Ein Samstagmorgen in Bietigheim-Bissingen, in der Diakoniestation im Stadtteil Buch. Von draußen schickt der Herbst noch ein paar wärmende Strahlen durch die Fenster. Im Seminarraum sitzen 17 Menschen im Kreis, 15 Frauen und zwei Männer mit Blöcken und Stiften auf dem Schoß. Sie wollen von Magdalene Dengel und Dorothee Blank, der zweiten Kursleiterin, etwas über den Tod lernen. Darüber, wie man ihn für den Vater, den Ehemann, die gute Freundin oder Schwester vielleicht ein bisschen leichter macht – und sicherlich auch für sich selbst. Der Resonanzboden für den Kurs ist das Hospiz, das neben der Diakoniestation liegt: „Wundern Sie sich nicht, wenn der Leichenwagen vorfährt, heute Nacht ist jemand gestorben“, sagt Magdalene Dengel gleich zu Beginn.
Seit ein paar Jahren erst gibt es diese Letzte-Hilfe-Kurse. Die Idee dazu hatte der dänische Palliativmediziner Georg Bollig. Er will damit Laien erreichen. Der Letzte-Hilfe-Kurs ist eine Art Crashkurs über das Sterben. Vier Themenfelder in vier Stunden, vermittelt mit Beamer und Flipcharts, in Schaubildern und mit praktischen Übungen. Dazwischen bleibt Raum zum Erzählen und Ins-Gespräch-Kommen. Jeder Teilnehmer bringt seine eigene Geschichte mit, auch an diesem Tag.
Der Tod als Tabu
Da gibt es die junge Frau, die in der Verwaltung eines Krematoriums arbeitet, und den Ingenieur, der sich mit den großen Fragen des Lebens auseinandersetzen will. Es gibt die Physiotherapeutin, die sich in der Rente vorstellen kann, todkranke Kinder zu begleiten, und das Ehepaar, das sich um die dementen Eltern kümmern muss. Es gibt die Mutter eines behinderten Kindes und die Ehefrau, die sich nicht getraut hat, ihrem kranken Mann zu erzählen, wohin sie heute geht, weil der Tod ein Tabu zwischen ihnen ist. Der Tod und das Schweigen darüber, auch das wird heute noch ein Thema sein.
„Ich will mich vorbereiten“ und „Ich will es das nächste Mal besser machen“ sind Sätze, die in der Vorstellungsrunde immer wieder fallen. Die meisten Teilnehmer haben schon einen wichtigen Menschen verloren und sich hilflos gefühlt. Auch Ute Vogt ging das zweimal so: als ihr Vater vor 20 Jahren starb und beim Tod ihrer Schwester vor vier Jahren. Beide Male traf der jähe Abschied die so robust wirkende Frau unvorbereitet. „Ich habe es einfach nicht kommen sehen“, sagt die 55-Jährige. Bei ihrer Mutter, die 85 Jahre alt ist, soll, ja muss es anders laufen, wenn es einmal so weit ist.
Magdalene Dengel, die ausgebildete Palliativpflegekraft, und Dorothee Blank, die ehrenamtlich im Hospiz arbeitet, wollen der Hilflosigkeit die Aufklärung entgegensetzen, den Tod aus seiner angstbesetzten Tabuecke holen. Und so ist der Kurs eine Mischung aus Praxis und Philosophie, aus Zahlen und Zuständen, aus aufmerksamem Zuhören und schmerzlichem Erinnern. Da geht es um Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten, um Morphine und Neuroleptika, um Anlaufstellen und Angebote für Angehörige. Man erfährt den Unterschied zwischen Brückenpflege, ambulantem Palliativdienst und ehrenamtlicher Hilfe, aber auch, wie viel ein Hospizplatz kostet (420 Euro pro Tag) und wer ihn bezahlt (95 Prozent die Kasse, fünf Prozent der Träger).
Wann beginnt der Sterbeprozess?
Immer wieder führen die Kursleiterinnen ihre Zuhörer gedanklich an ein Krankenbett, erklären zum Beispiel, woran Angehörige erkennen können, dass der Sterbeprozess begonnen hat: etwa wenn der Kranke nichts mehr isst, sich zurückzieht, die Extremitäten kalt werden, weil das Blut in die Körpermitte fließt. Aber sie machen auch klar, dass mehr als jeder Zweite, der dort liegt, im Krankenhaus stirbt und nur jeder Vierte zu Hause. Dabei würden es sich die Menschen andersherum wünschen.
Dass sich das ändert, dafür setzt sich die Palliativ- und Hospizbewegung seit Jahrzehnten ein. Ursprünglich aus England kommend, hat sie sich ab den 80er Jahren auch in Deutschland etabliert. Sie betrachtet den Tod als Teil des Lebens. Ihr Ziel ist es, den Kranken ein schmerzfreies, möglichst autonomes Ende in ihrer vertrauten Umgebung zu ermöglichen. Dabei unterstützt ein Netz aus Fachkräften und Ehrenamtlichen die Patienten und ihre Angehörigen.
243 ambulante Hospizdienste und 33 stationäre Hospize gibt es in Baden-Württemberg. Dazu kommen 41 Palliativstationen in Krankenhäusern und 35 der sogenannten SAPV-Teams (spezialisierte ambulante Palliativversorgung). Im stationären Bereich sei das Land gut versorgt, sagt Petra Bechtel vom Hospiz- und Palliativverband Baden-Württemberg: Nach Zahlen der Diözese Rottenburg-Stuttgart rechnet man einen Platz für 50 000 bis 60 000 Menschen. Diese Quote sei in Ballungsräumen teilweise mehr als erfüllt, sagt Petra Bechtel. Ausgebaut werden müsse hingegen die ambulante Versorgung. Damit Menschen zu Hause sterben können, brauche es ausreichend viele SAPV-Teams, die 24 Stunden erreichbar sind. „Auch die ambulanten Pflegedienste brauchen mehr finanzielle Unterstützung für die palliative Versorgung von Patienten zu Hause“, sagt Bechtel. Gefordert sind hier Politik und Krankenkassen.
Gefrorenen Sahnehäufchen zum Naschen
„Viele Angehörige wissen gar nicht, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt und wohin sie sich wenden können“, sagt Petra Bechtel. Das Nichtwissen und die Überforderung führten dazu, dass zu schnell der Krankenwagen gerufen werde. Die Letzte-Hilfe-Kurse sind deshalb ein Angebot, diese Wissenslücke zu schließen. Der Landesverband setzt auch schon früher an. Mit dem Programm „Hospiz macht Schule“ wendet er sich beispielsweise an Kinder im Grundschulalter.
Es ist Nachmittag geworden in Bietigheim-Bissingen. Nach einer Kaffee-Brezel-Pause fährt Magdalene Dengel das Kästchen mit den Flaschen vor, die Kursteilnehmer packen die grünen Mundpflegestäbchen aus Schaumstoff aus. „Tauchen Sie das Stäbchen in Wasser und fahren Sie damit die gesamte Mundhöhle aus“, erklärt Dengel und jeder probiert es bei sich selbst aus. Statt Wasser könne man auch Getränke nehmen, die der Kranke gern mochte, oder verschiedene Öle. „Alles außer Motorenöl“, sagt Magdalene Dengel. „Außer es steht in der Patientenverfügung“, scherzt ein Teilnehmer und alle lachen. Der praktische Teil ist auch eine Lockerungsübung für die Runde. Am Ende gibt es noch ein Rezept für die gefrorenen Sahnehäufchen (geschlagene Sahne, zwei Teelöffel Zucker, Orangenöl), die sich nicht nur angenehm im Mund anfühlen, sondern fetten und pflegen.
Hilfe hat auch ihre Grenzen
Es sind diese Tipps aus der Praxis, für die die Teilnehmer besonders dankbar sind. Kleinigkeiten, die das Gefühl geben können, in der schwersten Stunde das Richtige zu tun. Wie hält man zum Beispiel die Hand eines Sterbenden, der nicht mehr sprechen kann? „Von unten, so kann er seine wegziehen, wenn es ihm unangenehm ist. Wenn Sie Ihre Hand von oben darauf legen, kann er das nicht.“ Oder: Was kann man für jemanden tun, der das Bett nicht mehr verlassen kann? „Manche finden es angenehm, etwas Festes unter den Fußsohlen zu spüren, zum Beispiel ein Kissen oder eine zusammengerollte Decke.“ Aber die gut gemeinte Hilfe hat eben auch ihre Grenzen: „Zwingen Sie niemanden, etwas zu essen oder zu trinken. Der Körper braucht es nicht mehr, es ist eine Belastung“, sagt Magdalene Dengel. Den Zustand des geliebten Menschen auszuhalten, auch das muss man lernen.
„Abschied nehmen“ heißt dann der letzte Teil des Kurses. Eine Frau erinnert sich, dass ihre Mutter die Familie mit einer Handbewegung aus dem Zimmer geschickt habe, um allein sterben zu können. Ute Vogt erzählt, dass früher die Spiegel verhängt wurden, wenn jemand zu Hause starb. „Damals hatten die Leute viel mehr Bezug zum Tod“, sagt sie. Magdalene Dengel erklärt, dass ein Verstorbener auch heute noch 36 Stunden zu Hause bleiben darf, bis der Bestatter kommen muss.
Nach rund fünf Stunden ist der Letzte-Hilfe-Kurs zu Ende. Man hat eine Stunde überzogen, es war viel Redebedarf. In der Abschlussrunde sind sich die Teilnehmer einig, dass es ein guter Tag war, ein guter Anfang für das Leben mit dem Ende. Und als sie wieder hinaus auf den Parkplatz treten, scheint dort noch immer die Herbstsonne.