Lesewert Was Leser wirklich lesen

Von Frank Schwaibold 

Die Redakteure der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten lernen von den Print-Abonnenten, was diese in der gedruckten Zeitung besonders interessiert. Möglich wird dies durch das Projekt Lesewert.

Dozent Tobias Wolf schult die Testleser im Pressehaus Stuttgarte. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Dozent Tobias Wolf schult die Testleser im Pressehaus Stuttgarte. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Wie gefällt unseren Lesern die Zeitung? Was lesen sie am liebsten? Fragen, die bisher nur eingeschränkt mit Hilfe von Leserbriefen, E-Mails und Anrufen zu beantworten waren. Unsere Redaktion will es nun aber genauer wissen und startet heute das Projekt Lesewert. Es dauert drei Monate.

Die Idee: Täglich erfahren, wie die Zeitung den Lesern gefällt

Mehr als 250 Redakteure und Gestalter unserer Zeitung geben täglich ihr Bestes, um Hunderttausenden von Lesern eine spannende, informative, unterhaltende und hilfreiche Zeitung zu bieten. Doch wie kommen die Beiträge beim Leser an? Das erfahren Redakteure durch Leserzuschriften und Anrufe, aber keinesfalls täglich und für jeden Artikel. Dafür müsste man Lesern „über die Schulter schauen“ können. Deshalb wurde die Methode „Lesewert“ entwickelt.

Das Prinzip: Einen Messwert für jeden gelesenen Text

Das Prinzip ist ganz einfach. Eine Gruppe von Abonnenten liest ihre Zeitung genauso wie bisher auch. Dazu bekommen sie nun aber einen elektronischen Stift. Immer, wenn sie mit dem Lesen eines Artikels fertig sind, markieren sie mit dem Stift die Zeile, an der sie aufgehört haben, den Text zu lesen. Der Stift scannt diese Zeile ein, speichert sie und überträgt sie an ein ebenfalls den Teilnehmern zur Verfügung gestelltes Mobiltelefon. Über die Handyverbindung wird diese Information zur Redaktion gesendet, wo die Messwerte aller Teilnehmer zusammengerechnet und den Zeitungsartikeln zugeordnet werden. Für das Projekt in Stuttgart wurde im März und Anfang April jeder der insgesamt rund 400 Testleser 90 Minuten lang geschult und mit dem Scanstift vertraut gemacht. Die offizielle Messwelle läuft vom 9. April bis zum 7. Juli 2018.

Das Ergebnis: Welche Artikel wurden am häufigsten und komplett gelesen?

Für jeden Artikel entsteht der sogenannte Lesewert. Er verrät den Redakteuren, welche Beiträge und Themen in der Zeitung besonders viele Leser interessiert haben. Aber der Lesewert kann noch mehr. Er sagt nämlich auch, wie sehr sich die Leser für das Thema interessieren, wie intensiv sie einen Text gelesen haben. So gibt es zum Beispiel Themen, die besonders viele Leser finden und von ihnen auch meist bis zum Ende des Textes gelesen werden. Es gibt auch Beiträge, auf die weniger Leser aufmerksam werden, von ihnen aber genauso intensiv und gern gelesen werden. Natürlich erfahren die Redakteure auch, wenn ein Beitrag mal nicht so gut beim Leser angekommen ist.

Die Erkenntnis: Täglich auf die Leser hören

Von der Politik bis zum Lokalen schauen sich alle Ressorts die Ergebnisse jeden Tag sorgfältig an und erfahren, welche Themen den Abonnenten besonders wichtig sind. Dieses Wissen hilft, eine noch bessere Zeitung zu machen. So werden zum Beispiel interessante Themen am nächsten Tag erneut aufgegriffen und bekommen mehr Platz in der Zeitung. Die Redakteure bleiben an den Geschichten dran und erzählen den Lesern, wie sie weitergehen. Welche Themen das sind, ist von Ort zu Ort, von Stadtteil zu Stadtteil unterschiedlich. Deshalb werden mithilfe der Leser verschiedene Lokalausgaben erforscht. Für die Arbeit der Redaktion ist diese tägliche Rückmeldung der Leser ein Gewinn. Die Redakteure werden einerseits in ihrem Engagement bestärkt, aus einer Flut von Informationen das herauszufiltern, was für die Leser wirklich wichtig ist, unverständliche und verschleiernde Sachverhalte zu erklären, Missstände aufzudecken und Probleme anzusprechen. Andererseits gibt es natürlich jeden Tag auch Überraschungen, die es den Redakteuren möglich machen, auf die Leserwünsche zu reagieren, wenn Leser signalisieren: „mehr davon“. Die Zeitungsmacher wissen zwar schon einiges. Zum Beispiel, wie wichtig den Lesern Texte sind, die erklären, was Entscheidungen aus Brüssel oder Berlin für sie konkret im Alltag für Konsequenzen haben. In Gesprächen signalisieren die Leser auch, dass ihnen eine gute Mischung wichtig ist. So werden kurze, knappe Nachrichten oft zuerst gelesen. Für große, besonders spannende Geschichten nehmen sich die Leser gern auch Zeit und legen sich diese manchmal sogar zur Seite, um sie Tage später noch zu lesen. Mit den täglichen Erkenntnissen aus Lesewert kann dieses Wissen nun noch deutlich erweitert werden. Bei all dem werden die Chefredaktion und die Ressorts aber weiterhin auch darauf achten, dass journalistische Kriterien berücksichtigt werden. Sprich: Wenn die Redaktion ein Thema für relevant hält, wird es angemessen im Blatt abgedruckt – auch wenn die Lesewerte nicht so hoch sind.

Die Entwicklung: Lesewert bundesweit im Einsatz

Das Projekt Lesewert wurde von der Sächsischen Zeitung entwickelt, die Lesewert bereits seit fünf Jahren im Einsatz hat. Und das mit Erfolg. So lesen die Leser bis zu 30 Prozent mehr Artikel pro Ausgabe – und sie lesen die Artikel intensiver. Das hat sich bei anderen Verlagen in Deutschland herumgesprochen. Zum Einsatz kam Lesewert unter anderem schon beim Magazin Der Spiegel, der Braunschweiger Zeitung, der Rhein-Zeitung, der Thüringer Allgemeinen, der Wormser Zeitung und dem Luxemburger Wort. Nun nimmt auch unsere Zeitung das Projekt in Angriff.

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