Lesetipps von Esslinger Buchexperten Lektüreproviant für interessante Ferientage

Endlich Ferien, und damit bleibt viel Zeit, um sich mal wieder ein gutes Buch vorzunehmen. Doch die Auswahl ist groß – guter Rat kann helfen, einen Treffer zu landen. Foto: Gaby Weiß

Ob zuhause oder auf Reisen – wer im Urlaub ein gutes Buch genießen möchte, sollte genau hinschauen. Denn die Auswahl ist groß, und nicht jeder Titel hält, was er verspricht. Buchexperten unterschiedlichster Couleur verraten ihre persönlichen Lesetipps.

Reporter: Alexander Maier (adi)

Sommerzeit ist Lesezeit, doch die Auswahl ist groß und vielen fällt es schwer, sich für die richtige Lektüre zu entscheiden. Unsere Zeitung hat Buchexperten unterschiedlichster Couleur nach ihren ganz persönlichen Lese-Favoriten für die Ferienzeit befragt – Autoren, eine Bibliothekarin, einen Literaturprofessor, eine Verlegerin, einen Buchhändler und eine Bücherei-Unterstützerin. Sie alle verbindet die Liebe zur Literatur, und sie haben Freude daran, ihre Leidenschaft mit anderen zu teilen.

 

Spannend Thriller und regionale Kriminalromane sind die Markenzeichen der Nürtinger Autorin Isabel Klink. Als Ferienlektüre empfiehlt sie Peter Grandls Polit-Thriller „Turmschatten“ (Piper Taschenbuch, 18 Euro): Ein spektakuläres Verbrechen hält eine Kleinstadt in Atem. Drei Neonazis werden in einem Turm gefangen gehalten. Ephraim Zamir, der Geiselnehmer, konfrontiert sie in einem Verhör mit ihren Gewalttaten und überträgt das Ganze live im Netz. Die Zuschauer sollen abstimmen: freilassen oder hinrichten? So beginnt ein weltweites Medienspektakel – und für die Polizei ein Wettlauf gegen die Zeit. Womit keiner rechnet: Man hat es mit einem ehemaligen Mossad-Agenten zu tun, der nicht bereit ist, zu verhandeln. Dieser erste Band einer Trilogie wurde inzwischen mit Heiner Lauterbach in der Hauptrolle als sechsteilige Fernsehserie verfilmt – Isabel Klink empfiehlt jedoch, zunächst das Buch zu lesen. Ihr Urteil: „Peter Grandl vermischt Fiktion mit realen Ereignissen. Dieser hervorragend recherchierte Gesellschaftsthriller ist so fesselnd geschrieben, dass man das Buch kaum mehr aus der Hand legen kann. ‚Turmschatten’ ist eine herausragende Lektüre, die durch ihre Aktualität zum Nachdenken anregt.“

Politisch Als Buchhändler ist Bert Heim in Esslingen eine Institution – nach seinem Abschied in den Ruhestand bleibt ihm nun sogar noch mehr Zeit fürs Selberlesen. Als ausgeprägt politisch denkender Mensch empfiehlt Heim Mareike Fallwickls Roman „Und alle so still“ (Rowohlt Verlag, 23 Euro). Die Autorin geht der Frage nach, was wäre, wenn Frauen ihrer angestammten Arbeit nicht mehr nachkommen, sich einfach auf den Boden legen und nichts mehr tun würden. Sie sind ausgepowert, müde, verletzt und verweigern sich allem, was sie seit Jahrhunderten tun – einfach totaler Stillstand. „Ist das rigorose, aber stille Verweigern eine der Stellschrauben, die unmenschlich ausgeartete Realität, der vor allem Frauen ausgesetzt sind, in die andere Richtung zu drehen?“, gibt Bert Heim zu bedenken. Fallwickls letzter Satz sagt alles: „ ... dass Männer sich neu orientieren müssen, dass wir nur vorankommen, wenn wir in dieselbe Richtung gehen – gemeinsam.“ Das Urteil des Buchhändlers: „Es ist keine neue Stimme, die uns das aufträgt, aber eine Stimme, die sehr eindringlich die ewig andauernde Ungleichbehandlung von Mann und Frau erzählt. Dieses Buch versteht sich als feministischer Gesellschaftsroman, der die Finger in die Wunden legt, wo es weh tut. Nicht nur den Frauen, auch den Männern – zumindest denen, die mit offenen Augen die Lebensumstände vieler Frauen sehen (wollen).“

Charmant Petra Helmcke ist Vize-Vorsitzende des Esslinger Bücherei-Fördervereins, und wenn sie in die Ferien fährt, ist stets ein großer Stapel Lesestoff dabei. Ilja Leonard Pfeijffers „Grand-Hotel Europa“ (Piper Verlag, 14 Euro) darf diesmal nicht fehlen. Zufällig hat Petra Helmcke dieses Buch entdeckt „und mit jeder Seite mehr geliebt“: Der niederländische Autor und Songtexter entführt seine Leser in einer wundervoll opulenten und bildstarken Sprache in ein altes Grand-Hotel, wo der Protagonist versucht, über eine Liebesbeziehung hinwegzukommen. Der Roman, der essayistische Momente aufweist, führt zurück in das alte Europa mit seinem Charme, seiner Pracht und seiner Kulturhistorie. „Pfeijffer versteht es, unseren Blick durch große und kleine nostalgische Beschreibungen darauf zu lenken, was Europa inzwischen (noch) ist: Ein Kontinent ohne Platz für die Zukunft mit aussterbendem Charme“, urteilt Petra Helmcke. „Ein großes Buch mit einer gleichermaßen beängstigenden wie nostalgischen und liebevollen Momentaufnahme unseres Kontinents. Und einer erotischen Liebesgeschichte. Das ist eines der Bücher, von denen ich mich niemals trennen werde, weil es zeigt, was einmal war und wohl nie wieder so sein wird.“

Aufwühlend „Das ist mir selten passiert: Kaum hatte ich die ersten Seiten dieses Buches gelesen, war ich bereits dermaßen von ihm fasziniert, dass ich gleich zwei Geburtstage von Bekannten zum Anlass nahm, es zu verschenken“, erzählt der Autor Klaus Wanninger, in dessen Kriminalromanen Esslingen häufig eine Rolle spielt. Weil die Realität oft die spannendsten Geschichten schreibt, empfiehlt er Jürgen Reschs Sachbuch „Druck machen!“ (Ludwig Verlag, 22 Euro). Der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe schildert darin seinen eigenen Werdegang vom an der Natur interessierten Schüler zum engagierten Kämpfer für saubere Luft und eine allem Lebendigen verträgliche Umwelt. Die zunehmende Zerstörung der Landschaft um den Bodensee veranlasste Resch, sich gegen diesen scheinbar unaufhaltsamen Prozess zu wehren. Seine Erfahrung, dass der Staat den Interessen großer Konzerne oft ohnmächtig gegenüber steht, belegt Resch mit geradezu unglaublichen Beispielen. Er zeigt aber auch, wie sich gegen solche Machenschaften vorgehen lässt. „Ein Mut machendes Buch in einer von deprimierenden Nachrichten geprägten Zeit“, resümiert Klaus Wanninger. „Es liest sich spannender als jeder Krimi – True crime aus erster Hand. Für mich ist es eine der wichtigsten Veröffentlichungen der letzten Jahre, geschrieben von einem Menschen, den wir uns alle zum Vorbild nehmen sollten.“

Berührend Als langjährige Leiterin der Esslinger Stadtbücherei hat Gudrun Fuchs schon zahlreiche renommierte Autorinnen und Autoren begrüßt – Wolf Haas war nie dabei, obwohl ihn die Bibliothekarin, die mittlerweile ihren Ruhestand genießt, sehr schätzt. Für die Ferien hat Gudrun Fuchs Wolf Haas’ Roman „Eigentum“ (Hanser Berlin, 22 Euro) ausgewählt: Die 95-jährige Mutter liegt im Sterben. Das nimmt der Autor zum Anlass ihr Leben zu dokumentieren und ihre Weisheiten festzuhalten. So möchte er ihr Andenken pflegen. Gleichzeitig ist es seine Art des Abschiednehmens. Das Leben der Mutter war geprägt von Arbeit, Armut und Entbehrung. Zeitlebens arbeitete sie darauf hin, Eigentum zu erwerben, weil nur das in ihrem Bergbauerndorf zählte. Doch immer dann, wenn sie genug gespart hatte, machte ihr das Schicksal einen Strich durch die Rechnung. Der Traum vom Eigentum erfüllt sich erst mit ihrer Grabstätte – wenigstens ein paar Quadratmeter. „Das Buch ist sehr liebe- und respektvoll geschrieben“, urteilt Gudrun Fuchs. „Obwohl das Thema und der Anlass schwer erscheinen, betrachtet der Autor das Leben der Mutter sehr humorvoll. Ein Lachen und immer wieder ein Lächeln begleiteten mich beim Lesen. Ich kann dieses Buch uneingeschränkt empfehlen.“

Herausfordernd Viele haben einen Heidenrespekt vor der Lektüre von Franz Kafkas Werken. Der Esslinger Literaturprofessor Harald Vogel möchte dazu ermuntern, sich gerade in der Ferienzeit, wenn mehr Zeit fürs konzentrierte Lesen bleibt, auf diesen außergewöhnlichen Autor einzulassen. „Viele sind auch hundert Jahre nach seinem frühen Tod noch immer auf der Suche nach einer Deutung von Kafkas Werken – vielen ist er immer noch ein Rätsel“, weiß Vogel, der Kafka als „aufmerksamen Beobachter unserer bis heute unmittelbaren, unaufklärbaren, aber erlebbaren grotesken Wirklichkeit“ kennengelernt hat. So suchen bis heute viele Kafka-Leser und -Forscher vergeblich den Schlüssel zu seinem letzten Roman „Das Schloß“ (gedruckt und als Hörbuch in vielen Ausgaben erhältlich). „Zurecht, weil das Suchen nach der wahren beängstigenden Wirklichkeit das entscheidende Schreibverlangen Kafkas war und für die Leser bleiben soll“, findet Harald Vogel. „Kafkas Welt beherbergt das Groteske, inszeniert ins Absurde, aber hintergründig Wahre unserer Wirklichkeit. Mein Rat zur unterhaltsam-nachdenklichen Ferienlektüre: Der kafkaeske Kafka lässt sich hörend, lesend und dabei sehend filmisch erleben, denn Kafka schreibt und denkt bildlich, und wir dürfen bildlich mitdenkend uns am Grotesken amüsieren. Keine Angst vor Kafka und dem Kafkaesken – der Abend darf dabei durchaus auch erhellend dunkeln.“

Seelenvoll Nora Frischs Esslinger Drachenhaus-Verlag ist auf Themen rund um China ausgerichtet. Für die Ferien empfiehlt sie jedoch mit Mirena Michiko Flašars „Oben Erde unten Himmel“ (Wagenbach Verlag, 25,80 Euro) ein Buch, das in Japan spielt: Suzu lebt in einer japanischen Großstadt. Ihre Existenz ist unscheinbar, fast unsichtbar. Ihr Leben ist geprägt von Einsamkeit und Routine, ihr einziger Begleiter ist ein Goldhamster. Als sie gezwungenermaßen einen neuen Job annimmt, ändert sich alles. Sie beginnt in einem Reinigungsteam zu arbeiten, das sich um die Wohnungen alleinstehender Menschen kümmert, die unbemerkt verstorben sind. Auch Herr Ono stirbt allein, von keinem vermisst, bis der Verwesungsgeruch die Nachbarn alarmiert. Suzu muss sich in ihrer neuen Aufgabe zurechtfinden, die Geduld, Sorgfalt, einen starken Magen und auch Respekt vor den Toten erfordert. Während sie ihre Arbeit mit großer Ernsthaftigkeit verrichtet, lernt sie nicht nur die Verstorbenen, sondern auch die Lebenden kennen, ihre Mauer der Distanziertheit bekommt Risse. „Eine wunderbare Lektüre, die die japanische Seele, den Humor, tragische sowie skurrile Elemente in meisterhaftem Erzählstil ins Deutsche überträgt“, verrät Nora Frisch.

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