Das Leben auf der Straße ist hart. Foto: Lorenz/StZN
Er lebt in Stuttgart auf der Straße und weiß, dass er zu Gewalt neigt – und selbst gefährlich lebt. Doch den Absprung zu schaffen fällt ihm schwer. Ist ihm noch zu helfen?
Stuttgart Auf seinen Fingernägeln sind noch die Reste eines grünen Filzstifts zu sehen. Im Frust, als die Wut irgendwohin musste, hat er sie bemalt. „Meine Zündschnur“, sagt er, „ist die Jahre über immer kürzer geworden“. Er weiß selbst: Wenn ihn jemand provoziert, „kann es sein, dass ich von null auf 2000 gehe“. Bernd, 46, sitzt am Paulinenbrunnen, ein wenig abseits von seinen Kumpeln, die unter der Stuttgarter Paulinenbrücke zusammenstehen. Er heißt in Wirklichkeit anders. „Wenn ich ehrlich bin“, sagt er, „dann habe ich heute schon eine halbe Flasche Wodka getrunken“. Es ist halb elf am Morgen. Die Herbstsonne scheint ihm ins Gesicht. Nachts wird es jetzt kalt. Ab und zu zieht er seine Mütze zurecht. Am Ringfinger der linken Hand stecken zwei Ringe. Jeweils von guten Freundinnen. Die Schmuckstücke sind eigentlich zu klein. Fest umschließen sie das Fleisch. „Mit ein bisschen Creme kriege ich die schon ab“, beruhigt er.
Um Festhalten und Loslassen dreht sich vieles in Bernds Leben. Und so beschreiben die vielleicht 20 Meter räumlicher Abstand zu den anderen ungewollt Bernds Dilemma. Eigentlich wohnt er jetzt seit ein paar Tagen in einem eigenen Zimmer. Er gerät fast ins Schwärmen, wenn er davon erzählt. Hell, groß, mit schönem Boden und nur für ihn allein befindet es sich in einer Unterkunft im Stuttgarter Süden. Eigentlich die Erfüllung eines Traums. Aber das Leben auf der Straße kann er nicht so einfach aufgeben. Denn „hier sind meine Jungs, die ich seit 20 Jahren kenne. Ich bin ja jeden Tag hier, seit ich in Stuttgart bin“. Bernd befindet sich in einem Loyalitätskonflikt. Zusammen kriegen sie immer etwas hin. Ein Essen auf dem Gaskocher etwa. Lange waren sie einander die Überlebensversicherung. Und gleichzeitig weiß er: das Zimmer ist seine letzte Chance, sein Leben wieder in die Spur zu bekommen. „Wenn ich’s jetzt verkacke, dann ist es vorbei“.
Aggressionen bekämpfen
Mehrere Anti-Aggressiontrainings liegen hinter ihm. Eine Liste mit Dingen, die er fortan nicht mehr tun will, hat er. Zuschlagen und unerlaubt Leute in sein Zimmer zu holen, gehören dazu. Zu oft musste er wegen seiner kurzen Zündschnur dort wieder ausziehen, wo ihn Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen untergebracht hatten. Hinter Bernd liegt ein 18-monatiges Intermezzo im Knast. Weil er zugehauen und geklaut hat, Bußgelder nicht bezahlen konnte. Die Strafen addierten sich. Seit er aus der Haft wieder draußen ist, ist er einer der 60 Klienten, die das Projekt Stabil der Sozialberatung Stuttgart in den zurückliegenden vier Jahren engmaschig begleitet hat und noch begleitet. „Wir sind auf Menschen ausgerichtet, die massiv durch Gewalt in der Wohnungsnothilfe auffallen“, erklärt Karin Sailer, Teamleiterin im Fachbereich Straffälligenhilfe. Sprich: auf Menschen mit gleich mehreren Hausverboten. Die, die dann manchmal nicht ganz freiwillig in Bankvorräumen, Unterführungen oder an anderen Orten einen warmen und trockenen Ort für die Nacht suchen. Dort fallen sie auf und stechen ins Auge.
Risikoanalyse ist wichtig
Für jeden Klienten erstellen sie bei Stabil eine detaillierte Risikoanalyse, tauchen in deren Lebensgeschichte ein. Dazu können auch psychiatrische Gutachten und Gerichtsurteile gehören. Es geht dabei darum, herauszufinden, wer eine Gefahr für sich selbst ist – und eben auch für andere. Mit dieser Transparenz versuchen sie einen letzten Anlauf, einen Platz in einer Unterkunft zu finden. Die Besonderheit: die Projektmitarbeiter- und -mitarbeiterinnen bleiben Ansprechpartner für ihre Klienten, sind weiter zuständig. Und die Heime, die einen Platz anbieten, wissen genau, wer einzieht.
Die Arbeit ist zeitintensiv. Aber sie wird immer wichtiger in Zeiten, in denen die Zahl der Menschen wächst, die von Armut, Obdachlosigkeit und psychischen Problemen betroffen sind und so in einem fatalen Teufelskreis geraten können. Kommt es dann zu Übergriffen oder Gewalt gegen Unbeteiligte oder auch das Personal in Unterkünften der Wohnungsnotfallhilfe, steht in der Regel die Frage im Raum, warum niemand vor einer Gewalttat eingeschritten sei. Genau das versucht das Stabil-Team. So ist dessen Arbeit auch ein Beitrag zur Sicherheit und dem Sicherheitsgefühl in der Stadt. Allerdings läuft das Projekt zum Jahresende aus. Der Gemeinderat muss nun entscheiden, ob es eine Verlängerung findet.
„Die Menschen“, sagt Holger Weiß „wollen so ja auch nicht leben. Sie wollen eine Perspektive haben. Das Leben auf der Straße ist Stress pur.“ Mit nur wenig Geld, einer multiplen Suchterkrankung, einem offenen Abszess an beiden Beinen wie bei Bernd, die regelmäßig medizinisch versorgt werden müssen. Die Reihe ließe sich fortsetzen. „Straße ist gefährlich und richtig hart“, sagt Karin Sailer. Erst jüngst hat eine Anfrage der Linken im Bundestag erbracht, dass die Gewalt gegen Obdachlose zugenommen hat.
Hohe Hürden für Unterbringung
Aber auch das gehört zur Wahrheit. Ein Mensch in psychischer Ausnahmesituation kann zur Gefahr für andere Unbeteiligte werden. Manchmal schalten sie bei Stabil dann auch das Ordnungsamt ein. In solchen Fällen geht ein Arzt mit der Polizei vor Ort, um zu entscheiden, ob jemand in die Psychiatrie eingewiesen werden muss. Dafür braucht es allerdings dann einen Beschluss des Amtsgerichts auf Basis des Psychischkranken-Hilfe-Gesetzes (PsychKHG). Bis zum Ablauf des übernächsten Tages muss eine Entscheidung gefällt werden, erklärt Susanne Heerdt. Sie leitet die Abteilung am Amtsgericht Stuttgart, die unter anderem für Unterbringungen zuständig ist, und entscheidet auch auf Basis eines ärztlichen Gutachtens, ob eine Eigen- oder Fremdgefährdung vorliegt. Denn für eine Unterbringen gibt es hohe Hürden. Es muss eine „erhebliche Gefahr für die Rechtsgüter anderer vorliegen“, zitiert Heerdt aus dem Gesetz. Im Gesetzeskommentar wird erklärt, was sich dahinter verbirgt. Aggressive und sexuelle Übergriffe nämlich und Misshandlungen. Im Fall von Beleidigungen, Beschimpfungen und nächtlichen Ruhestörungen sei die Voraussetzung für eine Unterbringung besonders sorgfältig nach dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz zu prüfen. Manchmal muss dann das störende und angst machende Verhalten „von den anderen Menschen ertragen werden“. Die meisten Unterbringungen, sagt Heerdt aus langjähriger Erfahrung, beträfen aber nicht obdachlose Menschen.
Experte fordert: Früh deeskalieren
Auch Klaus Obert, der lange Jahre den sucht- und sozialpsychiatrischen Dienst der Caritas in Stuttgart geleitet hat, verweist auf die Gesetzeslage, „die Selbstbestimmung und Autonomie“ des Patienten. Und die habe sich in Richtung der Patientenrechte verschoben. Der promovierte Sozialwissenschaftler beschreibt ein Dilemma: „Unterbringungen in der Psychiatrie sind schwieriger geworden“ – und gleichzeitig überträgt sich das steigende Gefühl allgemeiner Verunsicherung auch auf die Menschen, die auf der Straße leben. Entschärfen ließe sich die Situation aus seiner Sicht durch ein ausreichendes Angebot, durch das Menschen in psychischen Ausnahmesituationen vor Ort behandelt werden. Das A und O für dieses niederschwellige Angebot seien aber ausreichende Ressourcen – sowohl finanzieller als auch personell.
Überleben auf der Straße Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Das Gespräch mit Bernd hatte einen langen Vorlauf. Kaum einer der Stabil-Klienten ist in der Lage oder hat Lust, über seine Situation zu reden. Für alle Gespräche gilt auch für die Mitarbeiter, auf ihre eigenen Sicherheit zu achten. Und dann kommt es auch noch auf die Tagesform an, ob jemand zum vereinbarten Termin erscheint oder am verabredeten Treffpunkt kommt. Bernd war dann doch an einem anderen als dem vereinbarten Ort. Durch Vermittlung einer Streetworkerin kam es dann doch zur Begegnung.
Brennender Schlafsack
Bernd ist an dem Punkt, an dem er selbst etwas ändern will. Er hat gezeltet in Stuttgart, auf einem Sofa unter einer Treppe gelebt. Seine Schlafsäcke wurden angezündet, die Zelte zerstört und das Sofa wurde abtransportiert. Und beklaut wurde er auch immer wieder. Auch Dinge, an denen Erinnerungen hingen, hat er so verloren. „Immer wieder baust du dir was auf, und dann . . .“. Er spricht den Satz nicht zu Ende. „Ab 30 ging’s schief“ in seinem Leben. „Manchmal ging es dann wieder ein paar Stufen hoch“, sagt er , „und dann kommt dir irgendwas in deinem Leben wieder quer.“ Menschen wie er seien irgendwie anders als die Normalos, wie er sie nennt. „Die haben alle irgendetwas erlebt mit ihrer Familie, in der Kindheit und so.“ Etwas auszuhalten oder etwas durchzuziehen, sei schwierig. „Ohne Stabil wär ich schon längst wieder im Knast“, sagt er.
Drogen und Alkohol bestimmen Bernds Leben. Nach zwei Rückfällen in einer Entzugseinrichtung landete er auf der Straße. „So hat es angefangen“. Sein bürgerliches Leben mit Arbeit und regelmäßig Boxen, Schwimmen und Krafttraining war ihm da endgültig abhanden gekommen. Die Kindheit davor beschreibt er als eine voller Gewalterfahrungen. „Ich habe immer nur auf die Fresse bekommen, weil ich zu faul war.“. Die Oma habe sich gekümmert. Mit 16 sei er dann auf eigenen Wunsch ins Internat gekommen. Den Realschulabschluss habe er dort gemacht. Automechaniker und Maurer gelernt. Dann Bundeswehr. „Ich bin jetzt knapp 50. Keine Ahnung, ob ich noch mal eine Chance bekomme in meinem Leben. Ich will es auf jeden Fall versuchen.“ Und wenn es nur ein Minijob ist. Da ist er realistisch.
Geduld ist wichtig
„Die Biografien zeigen alle die Erfahrung von Bindungsabbrüchen. Da ist ein verlässlicher Sozialarbeiter an der Seite wichtig“, sagt Holger Weiß. Karin Sailer berichtet davon, dass vor ihrem Urlaub manche Klienten fragen, ob sie auch wirklich wiederkomme. Das zeigt die Bedeutung der festen nicht wechselnden Unterstützungsbeziehung. Das ist für viele wohl eine überraschende Erfahrung. Für die ist allerdings manchmal jede Menge Geduld nötig – mit abgebrochenen und wieder begonnenen Gesprächen. „Wir ergreifen jedes Strohhälmchen“, sagt Sailer. Aber es gehört eben auch dazu, an die eigene Sicherheit zu denken. „Ich überlege schon, ob mir mein Gegenüber den heißen Kaffee ins Gesicht kippt“. Solche Überlegungen „sind Alltag bei uns im Team“, sagt Holger Weiß, „weil wir alle mit schwierigen Menschen zu tun haben“.
Bernd muss nach einer knappen Stunde wieder los. Er wird unruhig, seine Konzentration ist aufgebraucht. „Ich muss mir jetzt was besorgen“, sagt er. Er zieht den Geldbeutel raus. Der ist leer. Er schaut zu seinen Kumpeln rüber. „Mal schauen“, sagt er, „vielleicht hat einer von denen was“.