Lesung von 18 Bürgern im Leonberger Pomeranzengarten Gute-Nacht-Geschichten entdecken Langsamkeit

  Foto: Simon Granville/Simon Granville

Ein lauschiges Plätzchen, gute Literatur, nette Leute: Das ist und bleibt in Leonberg eine Erfolgsgeschichte und trotzt jeder Schnelligkeit und Digitalisierung. Das gelesene Wort wird gefeiert.

Mit einem „Guten Abend – schon, gute Nacht noch lange nicht“, begrüßt Gudrun Sach die Besucherinnen und Besucher im Leonberger Pomeranzengarten zum Abschlussabend der „Gute-Nacht-Geschichten“, liest selbst vor und führt durch den Abend. 18 Bücher haben Literaturbegeisterte an sechs Abenden vorgestellt und alle Lesungen der stimmungsvollen Abendlektüre waren sehr gut besucht. So auch dieses Mal, trotz zahlreicher Veranstaltungsalternativen.

 

Die wenigen im Pomeranzengarten vorhandenen Sitzgelegenheiten und Liegestühle sind schnell belegt, viele sitzen auf Treppenstufen, auf Mauern oder stehen angelehnt an der Brüstung des Brunnens. Die Stammgäste kennen das schon, am besten ist es, man bringt sich seine Sitzgelegenheit selbst mit. Und so tummeln sich hier Drei-Bein-Klappstühle, Camping-Faltstühle, Garten-Klappstühle oder Hocker als Sitzgelegenheiten rund um den Brunnen, im Laubengang und zwischen den Blumenbeeten. Die Gäste genießen die Stimmung im Pomeranzengarten, viele kennen sich untereinander, in den zwei Pausen lustwandeln sie und kommen bei einem Glas Wein ins Gespräch. Für kühle Getränke sorgt in diesem Jahr der neue Gastronomiebetrieb am Marktplatz, „Zweitwohnung“.

Esther Deuble liest aus Paus Watzlawicks „Anleitung zum Unglücklichsein“. Foto: Simon Granville

Noch bis kurz vor der Veranstaltung ist nicht klar, ob sie angesichts der Wettervorhersage tatsächlich im Pomeranzengarten stattfinden kann oder in die Stadtkirche verlegt werden muss. Das war am Vorabend der Fall, doch in der Kirche ist die Stimmung eine ganz andere, wie die Fans des Pomeranzengartens feststellen. „Hier im Garten können wir flanieren, die Freiflächen fühlen, das macht die besondere Atmosphäre aus. Aber die Stadtkirche ist auf jeden Fall eine wirklich sehr gute Ausweichmöglichkeit bei Regen“, sagt die Besucherin Lucie Neumann. Doch als kurz vor der dritten Lesung dunkle Wolken am Horizont aufziehen, wird die letzte Pause deutlich verkürzt und mit dem Ende der Lesung von Jürgen Frank, der Sten Nadolnys „Die Entdeckung der Langsamkeit“ vorstellt, fallen die ersten Regentropfen. Punktlandung also für eine sehr gelungene Veranstaltungsreihe in dieser besonders idyllischen Renaissance-Gartenanlage mitten in Leonbergs Altstadt.

Esther Deuble liest Watzlawick. Foto: Simon Granville

Die Hauptfigur in Sten Nadolnys Bestseller aus dem Jahr 1983 ist der englische Kapitän und Polarforscher John Franklin, der wegen seiner Langsamkeit Schwierigkeiten hat, mit der Schnelllebigkeit seiner Zeit Schritt zu halten, aber schließlich doch aufgrund seiner Beharrlichkeit und Sorgfalt zu einem großen Entdecker wird. Was zunächst als Nachteil erscheint, erweist sich als großer Vorteil. Das Thema Entschleunigung des Lebensstils ist heute mehr denn je aktuell. Jürgen Frank liest vollständig „Kopenhagen 1801“, das fünfte Kapitel des Werkes, das Nadolny 1980 bereits vor der Veröffentlichung des Romans bei einem Autorenwettbewerb eingereicht und damit den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat. Mit der Lesung des preisgekrönten Textes schließt sich für Gudrun Sach der Kreis zum ersten Abend der Gute-Nacht-Geschichten, als Nicole Bender und Eugen Bässle aus einem Briefwechsel zwischen dem Liebespaar Ingeborg Bachmann und Max Frisch vorgelesen haben.

Gudrun Sach selbst hat sich für das ebenso unterhaltsame wie tiefsinnige Werk „Liebe in Zeiten des Hasses“ von Florian Illies entschieden. Es ist eine „Chronik eines Gefühls 1929-1939“, wie der Untertitel verrät. Illies erzählt durch die Augen bekannter Liebespaare die Geschichte der goldenen Zwanziger, die 1933 abrupt enden, bis hin zu der dunkelsten Zeit deutscher Geschichte. Mehr als 300 Personen kommen in Illies Buch vor, weshalb Gudrun Sach die Notwendigkeit sieht, sich bei ihrer Lesung auf eine Zeitfigur zu konzentrieren. Sie wählt Erich Kästner. Bekannt ist er durch „Das Fliegende Klassenzimmer“ oder „Emil und die Detektive“, weniger bekannt ist, dass Kästner 1933 der Verbrennung seines von den Nationalsozialisten verbotenen Romans „Fabian“ beigewohnt hat. Unbekannt sind sicher auch seine zahlreichen Frauenbekanntschaften.

Über Erich Kästners Frauenbekanntschaften

Auch lesenswert, wenn auch sprachlich für eine Lesung sehr anspruchsvoll, sind die Auszüge, die Esther Deuble aus der „Anleitung zum Unglücklichsein“ von Paul Watzlawick vorträgt. Es ist ein ironisches Gegenstück zur Ratgeberliteratur und zeigt satirisch unsere menschlichen Schwächen auf.

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