Janina Michl aus Büsnau hat ihr erstes Buch herausgebracht. In dem Roman schildert sie auch ihre eigenen Erfahrungen mit der Krankheit Bulimie.

Strohgäu: Annegret Jacobs (jac)

Es geht nicht ums Essen. Keine einzige Fressattacke beschreibt Janina Michl während der Lesung. Auch verliert sie kein Wort über den sich daran anschließenden Gang auf die Toilette, wo Iruka – die Hauptfigur ihres Romans – das, was sie in sich hineingestopft hat, über der Kloschüssel wieder von sich gibt.

An den vergangenen beiden Abenden hat Michl im Jugendhaus Vaihingen ihr Buch „Erst frisst sie dich auf – dann kotzt sie dich aus“ vorgestellt. Solche Schilderungen über „sie“ – die Bulimie - kämen natürlich auch im Buch vor, sagt die 19-Jährige aus Büsnau, „aber aus der Lesung habe ich sie bewusst herausgelassen“. Auch wenn man unter Bulimie, der Ess- und Brechsucht, eben das Zusammenspiel aus Heißhungerattacken und absichtlich herbeigeführtem Brechen verstehe: „Das sind nur die Symptome“, sagt Michl. Der Auslöser der Krankheit liege, wie für jede Sucht, woanders. Nämlich in dem unerfüllten Wunsch, glücklich zu sein, sich selbst akzeptieren zu können.

Erst im Schmerz findet sie Erleichterung

Deswegen steigt Janina Michl in den Roman über Iruka, eine 16-jährige Schülerin, die ein scheinbar normales Leben führt, anders ein: Sie liest einen Abschnitt über einen der Wutausbrüche vor, die die Hauptfigur des Romans oft heimsuchen. In berührenden Bildern erzählt Michl, wie Iruka die Musik so aufdreht, dass sie fürchtet, taub zu werden – aber erst durch den Schmerz Erleichterung findet. „Wahrnehmung von Körper und Sinnen – gelöscht.“

Der nächste Wutausbruch kommt wenig später in der Mathestunde. Es ist keine befreiende Wut, die verrauchen kann. Irukas Wut lodert beständig auf, frisst Energie und lässt als Resultat nur Mattigkeit zurück. Die Schülerin düpiert aus Wut darüber, dass sie sich durch ihre Umwelt überfordert fühlt, ihre beste Freundin, rennt verzweifelt aus dem Klassenzimmer. „Versuche, mich aus der Gegenwart auszuklinken. Alles wird zu viel.“

„Ihr fragt euch bestimmt, was das mit Bulimie zu tun hat“, wendet sich Michl zwischendurch an die Zuhörer. Sie gibt sich selbst die Antwort: „Alles!“ Denn im weiteren Verlauf der Lesung wird klar, dass die Gründe für Irukas Wut in ihrer eigenen Hilflosigkeit liegen. Bereits mit dem Aufstehen beginnt der tägliche Gedankenkrieg. Was ist gut, was ist schlecht? Für die Schülerin ist nichts mehr klar, alles unsicher. Ein schlanker, sportlich gestählter Körper – so scheint es ihr – könnte der Ausweg aus diesem Meer der Zweifel sein. Denn wer schlank ist, scheint glücklich. „Ich will doch nur glücklich sein“, denkt Iruka immer wieder.

Iruka ist nicht Janina

Iruka sei nicht Janina, das betont die 19-jährige Autorin. Dennoch habe sie viel aus ihrer eigenen Biografie als Grundlage für den Roman genommen. Nicht für den Handlungsverlauf, wohl aber für das Thema: die Zweifel, das Verstecken der Krankheit, den Hass auf sich selbst. Mit 13 Jahren sei sie magersüchtig geworden, schildert Michl, danach kam die Bulimie. Foren im Internet waren ihr eine Hilfe, mit 16 Jahren wieder aus der Krankheit herauszukommen. Mit Unterstützung ihrer Eltern beendete sie die Schule nach der zwölften Klasse, seitdem schreibt Michl und macht eine Ausbildung zur Reitlehrerin. Die Spuren der Krankheit sieht man ihr nicht an. Auf der Bühne im Jugendhaus liest eine sympathische und reif wirkende junge Frau. Doch die Erfahrungen, die sie in die Krankheit geführt haben, hat Michl nicht vergessen. „Es ist heute schwer, zu sagen: Ich kann das nicht“, übt sie Kritik an gesellschaftlichen Zwängen. „Erst wenn man eine Depression oder Bulimie hat, darf man Stopp sagen.“