Der große Ofen in der Backstube strahlt mollige Wärme ab. Es duftet nach Hefeteig und Vollkorn. Bäckermeisterin Mariola Nadolski öffnet eine Klappe und streckt die Hand in den Ofen. „Jetzt hat er immer noch Hitze“, sagt sie um die Mittagszeit, nachdem der Ofen am Morgen wie jeden Tag hunderte Brezeln, Brötchen und Brotlaibe gebacken hat. Doch am Morgen des 29. April wird er zum letzten Mal eingeheizt. Nadolski hat sich schweren Herzens entschlossen, die Bäckerei Späth zu schließen.
Auszubildende mit Mehlstauballergie
„Wir sind seit drei Jahren auf der Suche nach gutem Personal, doch es kommt einfach nichts“, sagt die 52-Jährige. Bis Januar stand sie noch mit einem Gesellen und einem Lehrmädchen Nacht für Nacht in der Backstube. Doch die Auszubildende bekam eine Mehlstauballergie. „Sie hat dann noch mit Mundschutz mitgearbeitet, aber das geht ja auf Dauer nicht“, sagt Nadolski. Die Allergie führe zu Hautausschlag und Atembeschwerden. Als sie nur noch zu zweit waren und die Bewerber entweder wenig qualifiziert oder wenig interessiert, fiel der Entschluss. Dabei brummte der Laden zuletzt.
Ein Grund dafür liegt nur ein paar Hundert Meter entfernt: In der Schwabstraße gab die Bäckerei Schall im Herbst des vergangenen Jahres ihr Geschäft auf. Problem auch dort: Fehlendes Personal, steigende Kosten. Die frei werdenden Mitarbeiter konnte Nadolski nicht abwerben. Mit dem Aus von Späth verbleiben in Böblingen nur noch die Bäckerei-Konditorei Frech und Bauer in Dagersheim als backende Betriebe. Ansonsten die Filialen der größeren Betriebe wie Sehne, Treiber oder Wanner. Mit Späth geht ein weiteres Stück Esskultur verloren.
1000 Brezeln pro Samstag
Berühmt waren vor allem die Brezeln, die das Gebäude am Käppele 9 ebenso zieren wie die charakteristischen braunen Tüten mit dem roten Rand. „Ich habe bestimmt drei Monate gebraucht, bis ich gute Brezeln schlingen konnte“, sagt Nadolski. Die klassische Späth-Brezel war so saftig wie knusprig, mit dünnen Ärmchen und nicht zu viel Salz. „Wenn sie morgens zur Neige gingen, haben die Verkäuferinnen in die Backstube gerufen: ,Brezeln sind aus’. Dann haben wir nachgebacken und die Kunden sie noch warm gekriegt“, sagt Nadolski. Zwölf Minuten bei 235 Grad brauchte das Laugengebäck. Mehr als 1000 Stück gingen samstags über die Theke.
Wie es für die Bäckermeisterin weitergeht, weiß sie noch nicht. „Nach der Schule wollte ich entweder Polizistin oder Bäckerin werden, aber für Polizistin ist es jetzt zu spät“, sagt sie und lacht. Im Jahr 1989 begann sie ihre Lehre bei Rosemarie Späth, der Urenkelin des Gründers Wilhelm Schöck. Späth hatte die Bäckerei um 1975 von ihrem Vater Emil Bauerle übernommen. Heute ist sie 72 Jahre jung und vital wie einst. Schon vor rund 20 Jahren entschied sie sich, die Bäckerei an ihre langjährige Gesellin und Meisterin Nadolski zu übergeben. Das jetzige Ende geht nicht spurlos an Rosi Späth vorbei.
Im Keller Mehl in Bio-Qualität gemahlen
„Das nimmt mich schon ganz schön mit“, sagt sie. Seit die Personalsituation so eng ist, springt sie wieder mit ein. „Die haben mich am Samstagmorgen um 2.30 Uhr gerufen, wenn der Teig fertig war, dann bin ich für ein paar Stunden in die Backstube und hab wieder Brezeln geschlungen“, sagt Späth, die mit ihrem Mann Werner in dem Haus am Käppele wohnt. „Aber man kann die Augen nicht vor der Wirklichkeit verschließen“, sagt sie. Die Entscheidung sei nun mal gefallen – schweren Herzens.
Sie, die die Bäckerei mehr als ein Vierteljahrhundert geführt hat, erinnert sich gerne an die Zeit zurück. „Das war schon toll, wie wir uns damals entschieden haben, auf biologisches Vollkornbrot zu setzen und eine eigene Mühle anzuschaffen.“ Stolz führt Mariola Nadolski in den Keller unter der Backstube, wo die hauseigene Mühle und die großen Silos stehen. Noch sind sie gut gefüllt: Dinkel-, Roggen- und Weizenmehl Typ 550 oder 1050 warten auf die Verarbeitung.
Ein zweites Leben für den Ofen?
Ob sich Rosemarie Späth vorstellen kann, wieder an einen Bäcker zu verpachten oder an eine Kette zu vermieten? „Ich bin für alles offen, aber nicht mit aller Gewalt“, sagt sie. Nur wenn die Bäckerei mit dem gleich hohen Qualitätsanspruch weitergeführt werde, sei das vorstellbar. Späth: „Ich will nicht verpachten, nur damit es verpachtet ist.“
Nach dem letzten Tag wird Mariola Nadolski erst mal „Klar Schiff“ machen, sagt sie. Aufräumen, putzen, Unterlagen sortieren. Die Zukunft des Ofens der Marke Winkler ist ungewiss. „Der gehört immer dem Verpächter“, sagt sie. Wer weiß, vielleicht wird ihm ja ein zweites Leben geschenkt?
Das Ende eine Institution
Gründung
Das genaue Jahr der Entstehung lässt sich laut Rosemarie Späth nicht mehr genau beziffern: die Wurzeln liegen in den 1890er-Jahren.
Beginn
Am Anfang war das Backen nur ein Zubrot zum Handel mit Getreide, das aus der familieneigenen Landwirtschaft kam.
Umzug
In den ersten Jahrzehnten befand sich die Bäckerei Schöck auf dem Grundstück Ecke Lange Straße, auf dem heute eine Garage samt Parkdeck steht.Ein Vorfahr von Rosemarie Späth erwarb schließlich das heutige Wohn- und Geschäftshaus, als die Lange Straße neu gebaut wurde und zog um.
Politik
Rosemarie Späth saß von 1989 bis 2014 für die Freien Wähler im Böblinger Gemeinderat und war bei der Wahl 2009 Stimmenkönigin. Von 2004 bis 2019 saß sie im Kreistag.
Ehrenamt
Als Vorständin engagierte sich Späth von 2013 bis 2021 in der Böblinger Bürgerstiftung.