In Warnweste steht Raul Semmler neben dem Absperrrad des Notventils einer Ölpipeline, er hat sich angekettet und eine Sonnenblume danebengelegt. Das Foto zeigt Semmler, nachdem er das Ventil einer Leitung in Mecklenburg-Vorpommern zugedreht hat, eigentlich dürfte er es wegen einer Unterlassungserklärung gar nicht mehr verbreiten. Aber Semmler hat Widerspruch eingelegt, er wolle sich nicht mundtot machen lassen, sagt er. Schließlich gehe es um das Recht auf Leben, genauer: um die „unwiederbringliche Zerstörung unserer Lebensgrundlagen durch fossile Brennstoffe“.
Semmler, 38 Jahre alt, Schauspieler aus Heidelberg, ist Klimaaktivist der Letzten Generation. Die Gruppe hat mit Aktionen wie Hungerstreiks, Straßenblockaden und dem Abdrehen von Ölpipelines in den vergangenen Monaten immer wieder Aufmerksamkeit erregt – und Ärger. Während es seit Pandemiebeginn ruhiger geworden ist um Fridays for Future und nur noch wenige Schulstreiks stattfinden, machen radikalere Klimagruppen Schlagzeilen.
Bei Fridays for Future werden die Aktionen auch mit Sorge betrachtet
In der Klimabewegung wird über die Aktionen kontrovers diskutiert. In einem internen Positionspapier von Fridays for Future werden die Straßenblockaden und ein „erpresserischer Ansatz“ der Letzten Generation kritisiert. „Die Frage, ob die Aktionen der Sache nicht eher schaden, ist ein Diskussionspunkt“, sagt ein Fridays-for-Future-Aktivist aus dem Südwesten. Einige in der Bewegung haben wohl die Sorge, dass viele in der Bevölkerung sich verärgert abwenden. „Manche von uns finden auch: Man kann die Leute nicht dazu zwingen, was zu verändern, wenn sie selbst noch nicht dazu bereit sind“, berichtet Judith Scheytt, 15, die bei Fridays for Future Stuttgart aktiv ist.
Doch es gibt in der Bewegung auch Sympathien für Gruppen wie die Letzte Generation oder Ende Gelände, vereinzelt überschneiden sich die Mitglieder auch. „Es braucht radikale Aktionen, solange sie gewaltfrei bleiben“, findet Schülerin Judith Scheytt. In ihrem Umfeld würden das viele so sehen: als eine Ergänzung zur Bewegung Fridays for Future, die es nun schon seit bald vier Jahren gibt. Passiert ist in Sachen Klimaschutz aus Sicht von Judith Scheytt und anderen aber viel zu wenig. „Sogar im Gegenteil“, sagt die 15-Jährige und verweist auf aktuelle Bemühungen der Bundesregierung, neue Lieferanten für fossile Energien wie Erdgas zu finden. „Sehr viele in der Bewegung sind frustriert, manche sind richtig verzweifelt.“ Einige wenige nehmen deshalb sogar rechtliche Konsequenzen für Aktionen wie Straßenblockaden in Kauf.
Bei Fridays for Future setzt man weiter auf Straßenproteste
Klar scheint aber: Man will bei Fridays for Future selbst nicht auf radikalere Protestformen setzen. „Ich bin minderjährig – meine Mutter würde nicht wollen, dass ich bei Straßenblockaden mitmache“, sagt Judith Scheytt. Eltern sollen ihre Kinder ohne Bedenken zu Fridays for Future schicken, man braucht auch die Unterstützung der breiten Masse – das steckt dahinter. Die Bewegung setzt deshalb weiter auf große Straßenproteste, auch wenn längst nicht mehr so viele Menschen kommen wie etwa noch im September 2019. Über andere Ideen wird trotzdem nachgedacht – sie wirken gegen die Aktionen radikalerer Gruppen allerdings fast brav. „Wir wollen noch mehr auf Zusammenarbeit zum Beispiel mit Gewerkschaften oder Kirchen setzen“, sagt Scheytt. Auch Podiumsdiskussionen, Vorträge bei Unternehmensversammlungen oder Gespräche mit Chefs aus der Wirtschafts- und Finanzwelt spielen eine Rolle. Ein weiteres Mittel, das vielen vielversprechend scheint: Klimaklagen.
In Politik und Öffentlichkeit gibt es an radikalen Protestaktionen viel Kritik. Autobahnblockaden seien schwere Rechtsverletzungen, die man nicht rechtfertigen könne, sagte der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) bereits im Frühjahr. Auch der renommierte Klimaforscher Mojib Latif übte Kritik: „Diese sehr radikalen Gruppen – und damit meine ich nicht Fridays for Future, das viel bewirkt – meinen, dass sie aus hehren Zielen heraus so agieren dürfen, aber das stimmt nicht“, sagte Latif kürzlich der „Welt am Sonntag“. Vielmehr könnten solche Aktionen eine Spaltung der Gesellschaft befördern: „Der Zweck heiligt auch hier nicht die Mittel, gerade weil das angestrebte Ziel so viel schwerer zu erreichen ist.“ Im Netz wird auf den Schaden für Wirtschaft und Arbeitsplätze verwiesen, in Beiträgen über Straßenblockaden sind Menschen zu sehen, die auf dem Weg ins Krankenhaus nicht weiterkommen.
Es gibt auch Verständnis für radikalere Aktionen
Es kommt aber auch Zuspruch für radikale Aktionen – von teils ungewöhnlicher Seite, etwa von Pfarrern oder Pfarrerinnen. „Es macht mich fassungslos, dass die Stimme der jungen Generation zum Thema Klimaschutz so wenig gehört wird“, sagt Cornelia Eberle, evangelische Pfarrerin in Reutlingen. Eberle steht kurz vor dem Ruhestand und engagiert sich selbst seit Langem für den Klimaschutz. Gerade hat sie Fortbildungsangebote für Kitaeltern zum Energie- und Kostensparen zusammengestellt. Titel: „Aus Liebe zu unseren Kindern: Wir tun etwas für Klimaschutz und Weltfrieden“. Viele Forderungen, die die Klimabewegung heute stellt, kennt Eberle aus ihrem Studium in den 80ern.
„Ich verstehe die Verzweiflung darüber, dass unsere Gesellschaft immer noch so tut, als wäre der Klimawandel eine Lappalie – und ich verstehe, dass diese Leute einfach etwas verändern wollen“, sagt die Pfarrerin. Sie habe Aktivistinnen und Aktivisten von radikaleren Gruppen innerhalb der Klimabewegung immer als sehr reflektiert und integer erlebt und als tief betroffen. „Vielleicht braucht es – neben vielen kleinen Schritten – wirklich auch radikalere Mittel wie Hungerstreiks“, sagt Eberle.
In der kommenden Zeit wird es wieder mehr Straßenblocken geben. „Wir haben gesehen, dass die Pipeline-Aktionen nicht genug in der Mitte der Gesellschaft waren und die Regierung sie leichter ignorieren konnte“, sagt Raul Semmler von der Letzten Generation. „Deswegen müssen wir auf den Straßen in der Mitte der Gesellschaft stören.“
Globaler Klimastreik am 23. September
Protest
Für den 23. September ruft Fridays for Future wieder zu einem globalen Klimastreik auf. Das Motto: #PeopleNotProfit. Gemeint ist damit die Forderung, menschliches Wohlbefinden und die Wahrung von Lebensgrundlagen über finanzielle Profite zu stellen.
Kritik
Während Klimakatastrophen „immer stärker und häufiger vorkommen, wird nicht nur die Klimakrise zu langsam bekämpft, sondern es finden teils enorme Rückschritte durch den Wiedereinstieg in fossile Energien statt“, heißt es in einer Ankündigung.