch her: Menschen vergessen ihre gute Erziehung und vergreifen sich im Ton – kein neues Phänomen, wie ein Blick ins Archiv zeigt. „Lieber einen Haufen grüner Chaoten als solche zweitklassigen Lohnschreiber und servilen Gesinnungsknechte“, wurde etwa Thomas Sch. in der Silvesterbeilage von 1987 zitiert, der sich über eine kritische „Brücke zur Welt“ über die Bundesversammlung der Grünen echauffierte.

„Dieser Artikel in Ihrer Zeitung ist wohl das Dümmlichste, das ich seit Jahren lesen konnte. Daß so ein Geschwätz ausgerechnet in der Zeitung abgedruckt ist, die meine Tageszeitung ist und deren Gebühren ich zahle, ärgert mich am meisten. Auch die Dummheit Ihrer Leser hat ihre Grenzen“, schrieb 1986 Lotte E., weil sie sich über ein Feature zu einem Kunstprofessor empörte.

Doch zurück in die Gegenwart: In seltenen Fällen verlassen die Schreiberinnen und Schreiber den Boden des Grundgesetzes, wobei derartige Zuschriften grundsätzlich nicht gedruckt werden. Die publizistischen Grundsätze, so steht es im Pressekodex unter Ziffer 2 (Sorgfalt), gelten nämlich auch für Leserbriefe. Das bedeutet zudem, dass jeder Brief vor der Veröffentlichung einem Faktencheck unterzogen werden muss.

Lob und Erektionsprobleme

So manche Nachricht lässt die Leserredakteurin jedoch ratlos zurück: Da ist die Frau, die geheime Codes in Autokennzeichen erkennt oder der Mann, der ausführlich von Erektionsproblemen berichtet. Das Leserpostfach – für manche auch der Kummerkasten. Frust, Ärger, berechtigte Kritik: Das pralle Leben steckt in all den Zuschriften.

Und immer wieder geht einem beim Lesen das Herz auf: Etwa, wenn Leserinnen und Leser Menschen unterstützen möchten, über die wir berichtet haben. Oder wenn schließlich im Betreff steht: „zin an kä: Kompliment“. Als Journalistin oder Journalist wird man eher selten gelobt. Das ist okay. Umso schöner ist es, wenn Menschen der Redaktion als Ganzes für ihre Arbeit danken. Das geht raus an den großen Verteiler: „zin an alle: Lob!“ Auch das gehört zum prallen Leben.